Driescher Hof: Anwohner bemängeln fehlende Wertschätzung durch die Stadt

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Sieben Jahre für einen neuen Spielplatz, weitere trostlose Grünflächen und Vermüllung zwischen den Wohnhäusern. Auch jenseits dieser Eindrücke genießt der Aachener Stadtteil Driescher Hof mit hoher Arbeitslosigkeit und Kinderarmut keinen sonderlich guten Ruf. Die Anwohner sind sich einig, ihrem Stadtteil wird wenig Wertschätzung entgegengebracht. Die Quartiersanalyse der Stadt hat nun ergeben, dass sich dennoch 85 Prozent der Bewohner wohlfühlen. Diese Zahl stößt bereits vor der Präsentation der Ergebnisse auf Irritation. Beim gemeinsamen Gespräch wird deutlich, dass sich trotz der hohen „Wohlfühlquote“ einiges ändern muss.

Kurz vor Beginn der Präsentation war der Raum bereits gut gefüllt. In mehreren Reihen saßen ungefähr 50 Personen in der Mehrzweckhalle der Offenen Tür, die für den Termin ihre Pforten nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene geöffnet hatte. Nachdem eine letzte Gruppe hereingekommen war, die lieber hinten im Raum stand, als sich in die unbesetzt gebliebene erste Reihe zu setzen, eröffnete Sandra Jansen den Abend. Die Leitung der OT begann mit ein paar allgemeinen Sätzen zur Begrüßung und zu ihrer Einrichtung.

Danach übernahm für die Stadt Frau Begaß, Leitung der Planungsabteilung des Fachbereichs Wohnen, Soziales und Integration, das Wort. Frau Begaß präsentierte den Gästen alle wichtigen Ergebnisse aus der Quartiersanalyse und dem Quartierscheck.
Bei der Quartiersanalyse wurden allen 2.500 Haushalten im Driescher Hof sechsseitige Fragebögen zugesandt, die Fragen zum Wohnumfeld, zum sozialen Umfeld und zur persönlichen Wohnsituation sowie allgemeine Fragen enthielten. Um den Kindern und Jugendlichen im Viertel ebenfalls eine Stimme zu geben, wurden im Zuge eines Quartierschecks Fotostreifzüge durch den Stadtteil durchgeführt. Dabei haben Kinder und Jugendliche Orte im Viertel, die sie schön, und solche, die sie nicht schön finden, festgehalten.
Diese beiden Methoden wurden genutzt, damit sich die Stadt und der Fachbereich ein aussagekräftiges Bild vom Viertel machen können, das über die Erfassung der regulären empirischen Daten hinausgeht. Hintergrund für diese aufwendige Analyse des Viertels ist die Situation im Quartier. Dem Driescher Hof eilt kein sonderlich guter Ruf in Aachen voraus, der Stadtteil wird als Viertel mit besonderen Herausforderungen wahrgenommen, was Daten wie besonders hohe Kinderarmut und Arbeitslosigkeit nahelegen.
Um die Befragung auch den Bürgerinnen und Bürgern, die kein Deutsch sprechen, zugänglich zu machen, hat die Stadt den Fragebogen außerdem online auf Russisch, Türkisch und Englisch zur Verfügung gestellt und ist gleichzeitig mit Personal ausgerückt, um den Haushalten persönlich beim Ausfüllen der Fragebögen zu helfen. Dank dieser Bemühungen konnte man eine hohe Quote an Antworten bei den Anwohnern im Viertel erzielen, von 2.500 Haushalten haben 599 den Fragebogen beantwortet zurückgeschickt.

Grünflächen, Infrastruktur und Vermüllung – Stärken und Schwächen des Viertels

Auffällig war bei der Datenerhebung, dass die beantworteten Fragebögen zu ungefähr 50 Prozent von Wohnungs- oder Hauseigentümern und zu 50 Prozent von Mietern kamen, was nicht der Eigentumsquote im Viertel entspricht. Grund für den Zuzug ins Viertel war bei fast der Hälfte der Befragten eine passende Wohnung, die sich im Driescher Hof finden ließ. Viele sind außerdem ins Viertel gekommen, da es dort noch Wohnungen zu vergleichsweise günstigen Preisen gibt.

Insgesamt ließ sich außerdem festhalten, dass 85 Prozent der Befragten sich im Driescher Hof wohlfühlen. Eine Zahl, die im Publikum und auch im Vorhinein bereits sichtlich auf Irritation stieß. Hier versuchte Frau Begaß, dem Publikum eine Sorge zu nehmen: „Auch wenn wir hier sehen, dass sich 85 Prozent im Viertel wohlfühlen, werden wir dies nicht als Anlass nehmen, um nun doch keine Handlungsinitiative zu ergreifen.“ Stärken des Quartiers sind für die Befragten die gute Verkehrsanbindung an die Stadt, Geschäfte und Grünflächen im Viertel sowie die Nähe zum Wald.
Das Viertel wird als ruhiger Ort wahrgenommen, an dem nicht viel los ist. Ob das als Positiv- oder Negativfaktor gesehen wird, ist von Anwohner zu Anwohner unterschiedlich. Hilfsstrukturen finden die Anwohnerinnen und Anwohner meist im direkten sozialen Umfeld der Familie und bei Freunden. Außerdem hob die Referentin positiv hervor, dass ein Großteil der Befragten den Aussagen „Es gibt eine nette Nachbarschaft im Stadtteil“ (80 %), „Jede Kultur ist willkommen“ (68 %) und „Hier fühle ich mich sicher“ (68 %) ganz oder teilweise zustimmte. Auch wenn alle drei Aussagen positiv hervorgehoben wurden, fällt auf, dass bei der Frage zur Sicherheit im Stadtteil 26 Prozent, „stimmt eher nicht“ oder „stimmt gar nicht“ angegeben haben. Ob die Sicherheit im Stadtteil hervorzuheben ist, obwohl sich jeder vierte Bewohner an seinem Wohnort nicht sicher fühlt, bleibt ungeklärt.

Auch wenn sich ein Großteil der Befragten am Driescher Hof im Großen und Ganzen wohlfühlt, hat der Stadtteil an einigen Ecken seine Probleme und Schwächen. Mit Abstand am häufigsten äußerten die Befragten mangelnde Sauberkeit als Hauptproblem, darunter fallen Verschmutzung, wilder Müll und Hundekot. Außerdem gehört das Thema Zuwanderung und ausländische Bevölkerung im Viertel zu den formulierten Problemen im Stadtteil. Weiterhin sind der Autobahnlärm und Raserei in den 30er-Zonen häufig Grund für eine negative Wahrnehmung des Wohnumfelds. Auf die Frage „Was muss dringend verbessert werden?“ gaben über 50 Prozent an, dass der Stadtteil unbedingt öffentliche Toiletten benötige, fast 40 Prozent beklagten einen Mangel an Kulturveranstaltungen und nahezu 30 Prozent fehlende Sitzgelegenheiten, Gastronomie und Sportmöglichkeiten. Auch wenn die OT D-Hof ein wichtiger Anlaufpunkt und Ort zur Freizeitgestaltung ist, besteht dennoch ein größerer Bedarf an Angeboten für alle Altersklassen.

Was denken Kinder und Jugendliche über ihren Stadtteil?

Bei den Fotostreifzügen im Zuge des Quartierschecks hat sich ein ähnliches Bild ergeben wie bei der Befragung der Erwachsenen. Stärken des Viertels sind die Schule und die OT D-Hof, die Kinder und Jugendlichen schätzen die Angebote, die ihnen dort zur Verfügung stehen. Außerdem bilden die Grünflächen und Spielplätze wichtige Orte für die Kinder und Jugendlichen. Positiv fallen den Kindern außerdem die Graffiti im Stadtteil auf, die diesen für sie bunt und spannend machen.
Bei den Lieblingsorten der Kinder wird aber auch deutlich, wie sich ihr Blick auf die Welt von dem der Erwachsenen unterscheidet. So nennen die Kinder einen ausgehöhlten Baumstamm und den Friedensbrunnen in der Königsberger Straße als ihre Lieblingsorte im Viertel. Der Baumstamm erfreut sich bei Fantasie- und Rollenspielen aller Art großer Beliebtheit, und am Brunnen genießen die Kinder die Möglichkeit, mit Wasser zu spielen. Allein vom Aussehen wäre der Brunnen und der Platz um ihn bei den Erwachsenen eher nicht auf einer Liste der Lieblingsorte gelandet.

Die Kinder sagen zu den Stärken ihres Viertels: „Ich liebe die OT, weil ich hier oft in den Toberaum gehe.“ Oder: „Ich finde den Bolzplatz schön, denn ich liebe Fußball, weil das auch das Hobby von meinem Vater ist. Ich spiele jeden Tag. Man kann hier beim Fußballspielen zuschauen oder selber spielen, das finde ich hier am tollsten.“
Carina Begaß betonte dazu nochmals, dass die positive Bewertung mancher Orte noch lange nicht heiße, dass es keinen Verbesserungsbedarf gebe. Dass Kinder mit ihrer Fantasie auch eine Fläche ohne Spielgeräte für ihre Spiele nutzen können, ist klar, dennoch würden sie eine liebevoller gestaltete Umgebung vorziehen. Das Gleiche gelte auch für den Brunnen, hier laufe zwar Wasser, wirklich kindgerecht und attraktiv gestaltet sei der Platz aber nicht. Das zeigt auch ein Blick auf die Schwächen, die die Kinder hervorhoben. Auch hier ist wie bei den Erwachsenen der Müll ganz vorne mit dabei, die Kinder fotografierten überquellende oder verbrannte Mülltonnen. Außerdem hielten sie leere, lieblos gestaltete Flächen fest. Ein Kind sagte dazu: „Ich finde den Spielplatz gar nicht schön. Hier gibt es gar keine Geräte und man kann nichts machen.“ Ein anderes Kind sagte: „Ich finde es blöd, dass die Mülltonnen verbrannt sind. Die sind auch immer noch nicht entsorgt worden. Es stinkt hier so richtig, die armen Bewohner. Mir gefällt nicht, wenn der Müll nicht in den Mülleimer geworfen wird, denn die Tiere könnten das fressen.“

Negativbeispiele:

Positivbeispiele:

(Die Fotos, die Kinder aus dem Viertel gemacht haben, wurden von der Stadt Aachen zur Verfügung gestellt)

Gesprächsbedarf, Kritik und Frustration

Nachdem die Umfrageergebnisse präsentiert worden waren, gab es Zeit, mit Carina Begaß ins Gespräch zu kommen und in der Runde Fragen zu stellen. Der Gesprächsbedarf wurde dabei rasch deutlich. Auf inhaltliche Fragen zu den Umfrageergebnissen folgte schnell Kritik an mangelnder Repräsentanz der Quartiersanalyse, da die Stadt den Fragebogen nicht in genügend Sprachen zur Verfügung gestellt habe und somit nicht alle Anwohner erreichen konnte. Dann begannen die Anwesenden, ihre Meinung zu verschiedenen Problemen im Stadtteil näher zu begründen und Probleme aufzuzeigen, die in der Präsentation zur kurz gekommen seien. Insgesamt herrschte eine angespannte Stimmung. Dass der Frust über Probleme im Stadtteil bei vielen groß ist, wurde sehr deutlich. Die Bürger im Driescher Hof fühlen sich abgehängt, in den letzten 30 Jahren sei nicht viel passiert, es scheint ein großes Misstrauen und Frustration gegenüber der Politik und der Stadt zu herrschen. Die Themen der Redebeiträge: Vermüllung in und zwischen den Wohnhäusern, fehlende Spielplätze und rasende Autos (und Fahrräder) in der 30er-Zone. Eine Frau, der die Erhaltung von Grünflächen und der Verzicht auf weitere Bebauung am Herzen liegt, erntet Applaus von den anderen Anwesenden. Ein Mann schildert, dass er häufig nach dem Wochenende bei seinem morgendlichen Spaziergang in Richtung Brander Wall am Grillplatz Müll und menschliche Fäkalien vorfinde.

Während Frau Begaß sich den Fragen und der Kritik stellte und souverän und ehrlich Stellung bezog, sammelte ihr Kollege Bodo Lamp (Quartiersmanager Forst/Driescher Hof) die genannten Punkte und schrieb sie an die passenden dafür vorbereiteten Tafeln an einer Seite des Raums. Als sich die Felder für die Themen, Ideen und Anregungen rund um die Punkte „Müll, Sauberkeit“, „Wiesen, Parks“ und „Mobilität“ immer mehr füllten, war es gegen Ende der Gesprächsrunde Sandra Jansen noch einmal wichtig, das Wort zu ergreifen. Sie machte sich für die Kinder, Jugendlichen und Familien stark, denen eine Stimme fehle. Sie sagte, dass inzwischen ihre Klienten mit immer mehr und größeren Problemen zu ihnen kämen, bei denen die OT als zentrale Einrichtung im Stadtteil keine Abhilfe mehr leisten könne. Deshalb sei es wichtig, das Hilfs- und Beratungsnetz im Viertel wesentlich zu verbessern, um so den von Armut und anderen Problemen betroffenen Familien die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Die Stimmung im Raum wurde in einem der letzten Redebeiträge des Aachener SPD-Ratsmitglieds Sebastian Becker, der als Anwohner im Publikum saß, noch einmal treffend zusammengefasst. Becker sagte, dass die Ergebnisse der Umfrage nicht neu seien und niemanden überraschten. Die 85 Prozent der Befragten, die sich wohlfühlten, kämen daher, dass man sich eben in den langen Jahren, die man nun im Viertel lebe, arrangiert habe und das Beste aus der Situation mache. Dennoch habe sich an Problemlagen im Driescher Hof in den letzten Jahrzehnten kaum etwas geändert. Sieben Jahre habe man nun auf den neuen Spielplatz an der Stettiner Straße gewartet, das sei eine lange Zeit. Entscheidend sei, dass die Wertschätzung für den Stadtteil fehle. Dass nun viel Arbeit in die Erfassung gesteckt wurde, sei wichtig, noch wichtiger werde es aber sein, nun ins Handeln zu kommen und die Probleme endlich anzupacken. Nicht zuletzt aus Wertschätzung gegenüber den Anwohnerinnen und Anwohnern. Damit traf er an diesem Abend ins Schwarze und fasste die Situation hier vor Ort passend zusammen. Nachdem die gemeinsame Diskussionsrunde beendet war, bestand die Möglichkeit, sich weiter auszutauschen und eigene Anregungen auf Zettel an die dafür vorgesehenen Tafeln zu heften. Carina Begaß betonte, dass es dem Fachbereich nun wichtig sei, mit den gesammelten Informationen zu arbeiten und sowohl langfristige, (Aufwertung der Grünflächen, neue Spielplätze) als auch schnelle, einfache Maßnahmen (Tempoanzeigen in der 30er-Zone, neue Mülleimer) in Angriff zu nehmen. Wie das gelingen wird, muss sich nun zeigen. In der darauffolgenden Woche wurde zumindest schon einmal der lang ersehnte neue Spielplatz Stettiner Straße eröffnet.

Neuer Spielplatz in der Stettiner Straße

Update:

Während des Gesprächs wurde immer wieder angemerkt, dass sich viele Autos vor der Grundschule Driescher Hof nicht an die Tempo 30er Beschränkungen halten würden. Gefordert wurde, dort eine Dialogtafel einzurichten, die den Autofahrern ihre Geschwindigkeit anzeigt. Bereits am 06.09 wurde von Seiten der Stadt, ein Gespräch mit der Schulleitung durchgeführt, eine entsprechende Tafel soll noch in diesem Monat aufgehängt werden.

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