„100 Rampen für Köln“ = 100-mal mehr Barrierefreiheit

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Früher zum fantasievollen Spielen verwendet oder zur Konstruktion ansehnlicher Bauwerke und dann irgendwann im Keller oder auf dem Dachboden verstaut – das Schicksal der meisten Legovorräte. Vermutlich haben viele noch die ein oder andere Kiste voller kleiner, bunter Steine des dänischen Spielzeugherstellers zu Hause, die keine Verwendung mehr findet. Für alle, die ihren geliebten alten Legosteinen gerne eine neue sinnvolle Aufgabe geben möchten, gibt es in Köln eine innovative Aktion für mehr Barrierefreiheit, welche dies ermöglicht. „100 Rampen für Köln“ heißt sie, und sie wurde von der Projektgruppe „frank und frei“ des Vereins junge Stadt Köln e. V. ins Leben gerufen. Die Projektgruppe besteht aus einem jungen Team von Mitwirkenden im Alter von 15 bis 25 Jahren. Finanziell unterstützt wird die Initiative von der Hans-Günther-Adels-Stiftung, der Marga und Walter Boll-Stiftung, der Dr. Franz Stüsser-Stiftung sowie der Aktion Mensch. Wie können also bunte Spielsteine Menschen im Rollstuhl helfen? Ganz einfach: Die 100 Rampen werden aus Legosteinen konstruiert.

Auch niedrige Barrieren sind eben Barrieren

Wenige Stufen, ein Bordstein oder eine kleine Schwelle vor dem Eingang eines Geschäfts: kleine Hürden in einer Stadt, die Menschen ohne körperliche Beeinträchtigungen gar nicht erst als Herausforderung wahrnehmen, die für Rollstuhlfahrer/-innen jedoch ein Hindernis in ihrer Fortbewegung darstellen. Die von den Projektteilnehmern gebauten Rampen sollen hier zum Einsatz kommen. Sie sollen in Kölner Geschäften hinterlegt werden, sodass sie bei Bedarf an die zu überwindende Stufe angelegt werden können. Die erste Rampe wurde Anfang April beim Skateboardladen Tante Skäte in der Südstadt eingeweiht.

Johanna Kasischke (18) ist eine der Mitwirkenden des Projekts. Sie war vorher schon beim Schülermagazin k50, einem früheren Projekt des Vereins, tätig. Als sie von dem neuen Projekt hörte, war sie sofort dabei. Das Motto der Gruppe, das Leben in Köln mit ideenreichen Aktionen zu verbessern und zu verschönern, hat ihr zugesagt: „Ich wohne jetzt seit 18 Jahren in Köln und Köln ist … naja, an vielen Ecken eben nicht so schön. Wir haben bei der Gestaltung des Projekts freie Hand, wir konnten alle möglichen Projektarten ins Leben rufen.“ Beim ersten Treffen gab es erstmal ein Brainstorming, und dabei sei auch Idee für das Projekt „100 Rampen für Köln“ entstanden. Die Idee hat Caro Mülheims (21) eingebracht, die selber seit ihrem neunten Lebensjahr im Rollstuhl sitzt. „Caro hat auf YouTube ein Video gesehen, in dem der Aktivist Raul Krauthausen eine Rampe aus Legosteinen baut. Sie fand die Idee super, und auch wir waren uns alle einig, dass das ein tolles Projekt sei und Köln sowas dringend gebrauchen könne. Also haben wir uns darum gekümmert, dass das Ganze starten kann.“

Die Grundlage für eine funktionstüchtige Legorampen-Konstruktion: Die beste Methode ist keine Methode

So weit, so gut. Der Grundstein des Projekts wurde mit dieser Leitidee gelegt. Doch wie baut man am besten so eine Legorampe und wie stabil sind die Bauwerke? Johanna gibt zu, dass sie und die anderen Mitglieder der Gruppe anfangs etwas skeptisch waren hinsichtlich der Belastbarkeit der Konstruktionen. Auch über die ideale Zusammensetzung der Bauteile wurde diskutiert. Es stellte sich aber heraus, dass hier eine genaue Anleitung wenig Sinn machte. „Wir haben verschiedenste Prototypen gebaut – es gibt ja hunderttausend Möglichkeiten, wie man Lego zusammensetzen kann. Dann haben wir uns für die beste Methode entschieden, und die beste Methode ist tatsächlich, dass es keine Methode und kein System gibt. Man baut einfach kreuz und quer und achtet darauf, möglichst keine Sollbruchstellen zu erzeugen. Zum Schluss kleben wir die Rampen dann noch Schicht für Schicht, damit sie auch wirklich halten, und untendrunter befestigen wir Legoplatten und darunter nochmal eine Moosgummiplatte. Und – wir haben es jetzt sehr oft ausprobiert – das hält wirklich.“ Die Rampen werden passgenau auf die Höhe der Stufen vor dem Laden zugeschnitten, daher ist auch die Mitnahme eigener Rampen nicht immer sinnvoll, da sie nicht an allen Stellen einsetzbar sind.
Die Geschäfte werden mit einem entsprechenden Schild im Schaufenster ausgestattet, das anzeigt, dass die Legorampen bei ihnen zur Verfügung stehen. Außerdem steht auf dem Schild, dass sich der- oder diejenige bei Bedarf durch Klopfen oder Winken bemerkbar machen soll. Auch die Telefonnummern der Läden sollen auf dem Schild zu sehen sein, sodass auch angerufen werden kann. Bisher wurde erst eine Rampe verteilt. Ziel ist natürlich, weitere 99 Geschäfte mit Rampen auszustatten. Bei manchen Geschäften sei dies ein bisschen schwierig, so Johanna. Entweder hätten die Läden zwei Stufen, da sei es mit den Rampen nicht ohne Weiteres machbar, oder die Läden gehörten größeren Ketten an, was die Bewilligung des Einsatzes der Rampen verkompliziere. Doch durch die mediale Aufmerksamkeit würden immer mehr Leute auf das Projekt aufmerksam: „Die Resonanz ist super. Wir kriegen jede Menge Legospenden und es läuft richtig gut.“ Trotzdem bräuchten sie mehr Geschäfte, die die Rampen einsetzen wollen. Auch noch mehr Legospenden sind gerne gesehen, denn momentan baut die Projektgruppe viele Rampen auf Vorrat. „Das Lego geht schneller weg, als man gucken kann“, sagt Johanna lachend.

Das Problem fehlender Barrierefreiheit soll stärker in das Bewusstsein der Menschen gerückt werden

„Ich finde es besonders wichtig, dass Leute darauf aufmerksam gemacht werden, was es bedeutet, im Rollstuhl in einer Stadt unterwegs zu sein. Es geht ja nur um eine kleine Stufe, um die wir uns mit unseren Rampen kümmern, eine, über die man als Nicht-Rollstuhlfahrer gar nicht nachdenkt oder die man gar nicht erst wahrnimmt.“ Gerade in Köln sei Barrierefreiheit ein großes Problem. Man denke zum Beispiel an die U-Bahnen, wo teilweise einfach keine Aufzüge zur Verfügung stehen. Es geht darum, einen Moment zu reflektieren und sich klarzumachen, dass Menschen mit eingeschränkter Mobilität bei der Gestaltung ihres alltäglichen Lebens über sehr viele kleine Faktoren nachdenken müssen und vieles entsprechend anders planen müssen. Da hilft es ungemein, wenn die Stadtgemeinschaft etwas entgegenkommen kann. Das gilt natürlich nicht nur für Köln, sondern für jede andere Stadt auch. Die bunten Spielsteine, die man normalerweise aus einem völlig anderen Kontext kennt, stechen ins Auge und haben so in der Öffentlichkeit eine Art Signalwirkung – ein Denkanstoß wird geliefert. Dies könnte eventuell auch bewirken, dass zukünftig in der Stadtarchitektur das Thema Barrierefreiheit stärker in den Fokus gerückt wird. Johanna fasst zusammen: „Man kann mit solchen Kleinigkeiten auf das größere Problem aufmerksam machen. Und das muss auf jeden Fall geschehen, das ist mir besonders wichtig. Ganz einfach, damit es stärker in das Bewusstsein der Menschen rückt, dass es eben nicht selbstverständlich ist, dass man überall reinkommt. Man denkt da halt nicht drüber nach, aber ich finde wichtig, dass man ein Gefühl dafür entwickelt.“

Barrierefreiheit ist selbstverständlich in jeder Stadt ein Thema – auch in Aachen. Wenn man sich in der Stadt umsieht, fallen sofort viele Stellen auf, an denen die selbstgebauten Rampen zum Einsatz kommen könnten. Das Kölner Projekt wäre daher auch bei uns denkbar. Außerdem gibt es ganz bestimmt in Aachen in vielen Kellern und auf vielen Dachböden vergessene Legoschätze zu heben.

Weitere Infos zum Projekt auf der Website von junge Stadt Köln: jungestadtkoeln.de

Kontakt:
junge Stadt Köln e. V.
Frank Liffers
mitmachen@jungestadtkoeln.de
0170 1706020



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