Erfahrungsbericht: Leben mit einem Schreibaby

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Es gab zwei Sorten von Familien. Die „normalen“ mit „normalen Babys“ – und uns. So fühlte es sich an. Diese Welten haben sich kaum berührt, so ungläubig schaute man uns an und so gering war schon nach kurzer Zeit unsere Lust, mit Eltern zu sprechen, deren Babys schliefen. Zwei Familien sind mir aus dieser Zeit in Erinnerung geblieben, die das gleiche Problem hatten. Eine Erlösung, wenn ich den übermüdeten Vater am Neumarkt traf oder die übernächtigte Mutter mir zufällig im Hangeweiherpark begegnete.
Die Gemeinsamkeit: Unsere Babys haben nachts geschrien. Und nicht geschlafen. Und tagsüber haben sie oft das Gleiche getan.
Heute würde man sagen: Ein Schreibaby. Es hat Regulationsstörungen. Damals sagte man das noch nicht, denn die Begriffe und die erste Schreibabyambulanz in München wurden acht Jahre später erfunden. Auch wenn sicher schon jemand daran forschte, uns half das herzlich wenig.

In der ersten Nacht mit unserem Kind zu Hause hat es bis morgens um fünf geweint. Wir dachten „Holla“ und haben erstmal einen Schnuller gekauft. Wie oft wir das in den kommenden Tagen, Wochen, Monaten und letztlich Jahren noch denken würden, wussten wir da zum Glück noch nicht.
Wir wussten auch noch nicht, dass unserem Baby alles zu stressig und zu laut war. Andere Babys beim Babyschwimmen, Menschen im Restaurant, von Veranstaltungen ganz zu schweigen, Plastiktüten, Action jeder Art. Unser Baby brauchte einen ganz exakten Rhythmus ohne Störungen, ohne Lärm, ohne zu viel An- und Aufregung und ohne Zahnen und Schnupfen und jegliche kleinste Störung. Das mussten wir alles ganz allein herausfinden, und selbst als wir es herausgefunden hatten, war unser Konstrukt der Ordnung und Ruhe leicht zu Fall zu bringen, denn jedes Baby hat mal Schnupfen, bekommt Zähne oder muss mal mit zum Einkaufen. Unser Baby hat dann geschrien.
Bis zu fünf Stunden am Stück und vornehmlich zwischen ein und sechs Uhr nachts. Und wir konnten nichts tun, denn wenn der Wurm erstmal drin war, konnte sich unser Baby nur noch alleine in den Schlaf brüllen. Denn es wollte nichts. Zumindest nichts, was wir herauszufinden in der Lage gewesen wären.
Nicht auf den Arm, nichts trinken, nicht gewickelt werden, nicht in unser Bett. Es hat einfach nur geschrien. Und wir haben alles ausprobiert. Auf den Arm? Trinken? In unser Bett? Neben seinem Bett auf dem Boden liegen und Händchen halten? Neben unserem Bett im zusätzlichen Kinderwagen schuckeln? Nein, nichts half. Oder wenn, dann nur kurz.
In den allerextremsten Momenten habe ich mich nachts auf den blanken Küchenfußboden gelegt, um Abstand zwischen mich und mein Kind zu bringen. Der Vater war schon lange ins weit entfernte Wohnzimmer umgezogen.
Unser Kinderarzt winkte ab. Andere Kinderärzte wollten uns mit dem Problem nicht aufnehmen. Man drückte uns als erste Testprobanden „Jedes Kind kann schlafen lernen“ in die Hand, und wir haben seine Anweisungen in aller Konsequenz durchgezogen. Nicht einmal, sicher fünfmal oder öfter. Es funktionierte! Genau so lange, bis der nächste Zahn kam oder der nächste Schnupfen oder auch nur Weihnachten oder ein Familienfest. Alles konnte alles durcheinanderbringen.
Wir brachen Urlaube mit Freunden ab, weil wir ihnen das Geschrei nicht zumuten wollten, und mir war stellenweise wochenlang schon morgens übel vor Müdigkeit – und den ganzen Tag schleppte ich mein übel gelauntes, müdes Kind am Bein hinter mir her.
Wir haben unser Kind geliebt, es war natürlich trotzdem das goldigste für uns und uns tat auch alles so leid. Ändern konnten wir es nicht. Das Ganze hat zweieinhalb Jahre gedauert, bis es besser wurde. Mit vier schlief unser Kind durch.
Was hätte ich damals für einen Besuch und die Betreuung in einer Schreiambulanz gegeben! Es gab keine. Es gab nur diese beiden anderen Familien, die mir zumindest sagten, dass wir nicht alleine sind.

Weiterführende Links zum Thema:
https://kingkalli.de/regulationsstoerungen-bei-babys-neues-angebot-in-aachen/

Bleibe immer auf dem Laufenden

Ich will nichts verpassen und möchte wöchentlich den kostenlosen KingKalli-Newsletter erhalten und über aktuelle Themen und Termine auf dem Laufenden gehalten werden.

Ich bin damit einverstanden, den Newsletter zu erhalten und weiß, dass ich mich jederzeit problemlos wieder abmelden kann.

Weitere Artikel

Hinterlasse einen Kommentar