Das Herz eines Boxers – Premierenbesuch im DAS DA THEATER

Ein vom Weg abgekommener 16-Jähriger und ein ehemaliger Profiboxer treffen in dessen zellenartigem Zimmer im Altersheim aufeinander. Was den Auftakt zu einem langatmigen Kammerspiel mit tragischem Pathos darstellen könnte, entpuppt sich schnell als eine flotte und spaßige Erzählung, die von dem dynamischen Schlagabtausch der beiden ungleichen Protagonisten lebt. Das Stück erzählt eine zutiefst menschliche Geschichte über zwei Personen und zwei Generationen, die jeweils auf ihre Weise ihren Platz im Leben suchen. Am 6. März 2025 feierte das Stück im DAS DA THEATER Premiere.

Vollkommen still sitzt der ehemalige Profiboxer Leo (Walter Gontermann) in seinem karg eingerichteten, fast schon klinisch sterilen Zimmer. Blicklos starrt er vor sich hin, während sich die Sitzreihen im Theater füllen. Das kalte Scheinwerferlicht lässt ihn fahl und kränklich wirken, dem Tod fast schon näher als dem Leben. Als der vorlaute 16-jährige Jojo (Dennis Papst) mit einer so großen Klappe, dass sie kaum stillstehen kann, in das Zimmer des Alten platzt, könnte der Kontrast kaum größer sein. Jojo will nur das eine: möglichst schnell seine gerichtlich angeordneten Sozialstunden im Altersheim ableisten und dann wieder seiner Wege gehen. Doch wie so oft kommt es anders als erwartet. Behandelt Jojo den über 80-Jährigen zunächst noch wie ein Teil der Inneneinrichtung, entspinnt sich zwischen ihnen bald eine ungleiche Freundschaft, von der sie mehr profitieren werden, als sie zunächst ahnen.

Schon einmal auf die Bühne gebracht

Bereits zum zweiten Mal inszeniert Tom Hirtz das Schauspiel „Das Herz eines Boxers“, ein 1996 im Berliner GRIPS Theater uraufgeführtes Stück von Lutz Hübner, für das DAS DA THEATER. 18 Jahre zuvor, im Jahr 2007, hatte Hirtz das Stück natürlich noch mit vollkommen anderer Besetzung auf die Bühne gebracht. So entspricht das Alter des 82-jährigen Walter Gontermann sehr viel mehr dem seiner Rolle als das von Jens Eisenbeißer, der 2007 den Leo spielte. Dieser musste damals viel Zeit in der Maske verbringen, um sich optisch einem Altersheimbewohner anzupassen.

Um das Schauspiel an das aktuelle Jahrzehnt anzupassen, wurden einige inhaltliche und sprachliche Änderungen vorgenommen. Dies ist vor allem beim Sprachgebrauch von Jojo gut gelungen. Stolpert man in vielen Inszenierungen aus den 90er Jahren über veraltete Begriffe der damaligen Jugendsprache, die die Illusion des Stücks durchbrechen, nimmt man Jojo in der aktuellen Inszenierung den Teenager sehr viel leichter ab. Auch die bewegte Lebensgeschichte von Leo wurde ein wenig angepasst. Während er in der Originalfassung noch Soldat im Zweiten Weltkrieg war, berichtet er auf der Bühne jetzt von seinen Erlebnissen als Soldat an der innerdeutschen Grenze.

Die aktuelle Inszenierung

Insgesamt hat das Stück über die Jahre aber nicht an Aktualität eingebüßt. Es behandelt immer noch aktuelle Themen wie Einsamkeit im Alter, aber auch in der Jugend, das Streben nach Freiheit und die Suche nach dem eigenen Selbstwert. Themen, die die Charaktere Leo und Jojo über ihre vielen Unterschiede hinweg vereinen. Trotz der vielen ernsten Aspekte, die das Stück berührt, kommt keine wirklich düstere Stimmung auf. Ganz im Gegenteil. In regelmäßigen Abständen geht eine Welle aus heiterem und herzlichem Gelächter durch die Reihen des Publikums. Das Stück lebt von dem immer wiederkehrenden dynamischen und flotten Schlagabtausch der beiden, dem es nie an Witz mangelt. Dabei hält das Schauspiel jedoch stets die Waage zwischen Ernst und Komik.

Zusätzlich bereichert die Inszenierung die tolle Dynamik zwischen den Hauptdarstellern. Auch der tatsächlich vorhandene Altersunterschied erleichtert es dem Publikum, in die Geschichte von Jojo und Leo einzutauchen. Um die Authentizität in den Momenten zu fördern, in denen Leo seine Boxhandschuhe anlegt, bereitete sich der 82-jährige Walter Gontermann mit Boxtraining beim PTSV Aachen auf seine Rolle vor. In seinen Boxstunden mit Jojo rückt vor allem der Umgang mit Konflikten und wie man sie am besten gewaltfrei löst in den Vordergrund. Das Thema entspinnt sich in den 78 Minuten Spielzeit vollkommen natürlich zwischen den beiden, ohne je aufgesetzt zu wirken oder überdeutlich moralisch zu belehren.

Bühnenbild (Frank Rommerskirchen und Judith Meyer) | Foto: Nico Kleemann

Das Stück spielt immer nur an einem Ort: dem tristen Altersheimzimmer von Leo. Ebenso wie der ehemalige Profiboxer ist das Publikum an sein Zimmer gebunden. Das Bühnenbild (Frank Rommerskirchen und Judith Meyer) mit den dünnen weißen Stäben, die Leos Zimmer einrahmen und begrenzen, unterstreicht dabei eindrücklich die Parallele zu einer Gefängniszelle, die auch im Stück mehrfach gezogen wird. Die einzige Variation in der Szenerie entsteht durch das Licht, das sich an die Stimmung auf der Bühne anpasst. Mehr ist aber auch nicht nötig, denn je mehr sich die Geschichte entwickelt, umso mehr treten auch die Stäbe, die Jojo und Leo vom Publikum trennen, in den Hintergrund.

Spannend und sympathisch erzählt das Schauspiel eine bewegende Geschichte, die gerade wegen der verschiedenen Generationen, die auf der Bühne aufeinandertreffen, für Jung und Alt geeignet ist. Auf charmante Weise zeigt es auf, wie gerade der Austausch zwischen Generationen zu zuvor nicht gesehenen Lösungen führen kann. Eine hoffnungsvolle Erzählung darüber, wie zwei Menschen zusammen aus ihren jeweiligen Gefängnissen ausbrechen.

Das DAS DA THEATER empfiehlt das Stück für Jugendliche ab der siebten Klasse. Für Schulen ist das Stück im Rahmen des Jungen Theaters bis Juli 2026 buchbar. Ergänzend zu den Aufführungen bietet das DAS DA THEATER Unterrichtsmaterial zur Vor- und Nachbereitung des Stücks sowie einen nachbereitenden theaterpädagogischen Workshop an.

DAS DA THEATER
Liebigstraße 9, 52070 Aachen

Alle Aufführungstermine unter:
dasda.de/das-da-theater/programm/spielzeit-24-25/das-herz-eines-boxers

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