Das Theaterstück unterbrechen, um Zivilcourage zu zeigen? Diese Frage stellt man sich nur selten während einer Vorstellung. Doch das Stück „Bin ich rechts?“ des Treibkraft Theaters, das in der Reihe Theater Starter am Freitag in Aachen zu sehen war, schreit geradezu danach.
Die Klassenzimmerproduktion richtet sich vor allem an Jugendliche ab 15 Jahren und findet nicht selten für einzelne Klassen innerhalb der Unterrichtsräume statt. Die zwei Darsteller sind Ensemblemitglieder des Treibkraft Theaters, einer gleichberechtigten künstlerischen Produktionsgemeinschaft, die ihren Fokus besonders auf theaterpädagogische Produktionen setzt. Am Freitag, 22. März, durfte ich die 10. Klasse der Waldorfschule bei einer Aufführung in der Aachener Barockfabrik begleiten und mir selbst ein Bild machen.
Aufgebaut ist das Stück wie ein politischer Workshop in Klassenraumatmosphäre. Die beiden Darsteller verkörpern die Leiter Jens und André und führen mit der Klasse ein Projekt für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit durch, finanziert durch Bundesgelder.
Vor den Tischen und Stühlen der Schüler und der Tafel steht ein mit dem Laptop verbundener großer Bildschirm, daneben zwei Rednerpulte. Auf dem Bildschirm kann sich die Klasse selber sehen, denn wie uns Jens und André erklären, wird der Workshop mit einer Kamera live aufgenommen und von Politikwissenschaftlern in Berlin analysiert und ausgewertet. Das Ganze soll einer Studie bezüglich des jugendlichen politischen Engagements, auch im Hinblick auf die rechte Szene, dienen. Nach einer kurzen Einleitung zur derzeitigen Lage der Demokratie in Deutschland werden die Schüler in zwei Gruppen aufgeteilt. Jeder Seite wird einer der Darsteller zugeordnet, gemeinsam sollen sie nun den perfekten Parteikandidaten „zusammenstellen“. Dafür können sie sich zwischen einigen Charaktereigenschaften wie sportlich/modern, sympathisch, rebellisch/leidenschaftlich, kreativ oder charmant entscheiden, die von den Schauspielern direkt in ihr Spiel übernommen werden.
In den Gruppen wird dann noch über einen Parteinamen und die jeweiligen Positionen abgestimmt, die der Kandidat für die Partei vertreten soll. Insgesamt 15 Minuten haben die Schüler Zeit, Diskussionsthemen wie Videoüberwachung, gleichgeschlechtliche Ehe, Legalisierung von Cannabis, Atomausstieg oder G9 zu besprechen und sich entweder dafür oder dagegen zu entscheiden. Unter dem Zeitdruck entstehen schon erste Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten, es bleibt aber durchgehend sachlich und demokratisch.
Nach der Viertelstunde gibt es ein „TV-Duell zur Superwahl 2017“, bei dem jeder der Kandidaten mehrmals 15 Sekunden Zeit hat, um sich und die Partei vorzustellen und die vorher gewählten Positionen zu verdeutlichen. Dabei wird jede Rede von der eigenen Gruppe lauthals unterstützt und alle fiebern mit.
Darauf folgt ein Zeitsprung zur Sonntagswahl; nun wird geheim durch gefaltete Zettel abgestimmt, die Stimmen werden vorgelesen und an der Tafel gezählt. Das Ergebnis ist knapp, doch der Sieger überglücklich und tanzt bei der lauten Musik zur „Wahlparty“ sogar kurz auf dem Tisch. Währenddessen wird der Verlierer immer wütender, ausfallender und die Stimmung kippt.
Plötzlich brechen die beiden Darsteller das ganze politische Experiment ab. Durch einen selbst ausgelösten Feueralarm werden alle nach draußen auf den Innenhof geschickt, dort erklären Jens und André, dass sie vom Programm abweichen wollen, um mit den Schülern einmal wirklich offen und ehrlich über Politik reden zu können. Nun sollen alle wieder ins Klassenzimmer, aber die Kamera wird abgestellt, sodass die Wissenschaftler aus Berlin keine Kontrolle und Überwachung mehr ausüben können.
In einer scheinbar viel entspannteren Situation fangen die beiden nun an, ihre richtigen politischen Meinungen zu äußern. Doch immer mehr wird deutlich, dass Jens mit Aussagen und Handlungen aus der rechten Szene sympathisiert, und die ganze Diskussion steigert sich. Ob über die Flüchtlingssituation oder Manipulation durch den Staat – Jens versucht immer stürmischer, alle Anwesenden von seinem rechtem Gedankengut zu überzeugen, und nutzt sogar das Podium für seine radikalen Parolen. Immer unbehaglicher fühle ich mich, den Schülern der Klasse geht es genauso. Wie weit steigert sich die Szene noch? Muss man jetzt eingreifen?
Insgesamt 90 Minuten dauert das Stück, welches nicht immer als ein solches erkennbar ist. Darauf folgt ein Publikumsgespräch, bei dem die Darsteller von André (Matthias Damberg) und Jens (Philip Gregor Grüneberg) die eskalative Situation auflösen. Nachdem die beiden noch einmal ihre wirkliche politische Position (das genaue Gegenteil von der in Jensʼ Rolle) betonen, wird mit den Schülern über das soeben Geschehene gesprochen und offene Fragen werden beantwortet.
Ein mulmiges Gefühl bleibt aber doch. Selbst mit der Gewissheit, dass Jens nur ein Schauspieler und kein richtiger Rechtsradikaler war, ist jedem klar, dass es nicht wenige Menschen da draußen mit genau den gleichen Gedanken tatsächlich gibt.
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