Das trojanische Kraut

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„Da reißen die Gören einfach mitten im Wald Pflanzen aus und trampeln alles platt, und der Lehrer macht auch noch mit!“, mag sich manch ein Spaziergänger im Aachener Wald Anfang Juli echauffiert haben.
Doch die vermeintlichen Vandalen sind in Wahrheit junge Naturschützer, die unter Anleitung von NABU-Mitglied Volker Dohm und in Absprache mit dem Forstamt die heimische Flora und Fauna zu retten versuchen.

Was sie da ausreißen, ist nämlich kein harmloses Waldblümchen, sondern Impatiens glandulifera, das Indische Springkraut – ein sogenannter Neophyt. „Die Überlebensstrategie der Pflanze ist einfach“, erklärt Volker Dohm. „Schneller wachsen als alles andere.“ Das Springkraut verschwendet keine Zeit auf die Ausbildung eines tiefen Wurzelwerks und verbraucht nur so viel Material für seine Hohlstängel und die wenigen Kronenblätter, wie unbedingt nötig ist. Mit dieser Taktik überwuchert es im Nu alle Nachbarpflanzen und nimmt ihnen das Licht, bis sie absterben. Selbst junge Bäume haben gegen den aggressiven Eindringling keine Chance. Am Ende der Entwicklung stehen weite Flächen mit Springkraut-Monokultur.

„Exotik im Wald“ hat hier nichts zu suchen

Die meterhohen Pflanzen mit ihren auffälligen roten und pinkfarbenen Blüten sorgen für eine Portion „Exotik im Wald“, wie Volker Dohm es ausdrückt, die Freude an der Blütenpracht vergeht aber schnell, wenn man sich klarmacht, dass das Springkraut die ortstypische gemischte Vegetation verdrängt und damit auch für die angestammte Tierwelt eine Bedrohung darstellt.

Die Klasse 6d des Pius-Gymnasiums hat den Invasoren jedenfalls den Kampf angesagt und macht sich mit Handschuhen bewaffnet an die Arbeit. „Wenn euer Haufen größer wird als der der anderen Gruppe, gibt es in der letzten Stunde vor den Ferien eine Überraschung.“ Angestachelt von Lehrer Dieter Gillessen tauchen die Schüler in das grüne Meer, denn obwohl das Springkraut seine endgültige Höhe noch nicht erreicht hat und noch vor der Blüte steht, überragt es viele der 11- bis 13-Jährigen bereits. Die Kinder lernen schnell, das Springkraut von heimischen Pflanzen zu unterscheiden, und ac-kern sich systematisch durch den Bewuchs der Lichtung. Armeweise schleppen sie Grünzeug an den Wegesrand und häufen es zu beachtlichen Hügeln auf. „Es ist wichtig, das Springkraut nicht einfach am Waldboden liegen zu lassen“, erklärt Volker Dohm, „es kann nämlich an jedem Stängelknoten neue Wurzeln ausbilden.“ Ob die Maßnahme aber wirklich nachhaltig Wirkung zeigt? Volker Dohm ist davon überzeugt: „Schwarzwälder Naturschützer berichten von guten Erfolgen. Die Auen der Murk sind bereits springkrautfrei. Es ist allerdings wichtig, noch vor der Blüte anzufangen und einen Großteil des Vorkommens zu erwischen. Wenn das Springkraut dann blüht, verrät es sich selbst. Man kann mit einer kleinen Gruppe nacharbeiten und die übriggebliebenen Pflanzen ausreißen.“ Dennoch muss die Aktion auch in den Folgejahren wiederholt werden, denn die zahlreichen Samen bleiben im Boden lange keimfähig.

Vielleicht sind die Schüler der 6d im nächsten Jahr auch wieder dabei, denn abgesehen davon, dass sie sich um die heimische Flora und Fauna sorgen, macht das Springkrautrupfen „viel mehr Spaß als Reli und Musik!“ Volker Dohm würde sich jedenfalls über die Beteiligung weiterer Schulklassen oder Gruppen engagierter Bürger freuen und ist gerne bereit, Teams zu beraten und zu begleiten. „Eine Familie hat sogar einen Kindergeburtstag mit einer Springkraut-Aktion eingeleitet“, freut er sich, „und im Preuswald haben sich Anwohner der Sache verschrieben.“ Auch Einzelkämpfer können beim Waldspaziergang einen Beitrag leisten oder sich NABU-Springkrautaktionen anschließen. Neben den Lichtungen im Aachener Wald ist auch das Wurmtal stark gefährdet. Bleibt zu hoffen, dass den Wurmufern das Schicksal der Auen an Agger oder Sieg erspart bleibt; hier ist der Befall so weit fortgeschritten, dass die Naturschützer vor Impatiens glandulifera kapitulieren mussten.

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Info: Das Indische Springkraut

Impatiens glandulifera, auch Drüsiges Springkraut oder, euphemistisch, Emscher- oder Wupperorchidee genannt

Das Indische Springkraut ist eine einjährige, leicht giftige Pflanze aus der Familie der Balsaminengewächse. In der Blütezeit (zwischen Juli und Oktober) ist es leicht an seinen duftenden rosaroten Blütentrauben und seiner Wuchshöhe von ca. zwei Metern zu erkennen. Die Pflanze wurzelt flach und wächst vorzugsweise an feuchten, hellen Plätzen, weshalb sie oft an Flussufern und auf Lichtungen anzutreffen ist. Seinen Namen trägt das Indische Springkraut, weil es sich wie alle Impatiens-Arten mit Hilfe von zellsaftgefüllten Kapseln verbreitet, die bei Berührung aufspringen und die Samen wie Geschosse in der Umgebung verteilen. Eine einzelne Pflanze kann bis zu 4.000 Samen produzieren. Der Neophyt (von Menschen eingeschleppte fremde Pflanzenart) stammt aus dem Himalaya und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts als Zierpflanze nach England eingeführt. Inzwischen ist er in ganz Europa verbreitet und stellt vielerorts eine Bedrohung für indigene Tier- und Pflanzenarten dar.

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Der Artikel wurde 2012 für KingKalli verfasst, aber die Springkrautbekämpfung muss weitergehen.
Hier die Termine für 2016:

30. Juli und 13. August
der Ort wird noch bekannt gegeben

Kontakt & Anmeldung:
Volker Dohm, info@nabu-aachen.de
0241 870891 | www.nabu-aachen.de



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