Es gibt so viel zu entdecken – (Foto-)Expedition vor der Haustür – Naturkolumne vom Waldmeister

Haareis | Foto: Michael Zobel

Ich war spazieren. Mit einem guten Freund. Ein kalter Tag, ein kleiner Trampelpfad im Wald an der deutsch-belgischen Grenze. Wir hatten uns viel zu erzählen, viel zu besprechen. Und wir waren mitten in der Natur, machten viele Entdeckungen, Blätter, Pilze, Tierspuren. Wir blieben oft stehen, beobachteten, staunten.

Der Wald war wieder einmal voller Wunder. Gerade hatten mein Freund und ich einen Ast mit Haareis entdeckt. Haareis, ihr wisst nicht, was das ist?
Wikipedia schreibt: Haareis, manchmal auch Eiswolle oder Eishaar genannt, besteht aus feinen Eisnadeln, die sich bei geeigneten Bedingungen auf morschem und feuchtem Totholz bilden können. Haareis entsteht aus dem im Holz enthaltenen Wasser.

Geht mal im Winter mit offenen Augen auf Entdeckungstour im Wald. Frostig muss es sein. Und dann findet ihr es. Sieht ein wenig aus wie vergessene Staubwedel oder Zuckerwatte. Schneefrei muss der Spaziergang durch den Laubwald sein, um die bizarren filigranen Eiskunstwerke zu entdecken. Im ersten Moment denkt man an einen Pilz, trifft man auf die weißen Fäden oder Haare, der es sich auf altem Gehölz gemütlich gemacht hat. Die haarigen Fäden allerdings sind pure Eiskristalle. Ich könnte noch ganz viel erklären, aber das ist hier zu viel. Es geht mir vor allem ums Staunen. Das taten wir ausgiebig.

Plötzlich kam ein Mountain-Biker von hinten. Der Weg war schmal, wir machten Platz. Obwohl er da eigentlich gar nicht fahren durfte. Aber ich war recht freundlich, obwohl ich mich manchmal über diese Zeitgenossen ärgere. Ich sagte: „Dann lassen wir den Fahrer doch mal vorbei …“ Er hielt an und fragte, was ich damit meinte. Ich erklärte, dass ich so meine Erfahrungen habe, mit mangelnder gegenseitiger Rücksichtnahme zum Beispiel, erzählte was von den durch seinesgleichen ramponierten Waldwegen und so weiter.
Daraus wurde ein interessantes und spannendes Gespräch. Seine Meinung ist mir lange nicht mehr aus dem Kopf gegangen. „Früher bin ich auch gewandert“, sagte er, „aber jetzt fahre ich mit dem Rad, da schaffe ich viel mehr Kilometer und sehe viel mehr …“
Ist das wirklich so? Mein Freund und ich waren uns einig, dass es ganz und gar nicht auf die Länge der Strecke ankommt, sondern darauf, sich einzulassen auf die Wunder, die uns überall begegnen und nur auf ihre Entdeckung warten. Erinnert ihr euch, als ich mal über Pilze geschrieben habe? Da waren wir schon mal bei einer Pilzführung für 500 Meter Strecke fast eine Stunde unterwegs. Denn wenn man es einmal schafft, sich auf ein Thema zu konzentrieren, sich der Wunderwelt hinzugeben, dann entdeckt man eine ganz neue, unbekannte Welt, viele Dinge, die wir ansonsten meistens übersehen. Und ich bin davon überzeugt, auf einem Meter im Wald kann ich mehr sehen, mehr entdecken als ein Mountain-Biker auf seinen vielleicht 40 Kilometern …

Ein einfacher Zaunpfosten an der Kuhweide wird im Winter zum Kunstwerk. | Foto: Michael Zobel

Warum schreibe ich das alles? Es ist Jahresanfang, ich bin noch gar nicht in Stimmung, viel am Schreibtisch zu sitzen. Also gehe ich an einem schönen sonnigen Tag zusammen mit meiner Freundin auf unsere Hausrunde. Zur Haustür raus, fünf Minuten später sind wir im Wald. Ich habe meinen Fotoapparat dabei. Eine Stunde Expedition in die nahe Natur.

Das war’s für heute, ich wünsche euch ein ganz tolles neues Jahr mit vielen spannenden Entdeckungen in der näheren und weiteren Natur.

Euer Waldmeister
Michael Zobel

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