Von der Fußbodenheizung der Römer bis zur Schaukelbadewanne

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Wir haben heute alle ein Badezimmer mit fließendem Wasser, ein WC, eine Dusche oder eine Badewanne. Schwimm- und Spaßbadbesuche sind so gut wie in jeder Familie alltäglich und jeder – oder fast jeder – lernt schwimmen.
Das ist so selbstverständlich geworden, dass niemand mehr bedenkt, dass Badezimmer in den Wohnungen teilweise erst nach dem zweiten Weltkrieg zum Standard wurden. Die „Römerthermen Zülpich – Museum der Badekultur“ werfen einen Blick auf die Entstehung der Badekultur und sorgen für so manchen Aha-Effekt.


Zülpich war schon zur Römerzeit zentraler Straßenknotenpunkt auf der Strecke zwischen Reims, Aachen, Köln und Trier, Xanten, Jülich und Bonn. So war es naheliegend, dass in diesem römischen „vicus“ eine Badeanlage entstand. Diese Römerthermen sind die bester-haltenen ihrer Art nördlich der Alpen und wurden Ende der 1920er Jahre wiederentdeckt, als man bei Kanalbauarbeiten auf die Überreste der Thermen stieß. Und diese zeugen davon, dass die Römer über sehr raffinierte Baukenntnisse verfügten. Kleine Säulen, die
sogenannten Hypokausten aus runden oder eckigen Steinplatten belegen, dass es sogar eine „Fußbodenheizung“ gab. Die Säulchen lagen unter der Bodenplatte in einem Hohlraum, der durch Feuerstellen an den Seiten mit heißer Luft befüllt wurde. So wurde die Bodenplatte angenehm temperiert.

In den Thermen trafen sich vormittags die Frauen, nachmittags und abends die Männer und ließen es sich gut gehen. Man genoss nicht nur die eigentlichen Warm- und Kaltbäder, sondern kam hier vor allem der Körperhygiene nach. Schon damals war es üblich, sich am ganzen Körper die Haare entfernen zu lassen, die Menschen wurden rasiert und frisiert und parfümiert. In den beheizten Räumen konnten sie schließlich noch relaxen und speisen. Dabei war der Thermenbesuch erschwinglich und durchaus für jedermann gedacht. Wohlhabende Familien hatten sogar eigene Steinwannen in ihren Häusern. Und noch eins verblüfft: Die Römer spülten mit dem Abwasser in den Thermen bereits die Toiletten der Anlage!

Im Museum der Badekultur spaziert man an den Überresten der Badmauern vorbei, sieht die Fußbodenheizung und in Teilen der Anlage läuft man über einen Glasboden, der einen Blick auf weitere Mauerreste freigibt. Über den Baderäumen hängen in diesem Teil der Ausstellung große transparente Leinwände, auf denen per Projektion gezeigt wird, wie die Römer früher das Bad nutzten.
Auf der ersten Etage des Museums der Badekultur taucht man in das Mittelalter ein. Dieses gilt aus Sicht der heutigen Zeit als düster und schmutzig. Eine Annahme, die in Bezug auf die Badekultur hinterfragt werden sollte, wie Jasmin Görlich vom Museum der Badekultur berichtet. So gab es auch im Mittelalter Badestuben in den Häusern großer Siedlungen und Städten. Im 14. Jahrhundert wüteten Seuchen in Europa und rafften Millionen Menschen dahin. Aus Sorge, dass die Bäder zu einer Verbreitung der Krankheiten beitrügen, geriet das Baden in Verruf. Darüber hinaus wurde der Rohstoff Holz, der zum Heizen der Badestuben benötigt wurde, immer teurer. Diese beiden Aspekte führten zu einem steten Verschwinden der mittelalterlichen Badestuben.

Von der frühen Neuzeit, dem 16. bis 18. Jahrhundert, ist nicht viel überliefert. Badeten die Menschen? Oder stimmt es, dass sie sich nur puderten und parfümierten? Auch an dieser Stelle möchte das Museum sensibilisieren. Zwar gibt es in einigen Schlössern nachweislich Badezimmer aus dieser Zeit, die keinen Wasseranschluss hatten. Jedoch gab es in diesen Schlössern Personal, das für mit warmem Wasser gefüllte Badewannen sorgen konnte. Museumsleiterin Dr. Iris Hofmann-Kastner ermutigt hierbei immer zum pragmatischen Denken: „Wenn die Menschen sich wirklich nur gepudert haben, so musste auch diese Puderschicht nach spätestens zwei bis drei Tagen abgewaschen werden. Andernfalls wäre die Puderschicht abgebröckelt und der Puder hätte keinen Halt gehabt.“

Am Ende des 18. Und 19. Jahrhundert wurde das Baden dann wieder beliebt. Durch die sich entwickelnden Naturwissenschaften wurde klar, dass frisches, sauberes Wasser nicht nur zum Trinken gebraucht wird, sondern auch zur Gesunderhaltung des Körpers durch Waschen. Es entstanden öffentliche Badeanstalten und Schwimmschiffe auf den Flüssen. Die Menschen begannen, das Reisen für sich zu entdecken und pilgerten an die See. Eine eigene Bademode entstand zunächst für Soldaten. Schwimmkurse wurden angeboten. Ab der
2. Hälfte des 19. Jahrhundert entstanden Frei- und Hallenbäder.

Erst als die Menschen ab ca. 1950 größtenteils Badezimmer zu Hause hatten, verloren die Badeanstalten etwas an Reiz. Erst in den 1980er Jahren entwickelten sich die heute bekannten Spaßbäder, in den 1990er Jahren kamen die Wellnessbäder hinzu.

Ein Besuch im Museum der Badekultur lohnt sich auf jeden Fall und schärft noch einmal den Blick dafür, nicht alles als selbstverständlich zu nehmen. Am besten lässt man sich bei einer Führung alles zeigen oder schlendert allein durch die kurzweilige Ausstellung. Es gibt außerdem ein breitgefächertes museumspädagogisches Programm mit Veranstaltungen und verschiedenen Führungen für Schulklassen, Gruppen und Individualbesucher. Hier können Schüler beispielsweise Seife herstellen, nach römischen Rezepten Gerichte zubereiten oder sich in römischer Wandmalerei üben.

Während der Landesgartenschau hat das Museum für Badekultur täglich geöffnet, also auch montags!

Weitere Infos:
www.roemerthermen-zuelpich.de



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