Es gibt unzählige Pflanzen, und jede von ihnen stellt eigene Ansprüche an Standort, Klima und Pflege. Es gibt die genügsamen, die selbst dann gedeihen, wenn man sie die komplette Saison über in einer augedörrten Gartenecke vergisst. Es gibt aber auch die Mimöschen, die schon sämtliche Blätter abwerfen, wenn man sie nur schief von der Seite anschaut.
Es versteht sich von selbst, dass auch die Anzuchtbedingungen für verschiedene Sorten variieren. Manche Samen keimen zuverlässig auch dann, wenn man sie im Freiland einfach irgendwo hin wirft, andere wollen wochenlang auf der Fensterbank gepäppelt werden, bevor sie sich dazu entschließen, ein Blatt zu produzieren. Allgemeine Hinweise zur Pflanzenanzucht zu geben, ist also nicht ganz einfach. Der erste Schritt bei ist demnach stets die Lektüre der Informationen auf den Samentütchen oder die Konsultation eines Nachschlagewerks. Dort steht z. B., ob es sich bei den Pflanzen um Kalt-, Licht- oder Dunkelkeimer handelt, wie dicht gesät werden soll, wie lange die Keimdauer ist und welche Standortbedingungen die Pflanze verlangt. Auch die Kulturdauer sollte man im Blick behalten, wenn man entscheiden möchte, ob vorkultiviert werden muss oder nicht.
Zu viele unbekannte Begriffe? Kein Problem!
– Keimdauer: Die Zeit, die ein Samen braucht, bis er keimt.
– Kulturdauer: Die Zeit von der Aussaat bis zur Erntereife.
– Dunkelkeimer: Lichtscheue Wesen; die Samen müssen mit Erde bedeckt werden, damit sie keimen. Je nach Sorte 0,5 bis 5 cm tief verbuddeln.
– Lichtkeimer: Sonnenanbeter; die Samen brauchen unbedingt Licht, damit sie keimen können. Wenn überhaupt sollte die Erdschicht über dem Saatgut den Durchmesser des Samenkorns nicht übersteigen.
– Kaltkeimer: Nur die Harten kommen in den Garten; die Samen benötigen eine Kälteperiode, damit sie keimen. Wenn man sie nicht schon im Herbst draußen ausgesät hat, muss man den Samen also im Kühl- oder Gefrierschrank eine Zeit lang vorgaukeln, es sei Winter. Nach der simulierten Winterruhe können die Samen ausgebracht werden.
– Warmkeimer: Die mögen es mollig und keimen je nach Sorte bei Temperaturen zwischen 15 und 25°. Entweder zieht man sie also auf der Fensterbank vor, oder man sät sie bei warmen Außentemperaturen im Freiland aus. Letzteres setzt voraus, dass es sich um Pflanzen handelt, die keine lange Kulturdauer haben.
– „Egalkeimer“: Everybody’s Darling; den Samen ist das alles völlig schnurz.
Achtung: Die bevorzugten Keimbedingungen haben nichts damit zu tun, welche Bedingungen die erwachsene Pflanze benötigt. Auch hierzu findet man Hinweise auf Packungen, im Internet oder im Gartenbuch, oft in Form selbsterklärender Piktogramme. Manche Pflanzen brauchen volle Sonne, andere kommen auch mit Halbschatten klar. Richtige Schattenliebhaber, die auch dann gut gedeihen, wenn sie unter einem dunklen Busch sitzen, gibt es zumindest unter den Gemüsepflanzen nicht.
Auch in Bezug auf Feuchtigkeit und Bodenbeschaffenheit gibt es unterschiedliche Vorlieben. Manche Pflanzen haben nicht gerne nasse Füße und bevorzugen deshalb lockeren Boden, in dem das Wasser gut abfließen kann. Andere lechzen geradezu nach permanentem Flüssigkeitsnachschub und treten sofort in Wachstumsstreik, wenn man sie mal einen Tag zu gießen vergisst. Es gibt außerdem Stark- und Schwachzehrer; also Vielfraße, die humosen Boden und regelmäßige Düngung brauchen, und Asketen, denen es reicht, wenn einmal im Jahr ein Nährstoffmolekül auf die magere Erde plumst. Zwar wachsen manche Pflanzen auch unter subobtimalen Bedingungen, die Ernte fällt aber dann meistens bescheiden aus.
Freiland oder Vorkultur?
Bei der Aussaat ergibt sich schon das nächste Problem: Kann ich die Pflanzen direkt an Ort und Stelle im Beet aussäen, oder soll ich sie besser auf der Fensterband vorkultivieren? Bei Gemüse gibt es eine Faustregel: Wurzelgemüse mag nicht umziehen. Eigentlich logisch, denn die Frucht entsteht aus der Hauptwurzel, die beim Umpflanzen schnell verletzt werden kann. Die meisten Rübenartigen sind also heimatverbundene Vertreter, die am liebsten von der Wiege bis zur Bahre in Sichtweite ihrer Kirchturmspitze bleiben möchten: Also direkt in dem Beet oder Kübel aussäen, aus dem man sie später ernten möchte. Aber bei allen Freilandaussaaten gilt: Bitte nicht vor den Eisheiligen Mitte Mai. Die meisten anderen Pflanzen kann man auf der Fensterbank vorziehen.
Bei manchen Pflanzengruppen ist die Frage nach Vorkultur oder nicht auch eine Glaubensfrage. Bei Bohnen und ihren Anverwandten z. B. schwören manche Gärtner auf Vorkultur, während andere vehement die Freilandkultur verfechten. Das Vorkulturlager schwört, die Ernte sei bei Vorkultur signifikant erhöht. Die Freilandpartei hält den Effekt für vernachlässigbar und merkt an, der Wachstumsvorsprung von vorgezogenen Hülsenfrüchten werde durch den Wachstumsknick beim Auspflanzen wieder zunichte gemacht. Generell kann man sagen, dass Hülsenfrüchte zu den Sprintern im Gemüsegarten gehören und auch noch bei einer Aussaat Mitte Mai gut zur Samenreife gebracht werden können. Die Geschichte mit Hans und der Bohnenranke beinhaltet also einen wahren Bohnenkern.
Generell muss man Sorten, die prinzipiell innerhalb der frostfreie Saison zur Reife gebracht werden können, nicht unbedingt vorkultivieren. Es hat aber zwei Vorteile: Frühere „Schlachtreife“ und „Welpenschutz“. Wenn man bei allen Pflanzen die kalte Sophie (15.5.) abwartet, muss man bei manchen Sorten bis zum Spätsommer oder Frühherbst warten, bis man etwas zu beißen bekommt. Außerdem sind ältere Pflanzen widerstandsfähiger gegen Schädlinge. Also zweite Faustregel: Je länger die Pflanze bis zur Erntereife braucht und je beliebter sie bei Schnecke und Co. ist, desto früher sollte sie vorgezogen werden. Wie zügig eine Pflanze das mit den Früchten bzw. der Schnittreife hinbekommt, hängt natürlich auch von ihrem Aufbau und ihrer Größe ab. Viele Blattgemüse, Salate oder simpel konzipierte Wichte wie Radieschen können schon nach wenigen Wochen geerntet werden, komplizierte Kandidaten, die erst noch blühen und Früchte ansetzen müssen, brauchen naturgemäß länger. Prädestiniert für die Vorkultur sind also Tomaten, Auberginen, Paprika, Gurken, Kürbis oder Zucchini.
Man sollte trotzdem nicht schon im Dezember in Aktionismus verfallen. Zu früh geht nämlich auch. In den dunklen Monaten bekommen die Keimlinge auf der Fensterbank nicht genug Licht und vergeilen. Das bedeutet nicht, dass sie sich mit Euphorie vermehren, sondern dass sie lange, blasse, schwächliche Nottriebe produzieren. Daraus werden kaum noch gesunde Pflanzen. Pflanzen wie Paprika, Chili und Auberginen, die zu den Spätzündern unter den Keimlingen gehören, kann man schon im Februar vorkultivieren. Bei den anderen ist man ab Mitte März auf der sicheren Seite.
Wie denn nun?
Wer sich nun trotz aller Wenns und Abers zur Vorkultur entschieden hat, kann frisch ans Werk gehen. Worin man aussät, ist Geschmacksache. Es gibt fertige Anzuchttöpfchen, Quelltabletten und Saatschalen im Handel; Joghurtbecher, Schüsselchen, Eierkartons, Klopapierrollen oder Plastikschalen (z. B. von Gemüseverpackungen) tun’s aber auch. Wichtig ist, dass die Pflanzgefäße peinlich sauber sind, sonst verschimmelt mancher Keimling schneller als er wachsen kann. Für Gärtner, die keine Lust haben, sich mit der Beschaffenheit der Erde auseinanderzusetzen, kann der Kauf von spezieller Anzuchterde sinnvoll sein. Sie enthält weniger Nährstoffe als Gartenerde oder gar Humus. Bei der Vorkultur gilt nämlich: Gut gemeint ist schlecht getan. Stark vorgedüngte Erden sind für Vorsaat nicht gut geeignet – einem Säugling gibt man ja auch nicht gleich eine ganze Sahnetorte zu essen. Außerdem ist Aussaaterde feinkrümeliger als andere Sorten, so dass das gleichmäßige Verteilen von feinen Samen und das gezielte Bedecken der Saat einfacher ist.
Bevor der Samen ausgesät wird, sollte man das Pflanzsubstrat gut durchfeuchten. Achtung, wenn einem die Kaffeekanne gegen das Knie schwimmt, war es zuviel. Triefnass ist nicht nötig! Dann wird der Samen eingebracht. Große Samen (z. B. Kürbisse) setzt man einzeln in kleine Töpfchen oder zu dritt oder viert in einen größeren Topf. Kleine Samen kann man gleichmäßig über ein größeres Pflanzgefäß streuen und dann später vereinzeln. Wenn die Samen sehr fein sind – manche haben fast Staubkonsistenz – kann man sie vor dem Ausstreuen auch mit etwas trockener feiner Erde oder Sand mischen, damit man was zu packen hat. Ob man dabei penibel auf gleiche Abstände achtet und die einzelnen Körnchen mit der Pinzette am Lineal ausrichtet, oder ob man die Samen einfach aus der Hüfte auswirft, ist Geschmacksache. Lichtkeimer drückt man nun einfach ein bisschen an, Dunkelkeimer bedeckt man mit Erde und besprüht sie mit etwas Wasser. Um die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit zu erhöhen, kann man eine durchsichtige Plastiktüte über die Töpfe stülpen bzw. ein Glas oder eine Folie über die Schalen legen. Allerdings muss man hier regelmäßig lüften, bei dicker Luft legen sich Keimlinge nämlich schnell mal ein Schimmelpelzchen zu. Dann macht man erst einmal eine ganze Weile nichts, außer kontrollieren, ob die Saat genug Feuchtigkeit, Wärme, Luft und Licht hat. Staunässe hingegen sollte man vermeiden. Die Keimdauer variiert je nach Sorte, Rahmenbedingungen und Saatgutqualität von ein paar Tagen bis zu mehreren Wochen.
Huch! Da isses ja! Die ersten Keimblätter zeigen sich meist plötzlich; manchmal auch erst dann, wenn man den Samen schon abgeschrieben oder vergessen hat. Danach geht es oft ratzfatz: Es sprießt und sprosst, Blätter kommen zum Vorschein und Keimlinge, die in einer Sammelunterkunft wohnen, fangen an, sich gegenseitig ins Gehege zu kommen. Jetzt ist es Zeit, die Pflänzchen in Einzelhaft zu nehmen: Sie werden pikiert. Möglichst vorsichtig verfrachtet man die einzelnen Keimlinge samt Wurzelballen in eigene Töpfe, in denen sie sich bis zum Auspflanzen weiterentwickeln können. Das Pikieren sollte erst erfolgen, wenn die ersten Primärblätter da sind, also die ersten „richtigen“ Blätter, die sich nach dem runden Keimblattpaar zeigen. Es dient nicht nur dazu, den Pflanzen mehr Platz zu verschaffen, die unvermeidliche Verletzung der Wurzeln regt auch zu stärkerem Wachstum an.
Das Vereinzeln ist eine kniffelige Angelegenheit, bei der auch schon mal der ein oder andere Anwärter über die Wupper gehen kann. Eine bewährte Methode ist es, mit einem langen Löffelstiel neben dem Keimling bis unter die Wurzeln in die Erde zu gehen, den Löffel zu kippen und die ganze Pflanze auf der flachen Löffelstielseite liegend aus dem Boden zu heben. Mit der gegenläufigen Bewegung lässt sich der Keimling dann recht gut in den neuen Topf einbringen. Etwas andrücken, Erde mit Wasser besprühen, fertig. Auch Pflanzen, die ohnehin schon einzeln ausgesät worden sind (z. B. Kürbis oder Zucchini) sollten bei Bedarf in größere Töpfchen umziehen, damit sie mehr Platz zur Wurzelbildung haben.
Ab Mitte Mai dürfen die jungen Pflänzchen dann draußen spielen: Sie können am Endstandort ausgepflanzt werden. Am besten gewöhnt man sie vorher schrittweise an die neuen Bedingungen, indem man sie an frostfreien Tagen schon einmal für ein paar Stunden raus setzt. Aber Achtung: Abends nicht vergessen, sie wieder rein zu nehmen, sonst war der ganze Aufwand mit der Vorkultur vergebens.
Wem nun der Kopf schwirrt, weil es so viel zu beachtet gibt, darf beruhigt sein: Auch Trial and Error ist eine legitime Art zu Gärtnern. Selbst unter Beachtung sämtlicher Regeln (einschließlich der Vorgaben des Mondkalenders) geht schon mal was daneben, auch bei erfahrenen Gärtnern.
Hinterlasse einen Kommentar