In der Weihnachtswerkstatt

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Der Arbeitstisch von Tanya Klocke alias Hasengold in Kelmis ist ein Paradies. Aus Draht, Watte, Filz und jeder Menge historischer Werkstoffe erschafft sie Wattefiguren, Tonfiguren und possierliche Tierchen aus Nadelfilz, die sie auf dem Aachener Weihnachtsmarkt verkaufen wird.

„Früher war Weihnachten eine heilige Zeit für mich“, erinnert sich Hasengold. Das änderte sich, als sie über ihren Mann vor 14 Jahren ins Weihnachtsmarktgeschäft einstieg. Die beiden betreiben Stände in mehreren Städten, sind das ganze Jahr mit der Vorbereitung beschäftigt. „Weihnachtszeit ist heute Konsumterror“, sagt Tanya, „das fühlt sich nicht mehr weihnachtlich an.“ Vorletztes Jahr habe sie Zeit gefunden, über den Markt zu bummeln, und habe überlegt, dass es doch möglich sein müsse, auch wieder etwas Handgemachtes anzubieten.

Sie erinnerte sich an klassische Wattefiguren mit Oblatengesichtern. Viele Jahre hatte sie früher ein Original am Baum gehabt. Lange recherchierte sie zu dem etwa 120 Jahre alten Handwerk und experimentierte, bis sie die perfekte Produktionstechnik gefunden hatte.
Heute benötigt sie für eine Figur vier bis sieben Stunden. Dabei ist alles selbstgemacht. Über einem Drahtgestell entsteht die Nikolausfigur oder das kleine Christkind. Mäntelchen und Pelerine sind selbstgefärbt, selbstgenäht und mit alter Spitze verziert. Selbst der Glitzer ist Originalglimmer aus Stein, die Christkindfiguren liegen in historischen Backförmchen als Bett und die kleinen Gesichter sind aus alten Fotos herauskopiert und ausgeschnitten.

Um ihr Material zu finden, stöbert Hasengold das ganze Jahr über auf Flohmärkten und sucht im Internet nach Händlern, die etwas Besonderes feilbieten. Auch Tiere fertigt sie nach alter Technik aus Drahtgerüst, Füllmaterial und Ton. Diese seien noch aufwendiger als die Wattefiguren, erzählt sie. Ergänzt wird das Repertoire durch nadelgefilzte Mäuschen. Die „Maus im Schafspelz“ trägt ein selbstgestricktes Pullöverchen. Fast jedes Figürchen hat ein eigenes Accessoire im Arm, kaum etwas wiederholt sich, in allem spiegelt sich die Leidenschaft am Gestalten und am Material wider.
„Ich hatte immer schon Spaß daran, Wesen zu erschaffen“, berichtet Hasengold von ihrer Kindheit und Jugend. „Malen reicht da nicht mehr.“ Immer schon habe sie gemalt, geknetet, mit verschiedensten Materialien Dinge erschaffen und eine Goldschmiedelehre angestrebt. Ihre Großmutter war jedoch dagegen, die Enkelin, die den Ausbildungsplatz in einem Jahr antreten sollte, „herumlungern“ zu sehen, und schlug etwas „Praktisches“ vor, das sie sofort beginnen könne. So lernte sie also Arzthelferin – einen Beruf, den sie nie ausüben wollte und auch nie ausgeübt hat. Sie erledigte Bürojobs, die kreative Arbeit blieb Hobby.

Hasengolds Werke sind nicht Handwerk, sondern Kunst im Handwerk vom Feinsten. 29 bis 39 Euro pro Figur bezahlt man auf dem Weihnachtsmarkt für eins ihrer Einzelstücke – ein Preis, der weder die Arbeitszeit noch das hochwertige Material widerspiegelt und den dennoch viele auszugeben nicht mehr bereit sind. Um ihren Stand finanzieren zu können, ist also auch Hasengold darauf angewiesen, zusätzlich industriell angefertigte Ware anzubieten. Zum Glück gibt es durchaus Sammler und Liebhaber, die sich des Wertes einer handgearbeiteten Figur bewusst sind. Auch Touristen aus Amerika und Asien schlagen bei den Einzelstücken gerne zu.

Unser Tipp: Bei Hasengold auf dem Markt vorbeischauen – allein der liebevoll gestaltete Marktstand, an dem sie seit Oktober gearbeitet hat, wird einen Besuch wert sein. „Das ist bislang Liebhaberei und ich könnte das alles nicht finanzieren, wenn wir nicht noch die anderen Marktstände hätten“, so Hasengold. Schade eigentlich!

hasengold.de

 

Drei Fragen an Hasengold

Wie feierst du heute Weihachten? Wie schmückst du deinen Baum?
Ich habe keinen Weihnachtsbaum mehr, seit ich Weihnachtsmärkte mache, weil ich erst am 24. gegen Abend vom Abbau komme, da ist es nicht möglich, noch einen Baum zu schmücken. In den Tagen danach stelle ich Tischdeko auf und meine Krippenfiguren.

Wie sind deine Kindheitserinnerungen? Wie habt ihr früher Weihachten gefeiert?
Mutter hat immer wahnsinnig schön geschmückt oder ich habe das mit ihr zusammen gemacht. Papi hat immer erst am letzten Tag den Baum besorgt, und der war viel zu groß oder schief, es waren ziemliche Ungetüme und es war sehr spannend. Großmutter hat zur Bescherung die Balkontür aufgemacht und so getan, als sei das Christkind gerade da gewesen, und hat ein Glöckchen geläutet, dann durften wir erst rein. Es war sehr aufregend und sehr, sehr schön.

Was für ein Fest wünschst du dir für ein Fest für Kinder und Familien heute?
Am wichtigsten finde ich an Weihnachten oder an der vorweihnachtlichen Zeit, dass man viel miteinander macht, also das heißt Besinnlichkeit, oder dass man sich Ruhe und Muße nimmt, mit Kindern was zu machen, ob das Backen ist oder Hausschmücken oder Basteln. So was finde ich ganz kostbar. Plus: Ich finde diesen Konsumterror – auch wenn ich damit Geld verdiene – zum Kotzen und würde mir wünschen, dass weniger blödsinnige Geschenke gekauft werden und mehr Zeit miteinander verbracht wird.



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2 responses to “In der Weihnachtswerkstatt

  1. Endlich findet auch etwas Außergewöhliches und Kreatives einen Platz auf dem Weihnachtsmarkt.
    Ich gratuliere Dir, Tanya, dass du den Mut und die Ausdauer hast den Marktstände hervorzuzaubern.
    Meine Empfehlung: Einfach mal anschauen gehen- jedes Figürchen ist sehens- und liebenswert.