Oliver & Co.

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Vorgestellt von Marco Siedelmann
Die Handlung des 27. abendfüllenden Kinozeichentrickfilms aus dem Hause Disney bedient sich sehr frei dem Charles-Dickens-Klassiker „Oliver Twist“. Aus der Vorlage wurden aber so viele Elemente entfernt, dass es sich letztlich eher um eine liebevolle Hommage in modernem und vor allem amerikanisiertem Gewand handelt. „Oliver und Co.“ wurde ein großer internationaler Erfolg, der dem Disney-Konzern nach Flops wie „Taran und der Zauberkessel“ oder „Basil der Mäusedetektiv“ wieder neues Selbstvertrauen einflößte und den Weg bereitete für die gigantischen Erfolge der Nachfolger („Arielle“, „König der Löwen“, „Aladdin“ usw.). Zugunsten der straff konzipierten Handlung verzichtet der Film auf eine süffige Liebesgeschichte, legt sein Augenmerk auf die Kontrastierung von Reich und Arm.

Kater Oliver erfährt nicht nur das harte Leben auf der Straße, schließlich verschlägt es ihn in die Obhut einer wohlhabenden Familie, respektive der kleinen Tochter des Hauses. Auch wenn eine gewisse Romantisierung der Landstreicherei nicht zu verleugnen ist, so wird das junge Publikum dennoch mit einer sozialen Kluft konfrontiert, deren Aussparung den Disneyfilmen für gewöhnlich (fälschlicherweise) vorgeworfen wird. Der Geschichte ihr Happy End vorzuwerfen, wäre absurd angesichts der durchaus differenzierten Gedankenanstöße, die der Film bis zur obligatorischen Anpassung am Ende bietet.

Warum „Oliver & Co.“ weniger im kollektiven Gedächtnis verankert ist als seine noch wesentlich erfolgreicheren Nachfolger ab „Arielle“, liegt an der fehlenden Zeitlosigkeit der Inszenierung. Zu sehr ist die Inszenierung an die Entstehungszeit gebunden, wenn beispielsweise ein breakdancender Teenager mit Ghettoblaster durch das Szenenbild zappelt oder im Fernsehen Wrestling zu sehen ist. Da bestätigt sich die Annahme, die sich schon in den betont coolen Dialogen abzeichnet: Disney versucht einen möglichst modernen Film zu zeigen, der einfach hip und trendy ist. Aufgrund dieser Abweichung vom typischen Stil fehlt „Oliver & Co.“ jener Mystizismus, der die wirklichen Meisterwerke der Meisterwerk-Reihe umgibt. Wie sehr der Film in der Popkultur der Achtzigerjahre verankert ist, zeigt die Besetzung der Hauptrolle mit Billy Joel (!!) als Synchronsprecher, in einer Nebenrolle ist sogar Huey Lewis zu hören. Besondere Aufmerksamkeit verdient die brillante Verschmelzung modernster Computertechnik mit der gewohnten Zeichentrickwelt. Sparsam und bedacht sind die CGI-Effekte so bedacht in die Zeichnungen integriert, der individuelle Charme des Films leidet nicht in einer Einstellung unter seiner Form. Fast unmerklich findet diese Vermischung statt, die Animationsteams leisten hier vorbildliche Arbeit ohne die Zeichentrickästhetik zu verwässern. Das urbane Setting wird treffend und detailliert eingefangen; die Kamera imitiert mit ihren tiefliegenden Perspektiven den Blick eines Hundes auf die Straßen von New York. Für diese spezielle Sichtweise wurden eigens geschossene Stadtfotos aus 50 cm Höhe geschossen – eine Mühe, die dem Look deutlich zugute kommt.

Während der Großteil des Films einem beschwingten Musical-Stil folgt und auf ungewöhnliche Gesangseinlagen setzt, zeigen die gut platzierten actionreicheren Sequenzen brillante Kamerafahrten, wodurch die finale Verfolgungsjagd ungemein plastisch gerät. Die Unterstützung durch Computertechnik eröffnet neue ästhetische Möglichkeiten, die aber aufgrund mangelnder Ausgereiftheit noch konsequent sparsam umgesetzt werden. „Oliver & Co.“ weist deutlich auf die an Bedeutung immer weiter gewinnende Digitalisierung des Zeichentrickfilms hin, erzählt also im historischen Sinn auch unbewusst von einem Genreumschwung. Obwohl der Film also zu stark in seiner Entstehungszeit verharrt und es nicht mit den wahren Disney-Meisterwerken aufnehmen kann, empfiehlt sich „Oliver & Co.“ als rundum verträglicher, vergnüglicher, spannender und nicht zuletzt pädagogisch wertvoller Animationsfilm. Hervorragende Zeichnungen alter Schule werden perfekt ergänzt durch verstärkte Verwendung am Computer erstellter Effekte. Den alten Dickens-Stoff ins Reich der Tiere zu verlegen erweist sich zwar nicht als origineller Kunstgriff, kann aber mit intelligenten Modernisierungen punkten, wobei der Umgang mit dem klassischen Stoff sichtbar respektvoll erfolgt.

USA 1988 | Regie: George Scribner | Länge: 71 Min.| FSK: ab 6
DVD ist bereits länger im Handel erhältlich, eine Blu-Ray-Veröffentlichung ist noch nicht angekündigt.



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