„Verrückt“ – ein Wort, das wir viel zu oft im negativen Sinne für uns unverständliche oder unberechenbare Dinge verwenden. So oft, dass wir manchmal vergessen, das Faszinierende und Schöne in dem zu sehen, was sich unserer Logik entzieht. „Alice im Wunderland“ ist eine Geschichte, die uns die Schönheit des Unberechenbaren und Verrückten zeigt, auch in uns selbst. Im Theater Aachen erwacht sie in ihrer ganzen Surrealität zum Leben.
Alice (Nola Friedrich) steht auf der Bühne, der Vorhang ist geschlossen, im Saal ist es noch hell. Die letzten Besucher sind dabei, ihre Plätze einzunehmen. Vergnügt wippen die Ärmel von Alice’ ausladendem Kleid auf und ab, während sie neugierig ins Publikum lächelt und … wartet. Darauf wartet, dass etwas passiert. Irgendetwas! Genau wie das Publikum. Schließlich spricht sie aus, was alle denken: „Was mache ich hier eigentlich?“ Da springt auf einmal ein weißes Kaninchen (Greta Ebling) hervor und verschwindet ebenso schnell wieder, wie es aufgetaucht ist. Als Alice ihm Hals über Kopf auf die Bühne … äh, ins Wunderland folgt, beginnt eine fantastische Reise, die keiner wirklichen Logik folgt. Dinge passieren einfach, weil sie eben passieren. Da feiern teetrinkende Hutmacher (Thomas Hamm) ihren Nichtgeburtstag, schwimmen sprechende Mäuse (Luise Berndt) durch ein Meer aus Tränen oder tauchen grinsende Katzen (Maurice Läbe) auf, die mal hier und dann wieder dort sind.
Eine Empfehlung für jeden Fan
Das Stück unter der Regie von Nikolas Darnstädt bleibt dabei sehr nah am Ablauf der Erzählung von Lewis Carroll, bereichert das Wunderland aber durch Charaktere, die in der Buchvorlage nicht vorkommen, wie Madame Pfeffer (auch Luise Berndt) oder zieht das Auftauchen von Figuren wie Tweedledee (Furkan Yaprak) und Tweedledum (Lukas Karlsch), die eigentlich erst in der Fortsetzung von Alice’ Geschichte vorkommen, vor. Doch Entwarnung an alle Fans der Originalerzählung: Trotz der kreativen Abweichungen bleibt die Seele der Geschichte dabei vollkommen erhalten. Es bleibt eine wundervolle Nonsens-Geschichte, die auf ihre ganz eigene Weise Sinn ergibt – und dann auch wieder nicht – mit Dialogen, die Haken um jegliche Logik zu schlagen scheinen und damit die eigenen festgefahrenen Gedankenprozesse immer wieder infrage stellen und herausfordern, so wie es auch schon die Erzählung von Carroll tat.
Das Wunderland ganz wundervoll

Die Inszenierung des Theaters Aachen ist erfüllt von Momenten, die sich nur als Bühnenmagie bezeichnen lassen. Hier greift alles wie ein Uhrwerk ineinander: Bühnenbild (Sina Manthey), Kostüm (Laura Kirst), Musik (Malcolm Kemp) und Schauspiel schaffen ein vollkommen stimmiges Wunderland-Erlebnis, das immer wieder auf überraschende Weise die Magie der kuriosen Welt auf die Bühne zaubert. Dank großer Drehbühne und herabschwebender Elemente kann das Wunderland in all seinem Facettenreichtum in Erscheinung treten. Da weichen Riesenpilze und überdimensionale Blumen Kaninchenhäusern, ohne dass Alice auch nur einmal in ihrer Reise innehalten muss. Videowände erweitern das Repertoire des Darstellbaren, ohne dass es wirkt, als hätte man sich schlicht für eine bequeme Abkürzung entschieden. Im Gegenteil: Unter überraschtem Raunen des Publikums wandern Gegenstände aus den projizierten Bildern direkt in Alice’ Hand, als könnte sie in die gezeigten Bilder hineingreifen. Türen schrumpfen nicht nur, nein, Alice wächst auch. Wie eine Ziehharmonika zieht sich ihr Kleid auseinander, wird länger und länger, während sie immer größer und größer wird. „Auf Wiedersehen, ihr Füße!“, ruft das Mädchen fröhlich, während sie sich der Decke des Theaters immer weiter nähert. Das sind Momente, die wohl gerade Kindern in Erinnerung bleiben dürften. Ob plötzlich riesige Beine oder ziehharmonikaartige Arme auf der Bühne auftauchen – jeder kleine magische Trick wird hier visuell ansprechend umgesetzt.
Die Band ist ein weiteres Beispiel dafür, wie alles ineinandergreift. Wie schon bei „Der Fischer und seine Frau“ verschwindet sie nicht ungesehen im Orchestergraben, sondern wird auf der Bühne zu einem Teil des Wunderlands. Als Gefolge der Herzkönigin treten die Musiker sogar in einer Partie Cricket gegen die extravagante Monarchin an.
Die musikalischen Einlagen, mit denen die Geschichte von Alice erweitert wurde, richten sich mit ihren eingängigen Melodien vor allem an das junge Publikum. Sie sind nicht nur eine schöne Ergänzung der Handlung – etwa wenn Alice gemeinsam mit Humpty Dumpty (Benedikt Voellmy) ausführlich neue Wörter erfindet –, sondern tragen auch dazu bei, die eher im Subtext liegenden Botschaften für Kinder verständlich in den Vordergrund zu rücken. Themen wie das Hinterfragen des eigenen Selbst und die Herausforderung, die eigenen Facetten und Verrücktheiten anzunehmen, werden auf diese Weise nachvollziehbarer.
Für alle ab sechs Jahren?

So kreativ und magisch das Spektakel auf der Bühne auch sein mag, so könnte mancher, der einen Blick auf die Fotos der Inszenierung wirft, auf die Idee kommen, dass die Kostüme schon fast zu absurd sind für ein Stück, das sich an alle ab sechs Jahren richtet. Auch das Bühnenbild wirkt häufig sehr dunkel für ein Familienstück über eine Welt, in der alles möglich ist. Ob da mit kindlichem Auge auf das Wunderland geblickt wurde, kann infrage gestellt werden.
Bedenken wie diese verflüchtigen sich aber schnell, sobald man die Figuren in Aktion erlebt. Gestalten wie das weiße Kaninchen haben schon fast etwas Cartoonartiges an sich, wenn sie sich bewegen und fast jede ihrer Handbewegungen lautstark unterstreichen. Besonders Nola Friedrich als Alice, die jeder noch so skurrilen Gestalt im Wunderland mit nichts als kindlicher Neugierde begegnet, sorgt dafür, dass die Kostüme im Stück absurd und verrückt wirken, aber mit Sicherheit nicht beängstigend.
Auch der Wortwitz und die Situationskomik machen das Stück sehr viel fröhlicher, als es auf Fotos den Anschein haben mag. Das Timing für Pointen sitzt immer wieder perfekt und entlockt dem Publikum in aller Regelmäßigkeit fröhliches Gelächter oder ein amüsiertes Schmunzeln. Da werden die Regeln der Sprache zurechtgebogen, bis sie keinen Sinn mehr ergeben, und Naturgesetze, die man zum letzten Mal als Kind infrage gestellt hat, bis zur Unkenntlichkeit in eine vollkommen andere Richtung gedreht. Das Theater versteht es, mit dem Stück sowohl Groß als auch Klein abzuholen. Auch wenn es vielleicht nicht immer dieselben Stellen sind, die alle zum Lachen bringen, wird doch jeder mit seinem ganz eigenen Highlight im Kopf den Theatersaal verlassen.
Ein Kind, das die Erzählung „Alice im Wunderland“ bereits mag und die Absonderlichkeiten des Wunderlands ins Herz geschlossen hat, wird in dieser Inszenierung auf jeden Fall seinen Spaß haben.
Theater Aachen
Theaterplatz 1, 52062 Aachen
Informationen zu den Vorstellungsterminen unter:
theateraachen.de/de/produktionen/alice-im-wunderland.html
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