Treffen sich ein kommunistisches Känguru und ein Kleinkünstler (der bloß nicht so genannt werden möchte!) auf einer Bühne …
… sitzt man in der szenischen Lesung des Bestsellers „Die Känguru-Chroniken“ im forum M, bei deren Premiere mein Freund und ich am 11. September 2026 zu Gast waren.
Wer nun eine gewöhnliche Lesung erwartet hat, liegt daneben. Tobias Steffen vom DAS DA THEATER liest nicht stumpf vor, sondern schlüpft in alle Rollen des Romans von Marc-Uwe Kling. Die Geschichte beginnt, als ein vorlautes, kommunistisches Känguru an die Tür von Marc-Uwe klopft. Kurz darauf zieht es ungefragt bei dem erfolglosen Kleinkünstler ein. Von da an ist Marc-Uwes Alltag vorbei. Das Känguru liebt Schnapspralinen, kämpft gegen den Kapitalismus und sorgt für Chaos. In kurzen Episoden erzählt das Buch vom Zusammenleben der beiden in Berlin.
Ein Darsteller, viele Gesichter
In der nachgestellten Wohnung des Kleinkünstlers Marc-Uwe als Schauplatz führt Steffen eine Auswahl von Kapiteln auf, nicht zwingend in chronologischer Reihenfolge. Dabei liest er den Text nicht bloß ab, er erweckt ihn zum Leben. Fließend wechselt er zwischen den einzelnen Charakteren hin und her. Er passt Gestik, Stimmlage und Dialekt an die jeweilige Figur an, vom vorlauten Beuteltier bis zum einfältigen Wachtmeister Schmidt, der vom Känguru völlig verwirrt wird. Dabei ist er sich für keine absurde Mimik zu schade und mit vollem Körpereinsatz dabei. Ein verzerrtes Gesicht, ausdrucksstarke Blicke oder physisches Engagement auf der Bühne. Das Ganze mit einer Geschwindigkeit, durch die glaubwürdige Dialoge entstehen. Narrative Passagen trägt er präzise vor, baut die Absurdität der Szenen auf und serviert Punchlines trocken und treffsicher. Schon vor Beginn der Aufführung regt Tobias Steffen das Publikum zur Mitwirkung an, witzeln ist ausdrücklich erlaubt. Auf Zwischenrufe reagiert er schlagfertig und bindet sie ins Geschehen ein.
Ein frischer Spin für Kenner und Neulinge
Mein Begleiter konnte den Text regelrecht mitsprechen, er ist großer Fan der Känguru-Chroniken. Wenn man sie bereits kennt, verlieren manche der Witze und Pointen ihren ursprünglichen Effekt. Trotzdem fühlte er sich gut unterhalten. Tobias Steffen schenkt den Charakteren, die man sonst nur vom Lesen oder Zuhören kennt, mit all ihren Eigenheiten eine physische Präsenz. Dadurch belebt er die Geschichte neu und gibt ihr einen erfrischenden, eigenen Spin.
Ich kannte die Geschichten zwar vorher nicht so gut und tiefgehend, finde die Buchvorlage von Marc-Uwe Kling aber auch großartig. Sie wurde von Tobias Steffen hervorragend herübergebracht, keine Punchline ging verloren. Wir empfehlen das Stück vor allem Känguru-Chroniken-Neulingen, aber auch Kenner werden auf ihre Kosten kommen. Nicht nur wir waren überzeugt, auch das restliche Publikum war hörbar begeistert.
Aufgeführt wird das Stück bis Anfang November im forum M der Mayerschen Buchhandlung. Es dauert inklusive Pause circa zwei Stunden und 15 Minuten und richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. In der Pause kann man kalte Getränke erwerben und auf der Dachterrasse frische Luft schnappen.
forum M der Mayerschen Buchhandlung
Buchkremerstraße 1-7
52062 Aachen
Karten und Termine
dasda.de/das-da-theater/programm/spielzeit-26-27/die-kaenguru-chroniken
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