Coronazeit: Schüler/-innen der StädteRegion Aachen fordern mehr Mitspracherecht

in Aktuelles um die Ecke

Der Präsenzunterricht an Schulen wird erneut bis zum 14. Febraur 2021 ausgesetzt. Wie es danach weitergeht, bleibt abzuwarten. Gelingt Schule auf Distanz überhaupt? Fühlen sich Schüler/-innen gut aufgehoben?

Nino-Pascal Bündgen, Schüler/-innensprecher der StädteRegion Aachen, Jugendparlamentsvorsitzender der Kupferstadt Stolberg und Mitglied der jeweiligen Schüler/-innen- und Jugend-Landesvertretungen (Landesschüler/-innenvertretung NRW / Kinder und Jugendrat NRW) hat mit uns über Ängste und Sorgen der Schüler/-innen in der aktuellen Krise gesprochen. Woran hapert es? Was sind die Herausforderungen und was könnte anders gemacht werden?

Wie bewerten die Schüler/-innen den bisherigen Verlauf des Schuljahrs?
Durchwachsen. Manche kommen mit der Situation problemlos zurecht – auch weil ihre Schulen sich sehr gut auf den Digitalunterricht eingestellt haben. Andersherum ist es so, dass viele Schüler und Schülerinnen zurückgelassen worden sind. Insbesondere im Bereich von Real-, Haupt- und Berufsschule bekomme ich durch das Feedback der Schüler und Schülerinnen mit, dass sie sich überfordert fühlen. Aber auch in Gymnasien gibt es Schwierigkeiten. Dies liegt vor allem an der Vermittlungsweise des Unterrichtsstoffes. Wir reden im Extremfall davon, dass der Unterrichtsgegenstand in fünf Minuten besprochen wird und im Anschluss daran 85 Minuten am Stück schriftliche Aufgaben bearbeitet werden, die dann auch noch mit Noten bewertet werden.

In deiner Pressemeldung weist du darauf hin, dass der Unterricht hauptsächlich auf der Bearbeitung schriftlicher Aufgaben basiert und wenig mündliche Mitarbeit möglich ist. Was wäre da deiner Ansicht nach die bessere Lösung?
Zum einen sollte versucht werden, den Umfang der Bearbeitung schriftlicher Aufgaben während des Unterrichts zugunsten eines interaktiveren Unterrichtsgeschehens zu reduzieren. Das heißt, der Lehrer oder die Lehrerin sollte den Stoff stärker in erklärender Form vermitteln, es sollte möglich sein, Rückfragen zu stellen, zu diskutieren oder auch Aufgaben exemplarisch zusammen zu lösen. Auch sollten Pausen eingeplant werden, um mal frische Luft zu tanken, denn sechs Stunden vor dem Bildschirm zu sitzen ist nicht das Angenehmste und nicht förderlich für die Aufnahme- und Konzentrationsfähigkeit. Nach dem Lockdown, wenn die Situation es zulässt, sollte man das Hybridmodell fahren, das fordern wir schon seit dem Beginn der Pandemie. Das heißt, dass nicht alle Schüler und Schülerinnen gleichzeitig in der Schule oder Klasse anwesend sind und es eine Mischung aus Digital- und Präsenzunterricht gibt. Die Schulministerin spricht allerdings von der Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts nach dem Ende des Lockdowns, obwohl man das im Moment noch überhaupt nicht absehen kann.

Schüler/-innen denken über Abbruch der Laufbahn nach

Welche Nachteile und Befürchtungen bringt der momentane digitale Unterricht mit sich?
Die größte Angst ist, dass der Notenschnitt nach unten rutscht. Bei vielen Schülern und Schülerinnen, die sonst im Präsenzunterricht andere Noten schreiben, macht sich das bemerkbar. Die ausschließliche Bewertung auf Basis des rein digitalen Unterrichts in der beschriebenen Form ist halt so nicht möglich. Es entsteht ein unglaublicher Leistungsdruck, zumal wenn es noch technische Probleme gibt. Wenn man aus Lernplattformen wegen Überlastung der Server rausfliegt oder man sich erst gar nicht einloggen kann, Aufgaben sich nicht runterladen lassen oder das Hochladen nicht klappt, verursacht das alles Stress. Wir alle kennen die gestresste oder genervte Reaktion, wenn bei uns selbst das WLAN zu Hause oder bei der Arbeit nicht funktioniert oder instabil ist. Wenn man sich in einer Lern- oder Bewertungssituation und unter Zeitdruck befindet, potenziert sich dieser Stress noch einmal. Dieser Druck veranlasst manche Schüler und Schülerinnen dazu, darüber nachzudenken, ob sie ihren Abschluss überhaupt schaffen oder nicht lieber abbrechen sollen. Ein Schülerin der Q2 hat sich zum Beispiel in einem Gespräch, welches mich auch emotional mitgenommen hat, weinend an mich gewendet, da sie das Gefühl hat, ihr Abitur unter den momentanen Bedingungen nicht schaffen und so nicht weitermachen zu können. Es darf nicht sein, dass Entscheidungen des Ministeriums solche Reaktionen bei Schülern und Schülerinnen hervorrufen. Es müsste geschaut werden, dass auch solche Schüler und Schülerinnen mitgetragen werden, die nicht fürs digitale Lernen gemacht sind – und das betrifft meinem Eindruck nach viele. Bei den Schülern und Schülerinnen der Q2 können die Kernlehrpläne für das Abitur nicht vernünftig abgearbeitet werden. Das Schul- und Bildungsministerium hat darauf nur damit reagiert, den Themenkatalog breiter zu machen. Natürlich muss es einen Grundkatalog an Themen geben, aber wir fordern, dass die Lehrer und Lehrerinnen individuelle Anpassungen machen dürfen. Generell geht das Bildungsministerium jedoch wenig auf die Forderungen der Schülervertretungen ein.

Kindeswohlgefährdung auch bei Jugendlichen ein Problem

Welche anderen Probleme siehst du, die vielleicht nicht direkt etwas mit dem Lernen und der Bewertung der Schüler und Schülerinnen zu tun haben?
Eine weitere Sorge, die mehr Beachtung finden muss, ist die der häuslichen Gewalt, die bereits im ersten Lockdown ein Thema war. Schüler und Schülerinnen können ihren Eltern nicht mehr ausweichen, wenn sie Probleme zu Hause haben, weder in der Freizeit noch im Schulalltag. Die Lehrer und Lehrerinnen hatten in der Schule Zugriff auf die Kinder und Jugendlichen, sodass sie mitbekommen konnten, wenn etwas nicht stimmt beim Schüler oder der Schülerin, und ihn oder sie darauf ansprechen konnten. Das Angebot der Notbetreuung für die Klassen 1 bis 6 kann nur in Anspruch genommen werden, wenn vorher schon eine Kindeswohlgefährdung vorlag. Wir haben schon viele Fälle mitbekommen, die über die sechste Klasse hinausgehen. Da rede ich zum Beispiel von einem jungen Mann, der aufgrund seiner Homosexualität von seinem Vater verprügelt worden ist. Dieser Jugendliche hat keine Ausweichmöglichkeit.
Es braucht gute Hilfsangebote für Schüler und Schülerinnen. So könnte man z. B. auch etwas Druck rausnehmen, wenn man sagt, jeder Schüler bekommt regelmäßig in digitaler Form eine halbe Stunde pro Woche, in der er mit dem Lehrer über Sorgen und Nöte sprechen könnte.

Was wäre deiner Meinung nach eine faire Gestaltung des Distanzunterrichts?
Es müssen individuelle Lösungen für Schüler und Schülerinnen getroffen werden. Man könnte ja auch nach dem Konzept arbeiten, im kleinen Rahmen mündliche Nachholprüfungen zu machen, sodass die Schüler und Schülerinnen bis dahin frei arbeiten könnten. Diejenigen, die schriftlich stärker sind, könnten dann stärker schriftliche Aufgaben abgeben, sodass keiner benachteiligt wird. Ich bin kein ausgebildeter Pädagoge und hab da auch nicht das Patentrezept, aber klar ist, dass man sich Gedanken über bessere Lösungen machen muss. Dazu hatte man eigentlich einige Monate Zeit und das aktuelle Ergebnis der Umsetzung ist kein zufriedenstellendes.

Ministerien sollten Schüler/-innen mit einbeziehen, wenn es darum geht, gute Lösungen zu finden

Was wünschst du dir vom Bildungsministerium?
Der größte Wunsch wäre, dass die Schul- und Bildungsministerin sich stärker mit den Landesschülervertretern auseinandersetzt und auch stichprobenmäßig Schülervertretungen aus Städten und Kommunen heranzieht, um sich ein Bild der Situation der Schüler und Schülerinnen zu machen und dann gemeinsam Lösungen zu suchen. Bei Wirtschaftsbestimmungen sind die Lobbyisten ganz vorne dabei, aber beim Thema Schule werden die Betroffenen nicht so sehr miteinbezogen, um herauszufinden, was die richtigen Maßnahmen sind.

Was müsste stimmen, damit man unter den gegebenen Corona-Bedingungen von guter Schule sprechen könnte?
Es braucht eine Lernatmosphäre, die es für alle möglich macht, mit der Situation ohne Nachteile umzugehen. Wir müssen schauen, dass der digitale Unterricht auch wirklich Unterricht wird und nicht die Hölle.

 

Hinterlasse einen Kommentar