Es gibt keinen Plan(et) B

Bei der letzten Demo am 01.03. war ich selbst dabei und konnte mir so ein eigenes Bild von dem umstrittenen Projekt machen. Es ist ein kalter, nasser Freitag, an dem die meisten Schüler aufgrund eines Brückentages eh keinen Unterricht haben, doch trotzdem treffe ich um Punkt 10 Uhr am Elisenbrunnen auf mehrere hundert junge Leute. Geplant ist erst mal ein allgemeines Zusammentreffen mit Musik, kleinem Austausch und Flyerverteilen. Später soll dann ein Rundgang durch die Stadt mit dem Ziel Hauptbahnhof stattfinden. Für die ganze Demonstration sind ein bis zwei Stunden angesetzt, doch Mara erzählt mir, dass es auch schon mal zwei bis vier Stunden werden können. Die 17-jährige Schülerin des St.-Leonhard-Gymnasiums ist seit ein paar Wochen dabei und hat auch schon mehrmals den Unterricht für die Treffen sausen lassen. Ihre Eltern finden es zwar schade, dass die Schule unter den Protesten leiden muss, können das Engagement ihrer Tochter aber gut verstehen und finden auch, dass endlich etwas getan werden sollte. Maras Lehrer hingegen wissen nicht Bescheid, denn ihr Schulleiter wird das Fehlen für den Umweltschutz nicht entschuldigen. Doch Mara ist sich sicher – das Klima wartet nicht auf den Schulabschluss! Und solange ihr die Maßnahmen der Regierung nicht ausreichen, wird sie bei jeder Demo weitermachen.

Während sich alle Schüler und Studenten zusammenfinden und einige vom Aachener Organisationsteam Anstecker, Flyer und Aufkleber verteilen, wird über einen großen, am Auto befestigten Lautsprecher Musik von den Ärzten, Seeed, Michael Jackson oder KIZ und nachher Live-Musik gespielt. Manche singen mit, andere unterhalten sich, aber alle sind motiviert und freuen sich auf die nächsten Stunden und die vielen Teilnehmer. Einige Minderjährige sind sogar in Begleitung ihrer Eltern gekommen, die sich den politischen Einsatz ihrer Kinder nicht entgehen lassen wollen. Wenige Minuten später wird die erste, selbstgeschriebene Rede von einer Schülerin vorgelesen. Sie ist erleichtert, dass trotz des schlechten Wetters so viele erschienen sind, und betont noch einmal, dass Gedichtanalysen oder Algebra bei einer Umweltkatastrophe auch nicht weiterhelfen.

Jeder, der sich traut, kann sich beim Orgateam melden und eine Rede vortragen, manchmal werden auch nur Zitate von Greta Thunberg wiederholt. Zwischendurch werden mehrmals Sprüche wie „What do we want? Climate Justice! When do we want it? Now!“oder „Hambi? Bleibt! Hambi? Bleibt!“ durch die Menge gerufen, und alle halten ihre selbstgemalten Schilder hoch und machen lautstark mit. Der eigentliche Rundgang besteht dann aus einem ständigen Wechsel zwischen Laufen, Reden und Zwischenrufen. Dabei gibt es jedes Mal eine andere Route, oft auch entlang einiger Schulen. Den jeweiligen Weg legen immer die Leute vom Organisationsteam fest, Jannika vom Einhard-Gymnasium ist eine von ihnen. Die Gruppe selbst wechselt ständig ihre Mitglieder, denn jeder, der will, kann mit dabei sein. Die Treffen, bei denen die nächsten Demos und Kundgebungen geplant werden oder der Umgang mit Presseanfragen besprochen wird, finden immer sonntags um 18 Uhr im Rhizom oder AZ statt. Dabei bleiben Mitglieder immer im Kontakt zu anderen Städten, manche sind sogar Teil der bundesweiten Fridays-for-Future-Gruppe.

Da Jannika selbst bereits volljährig ist, halten ihre Eltern den Einsatz für ihre eigene Verantwortung und persönliche Entscheidung, ihrer 13 Jahre alten Schwester erlauben sie die Demo aber nur an einem schulfreien Tag wie heute. Vor allem im zwölften Schuljahr haben Abiturienten ihre Leistungskurse immer freitags, doch Jannika findet, sie kann den Stoff zu Hause gut aufholen. Die meisten ihrer Lehrer kennen auch den Grund für ihr Fehlen an diesem Tag und unterstützen sie, daher glaubt sie, dass sie keine wirklichen schulischen Konsequenzen fürchten muss.

Es ist eine bunt gemischte Truppe, die am 01.03. zusammentrifft, manche sind schon erfahrene Demoteilnehmer und seit Monaten jeden Freitag hier, andere kommen heute zum ersten Mal und rufen am Anfang noch etwas unsicher „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut!“. Doch eins haben hier alle gemeinsam – den Einsatz fürs Klima.

Die junge Generation hat das Nichtstun der Regierung satt und will endlich Veränderungen sehen. Und wenn die Politiker erst durch Regelverstöße und Konsequenz auf die Forderungen der Jugend aufmerksam werden, dann nimmt sie sogar Schuleschwänzen in Kauf. Ich finde das Engagement und die Selbstständigkeit der Teilnehmer von Fridays for Future beeindruckend und bin bei der nächsten Demo mit einigen Freunden selber dabei. Auch wenn ich nicht mehr zur Schule gehe, fürs Klima und die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder lohnt es sich in jedem Fall, auf die Straße zu gehen, viel Zeit bleibt ja auch nicht mehr dafür. Und jetzt mal ganz im Ernst: Würde überhaupt jemand Notiz von den Jugendlichen nehmen, wenn sie sich an einem Samstag träfen statt an einem Schultag?

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