Besuch bei der Premiere der Märchenoper „Der gestiefelte Kater“ des Theater Aachen

Josef Zetterberg, Emelina Medina Martínez, Rita Rolo Morais in „Der gestiefelte Kater“ im Theater Aachen | Foto: Annemone Taake

Ein Kater, der sich in die High Society einschleicht, um sie von innen heraus mit ihren eigenen Waffen und Statussymbolen zu seinen Gunsten zu schlagen. Und dabei ist der Kater auch noch stilvoll gekleidet. In Kooperation mit der Hochschule für Musik und Tanz Köln inszeniert das Theater Aachen das bekannte Märchen vom gestiefelten Kater als Oper in zwei Akten nach Xavier Montsalvatge. Dabei wird Aachen selbst geschickt zum Schauplatz der Ereignisse gemacht. Wir waren bei der Premiere dabei.

Vorhang auf, Licht an. Die Silhouette eines Katers huscht in einem Video unter dynamischer musikalischer Begleitung über bekannte Aachener Fassaden, bevor sich die Leinwand hebt und einen armen Müller (Jan Frederick Schebaum) enthüllt. Er ist an seinem Tiefpunkt angelangt: in der Gosse. Ein Abwasserrohr, das über seinem Kopf aufragt, und eine alte Matratze, auf der er und sein Kater (Rita Rolo Morais) Zuflucht gefunden haben, runden das Bild der Verzweiflung ab. Ohne Umschweife beginnt er von seinem traurigen Schicksal zu singen, von der schlechten Erbschaft, die er gemacht hat, und dass ihm nichts mehr bleibt. Sein einziges Erbe? Der Kater! Der Müller ist so verzweifelt, dass er bereits darüber nachdenkt, dem Tier das Fell über die Ohren zu ziehen. Als der Kater dies mitbekommt, entschließt er sich – nicht ganz uneigennützig – dazu, dem Müller zu helfen, und beginnt zu sprechen. Und auf geht die Reise! Elegant gekleidet und mit drei Hasen im Schlepptau macht sich der Kater auf den Weg, um den König zu beeindrucken und dem Müller eine Prinzessin, Status und Ansehen zu verschaffen.

Ein armer Müller, ein Kater und eine große List, mit der sich das Leben der beiden für immer verändern wird. Das Märchen vom gestiefelten Kater kennt fast jeder. Der Kater mit den eleganten Stiefeln hat spätestens nach seinem Auftritt im DreamWorks-Film „Shrek“ und seinen darauffolgenden eigenen Kinofilmen einen gewissen Kultstatus erreicht.
Die Inszenierung unter der Regie von Maren Schäfer und der musikalischen Leitung von Timo Handschuh und Shuman Luo besinnt sich auf den klassischen Aufbau des Märchens zurück und erschafft dabei eine ganz eigene Realität für den Kater. Eine Welt, in der zwar mit Sprühfarbe gearbeitet wird, aber Monarchen in alten, pompösen Häusern und ebensolchen Gewändern noch normal zu sein scheinen. Eine Welt, die nach ihren ganz eigenen Regeln funktioniert.

Eine wandelbare Bühne

Ebenso wie der Kater ist auch die Bühne (Dorien Thomsen) sehr wandlungsfähig. Das beginnt bereits in dem Moment, als der Kater nach dem Weggang von dem tristen Ort, an dem er und der Müller ihr Dasein fristen, am Schloss eintrifft. Für den Wechsel von Gasse zu Schloss ist nicht mehr nötig, als dass die zuvor noch solide wirkende Rückwand durchscheinend wird. Dadurch wird der Blick auf die Räumlichkeiten des Schlosses freigegeben. An Requisiten wurde hier nicht gespart. Das Schloss ist zum Bersten gefüllt mit edel glänzendem Hab und Gut, das vor sich hin staubt, ebenso wie die Bewohner der Residenz. Der König versinkt in Langeweile und will sogar einen Krieg anfangen, um sie zu bekämpfen. Als der Kater mit seinen Hasen die Pfoten in das Schloss setzt, bricht ein wilder Trubel aus. Die Hasen gehen über Tische und Bänke, während der Kater in einem Duett mit der Prinzessin die Liebesbotschaft seines Herrn, des „Marquis von Carabas“, vorträgt. Obwohl es eigentlich ein sehr ruhiger Moment ist, kommt die Bühne nicht zur Ruhe, denn im Hintergrund sorgen die Hasen für genug Chaos, sodass es für das Publikum stets etwas zu beobachten gibt.

Gerade durch das Nutzen von Projektionen – sei es für Bilder oder Videos – ist die Bühne sehr adaptiv auf die wechselnden Orte in den Szenen eingestellt. So können am Anfang des Stücks Gedankengänge und Stimmungen von Kater und Müller durch Graffiti untermalt werden, die nach und die grauen Wände der Gosse bunt färben mit Sprüchen wie „Change the rules“ oder „Revolution“. Der Kater verewigt sich sogar mit seinem eigenen Tag an der Wand. Bereits hier wird der gesellschaftskritische Ton des Stücks deutlich. Sei es die Vormachtstellung der Reichen und Mächtigen, die den Bezug zur Realität verloren haben, oder ein Seitenhieb gegen die Übermacht der Technologie, wenn das Monster am Ende als Wesen aus Bildschirmen, Röhren und Kabeln auftritt. Der Projektor wird aber auch für wiederkehrende Videoeinspieler verwendet, wie das Einstiegsvideo der silhouettenhaften Katze, die an Aachener Wänden entlangspringt. Auch in einem weiteren Einspieler wird Aachen zu einem Teil der Inszenierung.

Eine absurde Welt der Kontraste

„Absurd“ ist das richtige Wort, das auf viele Momente der Oper zutrifft. Dieser Eindruck beginnt bereits, wenn man die Kostüme (Oktavia Herbst) betrachtet. Kleider und Umhänge mit viel zu viel Stoff, Hosen so unpraktisch, dass sie die Bewegungsfreiheit einschränken, Make-up so weiß, dass es das Stadium der edlen Blässe längst verlassen hat und zur Grundierung einer Leinwand verkommen ist. Um die Absurdität aber auf die Spitze zu treiben, macht sich die Inszenierung sehr eindrücklich einen der Videoeinspieler zunutze: Direkt nachdem König, Prinzessin, Kater, Hof und Hasen in einer Kutsche, gezogen von Pagen, das Schloss und damit die Bühne verlassen haben, tauchen sie im Video auf dem Vorplatz des Aachener Stadttheaters wieder auf. Hinter den absurden Gestalten in der Kutsche poltert ein Bus vorbei, während um sie herum das typische Aachener Treiben fließt. Das Schauspiel ist absolut auf den Punkt. Kein Wort muss gesprochen werden, um die Absurdität der Situation noch weiter zu vertiefen, während die Gestalten von der Bühne in Aachen auf Erkundungstour gehen. Kaum ein Schnitt in dem Video kann gesetzt werden, ohne dass das Publikum bei den neuen Situationen, die sich ihm bieten, in Gelächter ausbricht. Realität, Bühnenwelt und Märchen treffen aufeinander. Aachen wird ein Teil des Stücks.

Auf einen Schlag wirken König und Hofstaat nicht nur wie die absurden Figuren eines Stücks, nein, durch den Bezug zum Alltagsleben in Aachen erscheinen sie vollkommen realitätsfremd. Die gesellschaftskritischen Töne sind in diesen Momenten nicht zu übersehen. Und trotz der Kritik an den Reichen, die über allem thronen, bleibt das Bestreben von Kater und Müller doch das gleiche wie im Märchen: einer von ihnen zu sein. Die Sprüche, welche der Kater anfangs noch in knalliger Sprühfarbe auf die tristen Wände schrieb, waren mehr Schein als Sein. Schreibt der Kater zu Beginn noch großspurig „Change the rules“, muss man sich am Ende eingestehen, dass dies nicht geschehen ist. Der Status quo ist erhalten geblieben und in die Reihen der Reichen hat sich ein weiterer Adeliger – wenn auch ein falscher – eingegliedert. Wie sie hat auch der Kater nichts weiter getan, als zu seinem eigenen Vorteil zu handeln.

Ein Familienstück?

Das Theater empfiehlt einen Besuch ab sechs Jahren, wir würden die Oper eher einem Publikum ab einem Alter von zwölf Jahren nahelegen. Die farbenfrohe Welt auf der Bühne, ob nun in Bezug auf Requisite oder Kostüm, ist auch bereits, ohne die Texte mit einzubeziehen, faszinierend zu betrachten. An dieser Stelle muss man auch das hervorragende Schauspiel hervorheben. Die Situationskomik wird immer wieder gekonnt mit nur wenigen Gesichtsausdrücken an das Publikum vermittelt. Auch dadurch, dass die Inszenierung mit circa 70 Minuten nicht allzu lange dauert, bietet es sich als Einblick in die Welt der Oper an.
Wer sich als Familie mit jüngeren Kindern, im Speziellen denen, die noch nicht lesen können, zu einem Besuch der Oper entschließt, sollte diese gut auf den Besuch vorbereiten. Bei der Oper handelt es sich um ein vollständig durchgesungenes Stück, bei dem die Texte, wenn man sie nicht mitlesen kann, oft nur schwer zu verstehen sind. Aufgrund dessen empfiehlt es sich, dass Kinder die Handlung des Märchens bereits vor dem Besuch kennen. Dinge wie das Zustandekommen der misslichen Lage des Müllers werden ausschließlich in Gesangseinlagen erklärt. Auch viele der sozialkritischen Komponenten oder Szenenwechsel könnten für viele Kinder ohne Kenntnis des Originalmaterials nur schwer zu erfassen sein.

Theater Aachen
Theaterplatz 1, 52062 Aachen
theater@mail.aachen.de
Mehr Informationen unter: theateraachen.de/de/produktionen/der-gestiefelte-kater.html
Kalender: theateraachen.de/de/spielplan/kalender

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