Über sich selbst hinausgehen, seine Grenzen kennenlernen und sie überwinden. Sich in neue, unbekannte Situationen begeben und sie meistern. Seine eigenen Fähigkeiten entdecken und über sich hinauswachsen. All das haben die Schüler der Stufe neun der 4. Aachener Gesamtschule diesen Sommer gemacht. Die obligatorische Klassenfahrt nach Xanten zu den römischen Bädern war ihnen zu langweilig. Also stellten sie sich einer ganz besonderen Herausforderung.
In Teams von mindestens drei Schülern und einem geschulten Begleiter, alles Studenten der KatHO oder der RWTH Aachen, machten sie sich auf. Mit dem Rad an die holländische Küste, zu Fuß den Eifelsteig entlang oder auf eine Fahrt mit dem Kanu. Alles ohne Lehrer. Und die Begleiter griffen auch nur im Notfall ein. 17 Tage lang waren die Schüler unterwegs, dabei hatten sie nur ein Budget von 150 Euro pro Schüler. Alles, was bei so einer abenteuerlichen Reise organisiert werden muss, haben die Schüler selbst gemacht. Sei es die Strecke abstecken und Zwischenziele festlegen, einen Campingplatz finden und einen Platz reservieren oder eben mit dem Geld umgehen, sprich einkaufen. Und dabei musste viel gerechnet werden. Hervorzuheben ist, dass alle Gruppen mit einem Plus in der Reisekasse nach Hause gekommen sind. Die Herausforderungen, die bei diesem Projekt gemeistert wurden, waren so individuell wie die über 100 Schüler selbst. Mal hatte man mit überwältigendem Heimweh zu kämpfen, dann wiederum musste erst einmal Fahrradfahren gelernt werden. Auch das Haushalten mit Geld stellte eine große Herausforderung für die Jugendlichen dar. Den Weg finden, sich trauen, fremde Leute anzusprechen, besonders wenn diese nur Englisch oder Niederländisch sprechen. Auch die eigene Kondition kann bei einer solchen Reise zu einer echten Herausforderung werden. Und nicht zuletzt die Herausforderung, so lange von zu Hause weg zu sein. Nicht jeden Tag mit dem Handy daddeln oder einfach Mama und Papa schreiben. Denn zu den Regeln gehörte ein striktes Handyverbot. Die privaten Handys durften nur im Notfall benutzt werden. Natürlich war in der Schule ein 24-Stunden-Notfall-Telefon eingerichtet, für alle Fälle. Diese Regel brachte nicht nur die Jugendlichen an ihre Grenzen. Nein, die Eltern waren es, die dabei am meisten über sich hinauswuchsen. Das Kind einfach losschicken, ohne Lehrer und ohne die Möglichkeit anzurufen. Selbstverständlich waren die Reisegruppen immer mit der Schule in Kontakt. Zum Regelkatalog gehörte auch das „12-Uhr-Foto“. Jeden Mittag um zwölf Uhr musste jede Gruppe ein Selfie schicken, um so zu zeigen, wo sie gerade ist und dass es allen gut geht. Diese Fotos waren der einzige Kontakt, den die Eltern zu ihren Kindern hatten. Doch auch diese Herausforderung haben die Eltern überlebt. Und was es nach einer solch spannenden, aufwühlenden und wirklich andersartigen Reise zu erzählen gibt, ist selbstverständlich einzigartig und vielseitig.
Hanan und Xenia sind mit ihrer Gruppe mit dem Fahrrad an die Nordsee gefahren, auf dem Weg haben sie bei einem unglaublich freundlichen Bauern übernachtet. Sie durften sogar dem gerade geborenen Kälbchen einen Namen geben. Zwar fand der Bauer „4. Aachener Gesamtschule“ etwas zu lang, aber jetzt heißt das Kälbchen Xenia-Hanan. Eine Jungengruppe ist mit dem Fahrrad nach Dortmund geradelt, sie wollten unbedingt ein Spiel des BVB sehen. Doch weil zum Zeitpunkt der Reise noch keine Spielsaison war, hat ihnen der freundliche Hausmeister des Stadions eine persönliche und einzigartige Führung gegeben. Am Ende sprang sogar ein Besuch im Fußballmuseum dabei raus.
Eine andere spannende Geschichte ist die des kaputten Kanus. Eine Gruppe von Jungen war auf ihrer Herausforderungsreise Kanu fahren. Als dieses aber kaputt ging, trafen die Jungs einen überaus hilfsbereiten Taxiunternehmer, der sie bis zum nächsten Baumarkt fuhr, mit ihnen Spachtelmasse kaufte und ihnen sogar half, das Kanu zu reparieren. Oder auch ein paar Mädels, die nämlich nicht auf einem FKK-Campingplatz übernachten wollten, trafen ein sehr nettes Ehepaar, das sie in ihrem Garten campen ließ. Und nicht nur das, am Ende saßen alle zusammen am Abendbrottisch. Alles Geschichten, die die Schüler niemals vergessen werden und von denen sie ihren Kindern und Enkelkindern noch berichten werden. Und was die Jugendlichen dabei gelernt haben, ist weitaus mehr wert als das, was in den schweren Schulbüchern steht. Für Schüler ist die Zeit in der achten und neunten Klasse eine wahnsinnig anstrengende. Das Lernen aus Büchern fällt schwer und man muss viel Aufwand betreiben, damit das Gelernte auch im Kopf bleibt. Dazu kommt der emotionale und hormonelle Zustand, in dem man sich in der Pubertät befindet. Man will erwachsen sein, selbstbestimmt sein, sich entfalten. Alles Gefühle und Wünsche, die aber durch Eltern und auch den strikten Schulalltag unterdrückt werden.
Bei einem Projekt wie diesem lernen die Jugendlichen unheimlich viel. Und vor allem lernen sie Dinge über sich selbst. Es geht um Selbsterprobung, die Beziehung zu anderen und die eigene Emanzipation. Auf einer solchen Reise lernt man, im Team zu arbeiten, Dinge zu koordinieren, zu organisieren. Die Mitmenschlichkeit wird gefördert. Man lernt, sich auf sich selbst verlassen zu können, dass man seine Grenzen überwinden kann. Und dass man eine Aufgabe, mag sie noch so groß und schwierig erscheinen, bewältigen kann. All diese Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein ungemein. Die Fähigkeiten, die sich die Jugendlichen in dieser Zeit erarbeitet haben, werden im späteren Berufsleben unabdingbar sein. Die Jugendlichen werden so auf eine ganz andere und vor allem persönliche Weise auf die große, weite Welt vorbereitet.
„Das Lernen findet im Leben statt. Wir müssen das Leben auch hier reinholen“, so Margret Lensges, Lehrerin an der 4. Aachener Gesamtschule und Koordinatorin des Projekts „Herausforderung“. Natürlich birgt ein solches Projekt eine lange und intensive Vorlaufzeit. Viele Dinge müssen organisiert werden. Dabei müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. „Vor allem die Eltern zu überzeugen war eine große Aufgabe in der Vorbereitungszeit“, erzählt uns Lensges. Aber die meisten Eltern konnte man am Ende dann doch für das Projekt gewinnen. Und so sind am 29. August 84 Schüler zu ihrer ganz persönlichen Herausforderung aufgebrochen. Alle Schüler, die nicht wollten oder deren Eltern einfach nicht von der ganzen Sache zu überzeugen waren, wurden in Gruppen aufgeteilt. Keiner entging seiner Herausforderung. Denn der Zeitraum vom 29. August bis zum 14. September war unterrichtsfreie Zeit. Es gab keinen Ersatzunterricht für die Schüler, die daheim geblieben waren. Stattdessen fanden sich andere Projekte. Eine Gruppe fand sich auf einer achttägigen Werkwoche auf einem Bauernhof wieder. Es wurde renoviert, gekocht, gezeltet. Und auch das Planen und Organisieren kam hier nicht zu kurz. Genau wie bei den Gruppen, die auf Reisen waren, war bei den anderen Gruppen immer ein Betreuer dabei, der aber nur im Notfall eingriff. Alles wurde von den Schülern selbst geplant. Dazu gehörten auch Tageswanderungen.
Einige Schüler stellten sich ihrer persönlichen Herausforderung in einem Praktikum. „Das war dann natürlich nicht das Praktikum im Copy-Shop nebenan, wo man den Besitzer kennt, sondern es waren Praktika im Kinderheim oder Flüchtlingsheim. Oder die Hilfe bei der Essensausgabe für Obdachlose. Auch das Praktikum sollte eine Herausforderung sein“, erklärt Margret Lensges.
Für die restlichen Schüler, die kein Praktikum gefunden hatten, gab es die Gruppe „Schulverschönerer“. Während der Projektzeit wurden Holzbänke abgeschliffen und gestrichen oder Blumenbeete angelegt. „Für einige Jugendliche ist es schon eine Herausforderung, zum eigenen Wort zu stehen und jeden Tag aufzustehen, um eine Arbeit zu verrichten, die vielleicht nicht den größten Spaß macht. In solchen Fällen mussten wir uns natürlich noch mehr auf die Eltern verlassen können. Aber wir haben von Anfang an gesagt: „Wir finden für jeden eine Herausforderung.“
Natürlich kann sich jeder seiner ganz eigenen Herausforderung stellen, dazu muss man kein Schüler sein. Jeder, der sich selbst besser oder vielleicht sogar ganz neu kennenlernen möchte, kann eine solche Reise machen. Es ist nie zu spät, sich auf eine Reise zu begeben, die neue Perspektiven auftut und die eigene Persönlichkeit stärkt. Sei es eine Wanderung auf dem Jakobsweg, eine Bergbesteigung, eine Reise in die Einsamkeit oder eine Reise, die einen an seine körperlichen Grenzen bringt. Diese Erfahrungen sind allemal mehr wert als ein All-inclusive-Urlaub mit Clubbändchen und Cocktails am Pool. Es ist eine wahnsinnig befriedigende und befreiende Erfahrung, wenn man etwas geschafft hat, von dem man selbst nicht glaubte, es zu können. Auch als Familie kann eine solche Reise eine positive und stärkende Erfahrung sein.
Die Schüler der 4. Aachener Gesamtschule beschreiten die nächsten Kapitel ihrer Lebenswege definitiv mit einer großen Portion Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen im Gepäck. Uns bleibt nur zu sagen: „Hut ab!“ Jeder der Teilnehmer kann wirklich mehr als stolz auf sich sein.
Fragen zum Konzept? Wer sich vorstellen kann, an seiner Schule oder mit seiner Jugendgruppe ein ähnliches Projekt durchzuführen, kann sich gerne an Margret Lensges wenden.
Kontakt: www.gesamtschule-aachen.de
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