Ein Jahr in der Bürgerstiftung – mein Bundesfreiwilligendienst

Foto: privat

„Und? Wie geht’s jetzt nach der Schule weiter, wo willst du hin?“ – Vor circa einem Jahr stand ich auch vor genau dieser großen Frage, die allen jungen Menschen früher oder später vor die Füße fällt. Ich bin Lineke Bösing, 18 Jahre alt und gehörte zu meinem Unglück noch nie zu den Menschen, die schon in der Mittelstufe ihre Berufung gefunden haben und genau wissen, wie ihr zukünftiger Weg gerne aussehen soll. Ich hatte das Gefühl, einfach noch keine Entscheidung treffen zu können, und fand mich besonders nach G8 noch zu jung und auch zu erschlagen von den vielen verschiedenen Richtungen, in die es gehen könnte.

Ein Jahr „dazwischen“ einlegen

Und so entschloss ich mich, gerade das Abitur in der Tasche, erstmal ein Jahr „dazwischen“ einzulegen. Pause von dem Stress der Schule und Zeit für Orientierung, Erfahrung und neue Aufgaben. Ein Bundesfreiwilligendienst sollte es schließlich werden.
Acht Bewerbungsgespräche führten mich auf der Suche nach den interessantesten Einsatzstellen quer durch Deutschland, und dann bin ich schließlich doch wieder direkt vor meiner Haustür gelandet: in der Bürgerstiftung Lebensraum Aachen! Die Tatsache, dass ich – im Vergleich zu anderen Kolleginnen und Kollegen im BFD – erstmal fünf Sätze ausholen muss, wenn mich jemand fragt, was ich denn gerade mache und wo ich arbeite, spricht schon Bände für die Vielseitigkeit der Einsatzstelle. Für die zwölf Monate durfte ich ein Teil des kleinen Büroteams der Geschäftsstelle sein, das riesengroße Umfeld und Netzwerk kennenlernen und erleben, was im Alltag einer Stiftung für bürgerschaftliches Engagement so alles anfällt.

2005 wurde die Stiftung gegründet und hat seitdem eine ganze Bandbreite von Projekten „von Bürgern für Bürger“ auf die Beine gestellt. Es entstehen Patenschaften zwischen Aachenern und jungen Geflüchteten und ganze Veranstaltungsreihen zum Thema „Demokratie, Menschenwürde, Vielfalt“. Junge Bäume werden Kindern gewidmet, um eine besondere Beziehung zur Umwelt aufzubauen, in den „Neuland-Neustart“-Gruppen bekommen geflüchtete Frauen Unterstützung bei der Integration in Deutschland, ein brandneues virtuelles Straßenmuseum macht die in Vergessenheit geratenen heißen Quellen Aachens wieder sichtbar und ein alternativer Stadtplan weist auf die besten Ecken der Stadt hin. Und das sind nur einige Beispiele der über 20 Projekte.
Projekte, von denen ich zugegebenermaßen im Frühling 2018 noch wenig Ahnung hatte, aber bevor ich mich versah, war ich schon voll involviert und fleißig damit beschäftigt, mich in die Stiftungswelt einzufinden.

Jeder Tag in der Stiftung ist anders

Von der Beantwortung von Mails und der Bearbeitung der Homepage über die Unterstützung der Projektleiter/-innen und Aktivitäten in den Projekten bis zur Beteiligung in der Planung und Durchführung von Veranstaltungen, der Organisation von Meetings und Öffentlichkeitsarbeit war wirklich alles dabei. Nach einer kurzen Einarbeitungszeit durch meine Vorgängerin im BFD startete ich am 1. September (direkt am Stand der Bürgerstiftung am Tag der Integration im Eurogress), lernte schnell, selbständig zu arbeiten, und fand mich sehr einbezogen in unserem kleinen Team. Die Geschäftsstelle ist der Knotenpunkt der Stiftung, hier laufen die Fäden der Projekte und Ehrenamtler/-innen zusammen und hier werden neue Ideen hingetragen. In der Stiftung ist jeder Tag anders. An dem einen verbringt man den gesamten Tag mit seinen Mails und der Öffentlichkeitsarbeit, am nächsten jongliert man eine Pressekonferenz, zwei Meetings und eine Abendveranstaltung und begleitet am dritten die Ehrenamtler/-innen direkt in ihren Projekten. An Abwechslung fehlt es auf jeden Fall nie in der Burg Frankenberg.
Auch wenn es zwischendurch anstrengend wird und die Dynamik der Stiftung ab und zu in Stress umkippen zu droht (wobei das wohl bei jeder Einsatzstelle so ist), bin ich sehr dankbar, diese Gelegenheit bekommen und ergriffen zu haben. Nicht zuletzt sorgte dieses Jahr auch dafür, dass ich meine Heimatstadt Aachen noch viel besser kennenlernen konnte.

Während ich schon hörte, dass manche meiner Freunde im BFD nach einem Jahr die Tagesabläufe schon als Routine empfanden und wieder Lust auf den nächsten Lebensabschnitt bekamen, ging es für meinen Kollegen und mich im Frühling nochmal richtig los: Wir feierten 70 Jahre Grundgesetz im Ballsaal des Alten Kurhauses, waren bei Lesungen, Diskussionen und Vorträgen der Stiftung und durften sogar im Mai mit nach Berlin fahren, um eine Auszeichnung der Stiftung Aktive Bürgerschaft für die Bürgerstiftung Lebensraum Aachen entgegenzunehmen.

Unglaublich bereichernd

Im Rahmen eines Freiwilligendienstes nimmt man außerdem an 25 Bildungstagen zusammen mit anderen Freiwilligen teil. In meinem Fall lief das über das Deutsche Rote Kreuz als Träger und fand meistens in Köln statt. Der Austausch mit den anderen ist immer spannend, und auch wenn – oder gerade weil – ich mit meiner Einsatzstelle schon sehr aus den klassischen sozialen Bereichen herausstach, waren die Seminarwochen eine interessante Bereicherung zwischen der Arbeit.

Viele meiner Freunde sind nach dem Abitur direkt ins Studium abgetaucht, aber ich bin froh, meins jetzt erst ein Jahr später zu beginnen. Einen Bundesfreiwilligendienst oder ein FSJ kann ich wirklich jedem empfehlen, es ist unglaublich bereichernd! Für mich brachte die Zeit genau das, was ich mir erhofft hatte, und mehr: Erfahrung, eine Menge neuer Kontakte, Routine und Geschwindigkeit in den Dingen, die man oft gerne vor sich herschiebt, Lust auf mehr ehrenamtliches Engagement, viel Spaß und Orientierung!

Text: Lineke Bösing

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One response to “Ein Jahr in der Bürgerstiftung – mein Bundesfreiwilligendienst

  1. Vielen Dank für den tollen Beitrag. Ich möchte ähnlich vorgehen, wie du, sprich erstmal ein Jahr „dazwischen“ einlegen, wenn ich mein Abitur in der Tasche habe. So eine Pause von dem Stress der Schule und Zeit für Orientierung, Erfahrung und neue Aufgaben, klingen wirklich toll. Genau wie bei dir soll es für mich ein Bundesfreiwilligendienst werden. Für weitere Details möchte ich mich nun über Stellen beim Bundesfreiwilligendienst in Hannover informieren.