Lautes Autohupen, bunte Märkte, ganz viele Straßenhunde, überall Verkaufs-stände, eine riesige Auswahl an Obst und Gemüse und Menschen, die zur Begrüßung fragen, wie es dir geht: Von diesem alltäglichen Treiben bin ich seit einem Monat ein Teil. Ich nehme dich heute mit nach Bolivien, genauer gesagt nach El Alto. Eine Stadt, die auf einer Hochebene im Altiplano liegt und durch Seilbahnen, die „teleféricos“, mit La Paz, dem Regierungssitz Boliviens, verbunden ist.
Mir gegenüber steht ein Mitarbeiter des Flughafens in Santa Cruz. Freundlich und ehrlich herzlich begrüßt er uns in Bolivien, während er uns mit dem Gepäck hilft. Nach kurzer Zeit befinden wir uns zum dritten Mal auf dieser Reise in der Luft. Unter uns erstreckt sich die nicht enden wollende Berglandschaft. Schroffe Felsen ragen in den Himmel und eine leuchtende Wüstenlandschaft erstreckt sich vor unseren Augen. Bergig, mit unfertigen Ziegelhäusern, Kakteen, frei lebenden Schweinen, Schafen und unzähligen Straßenhunden. Die Gassen sind staubig, eng und schlecht asphaltiert. Die Farben der Verkaufsstände, der „tiendas“, sind dafür umso bunter und lebensfroher. Wir sind in Sucre, der „ciudad blanca“ (weiße Stadt) angekommen, die optisch durch ihre Kolonialgeschichte eine spanische Atmosphäre schafft. In den drei Wochen Sprachkurs habe ich Sucre allerdings aus einem ganz anderen Blinkwinkel kennenlernen dürfen.
Zunächst bekommen wir durch die unzähligen Führungen unserer wirklich sehr tollen Sprachlehrer einen kleinen Überblick über Sucre, wobei wir schon nach zwei Tagen so selbstverständlich durch die Straßen laufen, als würden wir uns bestens auskennen. Da würden unsere Sprachlehrer jetzt garantiert einwenden, dass Sucre ja auch ein Dorf sei und durch die Aufteilung in Blöcke sehr überschaubar ist. Es kann nur schonmal vorkommen, dass wir uns bei den Blöcken verzählen oder einfach den Markt nicht finden. Wenn wir nicht gerade Vokabeln aufzählen (und dafür Schokolade bekommen), Lückentexte mit den richtigen Zeitformen füllen, etwas über die Rolle der Frau, das bolivianische Schulsystem oder über Festtage und Rituale lernen, sitzen wir mit einem Buch oder Malsachen am wunderschönen „plaza“, dem Mittelpunkt Sucres, schlendern über den Markt, genießen atemberaubende Sonnenuntergänge von einem der Kirchendächer aus und das gute vegetarische Essen in unserem Lieblingsrestaurant „La Quimba“.
Ankommen in El Alto
Und dann geht es auf in ein neues Abenteuer und mein richtiges, echtes Leben in El Alto. Auf der elfstündigen Nachtfahrt nach El Alto realisiere ich, noch ganz übervoll von all den Erlebnissen und neuen Erfahrungen der ersten Wochen, dass das mein neues Leben ist. Ich werde für ein Jahr spanischsprechend durch die Welt laufen. Zum Glück bin ich nicht alleine, denn in meiner neuen Heimat erwartet mich bereits meine bolivianische Gastfamilie. In Sucre wurde ich immer wieder ungläubig angeschaut, als ich erzählt habe, dass ich für mein FSJ nach El Alto ziehen werde. Die Stadt gehört zu den gefährlichsten von ganz Bolivien. Dementsprechend musste ich bei jeder neuen Begegnung versprechen, gut auf mich aufzupassen. Als ich dann in das große, unverputzte Haus mit der Nummer fünf trete, die Treppen zu unserer Wohnung hochgehe und wenig später mit einem kleinen und kuschelbedürftigen Hund namens Blanca in meinem neuen Zimmer stehe, kann ich es noch gar nicht glauben, dass das mein Zuhause ist. Doch Blanca, die die beste Wärmflasche der Welt ist (El Alto ist durch die Höhe und den Mangel an Heizungen gerade morgens und abends sehr kalt), macht es mir genauso wie meine Gasteltern leicht, mich zu Hause zu fühlen. Nach nur wenigen Tagen werde ich schon in die Familie aufgenommen und nicht nur als Tochter vorgestellt, sondern auch wie eine Tochter behandelt. Ich bin auf Familienfotos, bei Geburtstagen von meinen „Cousins und Cousinen“ und sitze mit meiner Gastmama auf der Couch, während wir uns über Tanz- und Gesangsauftritte, Feste und Reisen unterhalten. Meine Erfahrung ist: Das Leben ist um einiges bunter, schöner und längst nicht so gefährlich, wenn man Menschen hat, die mit einem das Beste daraus machen.
Meine neue Arbeitsstelle „Kürmi“
Genauso herzlich werde ich auch im Kürmi, dem Kinderhort, empfangen, in dem ich das kommende Jahr arbeiten werde. Ich kann mich vor Umarmungen und Fragen nach meinem Herkunftsland und meiner Lieblingsfarbe kaum retten. Die Kinder nehmen mich auch direkt an die Hand und zeigen mir aufgeregt den Ablauf im Kürmi. Ich glaube, mit so einer ehrlichen und offenen Herzlichkeit habe ich nicht gerechnet. Jeden Tag freue ich mich, wenn mich ein Kind einfach so umarmt. Manchmal habe ich das Gefühl, dass sie sich ihre Sorgen oder Ängste in diesen Sekunden wegumarmen. Nichtsdestotrotz können sie genauso frech und hinterhältig sein und haben scheinbar unendlich viel Energie für Blödsinn. Alle Kinder sind in drei Gruppen (Salones) aufgeteilt, „grandes, medianos y pequeños“. Ich werde mittwochs bei den Kleinen und die restlichen Tage bei den Großen mithelfen. Am Freitag kommen keine Kinder ins Kürmi. Stattdessen räumen wir auf, putzen, besprechen einzelne Familienproblematiken, Auffälligkeiten und Besonderheiten der Kinder und wie man am besten damit umgeht. Natürlich planen wir auch alle anstehenden Feste und Geburtstage. Da einige Kinder zu Hause keinen Geburtstag feiern, werden die Geburtstage im Kürmi einmal im Monat gefeiert. Dieses Mal war das Motto Regenbogenwolken. Es gibt eine Torte, und jedes Geburtstagskind darf eine Kerze auspusten und sich dabei etwas wünschen. Mit den Kindern am Morgen haben wir ganz viel getanzt, gesungen und ein Spiel mit Wasserbomben gespielt. Mit den Kindern am Nachmittag haben wir verschiedene Spiele gespielt und Musik gehört. Einige Kinder sind richtig aufgeblüht, haben ausgelassen getanzt und konnten gar nicht aufhören zu lachen.
Ich könnte noch unendlich lange von Erfahrungen, Begegnungen, Ausflügen und den Kindern im Kürmi erzählen, und wer Lust hat, gedanklich weiter mit mir zu reisen und noch mehr über Bolivien und mein Leben dort zu erfahren, kann gerne auf der Internetseite von Bolivien-Brücke vorbeischauen. Ich kann es kaum erwarten, was noch alles auf mich zukommt, welche Feste gefeiert werden und natürlich was für bolivianische Tänze ich lernen werde.
von Kathrina Nix, Beitrag aus KingKalli Dezember 24 /Januar 25
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