Im Gespräch mit: Rudolf Henke

in Aktuelles um die Ecke, Engagement, yang52 (14+)

Als ich im Januar dieses Jahres von der Schule aus nach Berlin gefahren bin, bin ich Rudolf Henke im Bundestag zu einer Fragerunde begegnet. Dort war es das erste Mal, dass mir die Politik so nahe gekommen ist wie noch nie, und es hat ein Interesse in mir erweckt, das ich selbst noch nicht von mir gekannt habe. Auch nach meinem Aufenthalt in Berlin habe ich mich gefragt: Wie können Jugendliche in der Politik mitwirken, sodass es auch Veränderungen in der eigenen Stadt oder in ganz Deutschland gibt? Wo und wie kann man helfen bei Themen, die einen beschäftigen? Ich habe beschlossen, Rudolf Henke noch einmal zu einem persönlichen Interview zu treffen, um mir diese Fragen beantworten zu lassen und damit auch weitere Jugendliche, die etwas verändern wollen, von dieser Vielfalt an Möglichkeiten erfahren.
Rudolf Henke wurde bereits sechsmal zum Abgeordneten gewählt, dreimal in den Landtag von Nordrhein-Westfalen und dreimal, zuletzt im September 2017, zum Mitglied im Bundestag. Dazu ist er Vorsitzender der Ärztegewerkschaft Marburger Bund und Präsident der Ärztekammer Nordrhein. In meinem Interview habe ich ihm ein paar allgemeine so wie auch persönliche Fragen zur Politik und seiner Arbeit als Politiker gestellt.

Ist Politiker ein Beruf wie jeder andere Beruf auch oder ist es eher eine Leidenschaft?
Genau genommen ist es gar kein Beruf. Politik ist die Gestaltung von Wirklichkeit gegen Widerstand. Die Zukunft ist etwas, was jeden von uns betrifft und was jeder verändern kann. Und erst wenn diese Veränderungen allgemeine Bedeutung haben, dann ist es Politik. Das ist genauso wie mit anderen Ämtern, wie zum Beispiel Klassensprecher, Schülersprecher, Vorsitzender in einem Verein etc. Dies alles sind Mandate, die auf eine bestimmte Zeit vergeben werden, und wenn diese Zeit abgelaufen ist, gibt es Neuwahlen. Politiker ist keine Berufslaufbahn, da das Mandat nach einer bestimmten Zeit aufhört. Dann kann man das Amt neu anstreben und das Vertrauen und die Stimmen der Wähler neu gewinnen.

Spielt der Schulabschluss eine wichtige Rolle dabei, wenn man Politiker oder Politikerin werden möchte?
Es gibt keine formalen Voraussetzungen dafür, doch wenn man in seinem Leben nichts auf die Kette kriegt und nichts erreicht hat, sind dies nicht so gute Voraussetzungen dafür. Man muss kommunikationsfähig sein, schriftlich formulieren können, Sachverhalte einschätzen können, Bilanzen verstehen und vor allem mit Herausforderungen umgehen können. Kein Studium bereitet darauf vor und dies ist auch kein Lehrberuf. Man muss auf jeden Fall volljährig sein, sein Leben organisieren können und für mich das Wichtigste ist: Man muss noch weitere berufliche Möglichkeiten haben. Denn man muss für sich sorgen können und man darf seine Lebensplanung nicht auf die Politik stützen. Die durchschnittliche Laufbahn in der Politik umfasst zwei bis drei Amtsperioden, beim Landtag sind das vielleicht 12 bis 13 Jahre und beim Bundestag 10 Jahre. Deshalb braucht man zuvor eine berufliche Ausbildung. Man kann allerdings in jedem Alter für ein Amt antreten, egal ob mit 18 Jahren oder mit 50 Jahren. Voraussetzung dabei ist allerdings fast immer, dass man einer Partei zugehörig ist.

Wie kann man einer Partei beitreten? Welche Aufgaben erwarten einen?
Wenn man sich einer Partei anschließen möchte, muss man zunächst einmal eine Beitrittserklärung ausfüllen und darlegen, dass man keiner anderen Partei angehört. Dann gibt es regelmäßige Treffen in den jeweiligen Stadtbezirken, wo verschiedene Dinge besprochen und ausgehandelt werden. Dort kann man sich dann einbringen und von den verschiedenen Stadtbezirken gewählt werden. Wenn man 14 Jahre alt ist, kann man bei der CDU der Jungen Union beitreten. Die Gruppen, die für die Parteimitglieder interessant sind, treffen sich dann mindestens einmal im Jahr. Alle zwei Jahre wird der Vorstand gewählt. Wenn man allerdings noch keine 14 Jahre alt ist, kann schon mit 12 Jahren in die Schüler Union eintreten. Wenn man 16 Jahre alt ist, kann man als volles Mitglied der CDU beitreten. Jede Partei hat dabei ihre eigenen Regeln und Gruppen.

Wie kann man sich bereits als Jugendlicher (politisch) engagieren?
Man kann sich in der Schüler Union oder auf Basis der Mitgliedschaft einer Partei deutschlandweit engagieren. Wenn man sich jedoch noch nicht bei einer politischen Gruppierung festlegen möchte, kann man sich andere Gruppen suchen wie Jugendorganisationen, kirchliche Jugendverbände, Pfadfinderschaften, Euro-Jugend oder sich in der Jugendarbeit bei der Caritas oder der Diakonie, beim Roten Kreuz, den Johannitern, Maltesern, in Hilfsorganisationen, beim technischen Hilfswerk, in einem Sportverein, Karnevalsverein, Schützenverein oder auch bei der Alemannia Aachen engagieren. Das kommt dann ganz auf das jeweilige Interesse der Suchenden an. Wie in einer Partei gibt es auch bei jeder anderen Organisation oder bei jedem anderen Verein Jugendarbeit, wo man Pflichten und Ämter übernehmen kann, die einem am Herzen liegen.

Was muss man tun, um selbst einmal im Bundestag sitzen zu können?
Wahrscheinlich muss man zu einem richtigen Zeitpunkt da sein und bereit sein, viele Aufgaben zu erfüllen, und beim Wahlkampf mithelfen (wie Plakate aufhängen, an Ständen in der Stadt mitwirken). Dazu kann man dies nicht alleine entscheiden. Dabei helfen viele Faktoren wie präsent sein, bereit für viele Aufgaben sein, verlässlich sein, Dinge einhalten und für ein Amt kandidieren. Dieser ganze Prozess dauert seine Jahre, indem man ein gutes Netzwerk von Leuten aufbauen kann, die einem sein Vertrauen schenken und die man von seinem Standpunkt überzeugen muss. Dazu sollte man sich nicht auf die Politik verlassen und unabhängig davon sein. Man benötigt in jedem Falle noch einen Plan B.
Tun – nicht nur reden – ist sehr wichtig!

Wenn man als Bürger ein Anliegen hat, wie kann man dieses den Politikern, die einen vertreten sollen, auf lokaler Ebene zukommen lassen? Wie wägen sie ab, welches Anliegen wichtig und welches eher unwichtig ist?
Man kann es auf jedem erdenklichen Weg, auf dem man kommunizieren kann, überbringen. Per E-Mail, Brief, Anruf, man kann sich einen Termin geben lassen, ein Video drehen oder man geht in der Stadt zu einem der Wahlstände oder zu Veranstaltungen. Es hilft, wenn man weiß, ob sich jemand bereits darum kümmert. Oder man kann das jeweilige Anliegen beim Rat in Bürgersprechstunden oder in einer Bürgerfragestunde vortragen. Um die lokalen Angelegenheiten kümmern sich dann die Ratsherren und die Ratsfrauen. Dabei sollte man sich schon im Vorhinein Gedanken darum machen, wer für was zuständig ist, Infos sammeln (wo geht was?) und sein Anliegen bei jemandem platzieren, der Ahnung davon hat.

Welchen Beruf wollten Sie früher ausüben?
Dass ich Politiker geworden bin, war reiner Zufall. Eigentlich bin ich gelernter Arzt und habe in diesem Beruf begonnen. Deshalb empfehle ich allen, immer fleißig zu lernen, auf vielen Feldern neugierig zu sein, aktiv zu sein und auch viel Gedrucktes zu lesen, denn das Smartphone ist flüchtig.
Seit wann engagieren Sie sich schon politisch? Was hat Sie dazu angetrieben, in diese Richtung zu gehen?
Politisch engagiert habe ich mich damals schon in der Schule als Klassensprecher und später als Schülersprecher. Für jede Chance, die man geschenkt bekommt, sollte man dankbar sein denn. Als ich Medizinstudent war, habe ich als Student in der Fachschaft und im Studentenparlament mitgewirkt und nach dem Studium in der Ärztegewerkschaft. Am Arbeitsplatz war ich in der Mitarbeitervertretung sozial engagiert. Über meinen Beruf als Arzt hinaus habe ich Chancen genutzt und war bereit, für Dinge Verantwortung zu übernehmen. Dabei musste ich auch die ein und andere Niederlage einstecken, offen für alles sein, mich sachgemäß verhalten und andere so behandeln, wie ich auch selber gerne behandelt werden möchte. Angetrieben dabei hat mich, dass ich Einfluss auf bestimmte Entscheidungen nehmen konnte (wie in der Schule, wohin die Abschlussfahrt geht oder ob das Fach Griechisch noch weiterhin ein Hauptfach bleiben soll). Der Reiz dabei ist, Diskussionen zu organisieren und zu beeinflussen – das fand ich immer schon superinteressant. Dabei betreffen einen diese Dinge oft selbst oder eben andere.

Wie haben Sie Ihren Aufstieg gemacht?
Ich sage es mal so, was ist das überhaupt für ein Aufstieg? Man kriegt Vertrauen geschenkt und ein Mandat auf Zeit vergeben.
Begonnen habe ich beim Landtag 1995 und wurde nach 10 Jahren Stellvertretender Fraktionsvorsitzender. Als ich dann zur Wahl im Bundestag aufgestellt wurde, musste ich mich fragen: Passt das? Kann ich das gewinnen? Passt das auch für die Partei? Mir wäre es vielleicht lieber gewesen, wenn ich alles beim Alten gelassen hätte, doch für die Partei war es das Beste so. Was einem im Hinterkopf auch noch klar sein muss ist, dass man immer etwas aufgeben muss. Denn jede Leiter, die man raufklettert, die klettert man auch wieder herunter, und wenn man nach seinem Mandat nicht mehr wiedergewählt wird, kehrt man zu seinem vorherigen Beruf und auch zu seiner vorherigen Position zurück. Das Negative daran ist, dass man auch Dinge wieder verlernt und gegebenenfalls wieder neu eingearbeitet werden muss. Ich bräuchte bestimmt eine lange Einarbeitungszeit, um im Beruf wieder dort weiterzumachen, wo ich war, als ich in die Politik gegangen bin. Zurzeit arbeite ich ja nur sehr patientenfern in meinem Beruf, da ich in der Ärztekammer Nordrhein als Präsident deren Arbeit leite.

Stört Sie die ständige Pendelei zwischen Aachen und Berlin?
Es ist ein Teil der Arbeitsbedingungen, kann aber auch sehr anstrengend sein. Da haben es Kollegen, die aus Berlin selbst, Potsdam oder Umgebung kommen, viel besser. Zu Beginn meiner 14 Jahre im Landtag war dessen Sitz in Düsseldorf und der des Bundestages in Bonn, beides nur eine Stunde Fahrt. Kein Problem mit weiteren Abendveranstaltungen in Aachen. Doch wenn man in Berlin ist und in Aachen Veranstaltungen stattfinden, überlegt man es sich doppelt so gut, ob es sich lohnt, nach Aachen zurückzufahren.

Wie oft sind Sie in Berlin?
Es gibt einen Rhythmus aus sitzungsfreien Zeiten und aus Sitzungszeiten. Es gibt insgesamt 22 bis 23 Sitzungswochen im Jahr, diese Zeit über bin ich dann komplett in Berlin. Ansonsten fahre ich dorthin, wenn es noch sonstige Veranstaltungen oder Sitzungen gibt.

Besprechen Sie im Bundestag Anliegen für unsere Stadt Aachen oder Dinge, die ganz Deutschland betreffen?
Wir besprechen nicht nur Anliegen für Aachen. Jeder hat sein Spezialgebiet, bei mir ist es der Ausschuss für Gesundheit und ich bin Stellvertreter im Ausschuss für Arbeit und Soziales. Meistens spreche ich im Bundestag über die Gesundheitspolitik. Anliegen für Aachen bespreche ich zum Beispiel mit Kollegen im Kulturausschuss aus dem Bundestag und setze mich mit diesen auseinander. Wenn Leute die Kompetenzverteilung falsch einschätzen, gebe ich ihnen einen Rat, an wen sie sich wenden könnten (zum Beispiel an Ministerien in der Bundesregierung).

Wie war Ihr erstes Gefühl, als Sie im Bundestag gestanden und eine Rede gehalten haben?
Ich hatte ein wenig Lampenfieber, es war aber sehr beeindruckend und aufregend. Meine Rede war eine Debatte über Gesundheit.

Was sind Ihre nächsten Ziele, die Sie noch erreichen wollen? Welches Ziel verfolgen Sie schon seit längerem?
Ein Ziel, das ich sehr gerne mal sehen würde, da schon viele vorher daran gearbeitet haben, ist ein drittes Gleis für die Eisenbahn, die von Aachen nach Köln fährt. Dann kämpfe ich noch dafür, dass die Kernkraftwerke Tihange und Doel in Belgien abgeschaltet werden. Dazu widme ich mich dem Lärmschutz an der Autobahn bei Richterich, Brand und am Driescher Hof. Ich möchte, dass die RWTH eine Exzellenzuniversität bleibt und dass es bei der Gesundheit und Pflege die bestmögliche Versorgung für Patienten gibt. Dazu wünsche ich mir bessere Arbeitsbedingungen für das Personal und dass die Kräfte der Betreffenden nicht zu sehr überfordert werden. Ein Ziel, das ich auch noch verfolge, ist ein vereintes Europa mit mehr Interesse und mehr Engagement. Was ich auch sehr wichtig finde, ist, dass man weiß, dass jeder Mensch begrenzte Fähigkeiten hat und dass nicht alles nach der Nase einer bestimmten Person tanzen muss. Menschen sind irrende Wesen, und zu viele Menschen auf dieser Welt sehen sich als das Wichtigste und denken, dass niemand sei besser als sie, so wie Trump in Amerika und Erdogan in der Türkei. Dabei ist es sehr wichtig, zu wissen und zu erkennen, dass jeder Mensch seine Fehler, Schwächen und Stärken hat. Keiner hat das Recht dazu, seinen Willen anderen aufzuzwängen. Man braucht mehr Demut, Demokratie mit Toleranz, Wort mit Widerwort und Wiederwort, das bedeutet: Dinge klären und Konflikte als normal zu betrachten. Streit muss sein, auch im Bundestag. Streit in der Demokratie hilft weiter, da nicht alle von vorneherein derselben Meinung sind. Man muss sich gegenseitig respektieren können, denn wenn alle das Gleiche denken, dann denkt keiner mehr.

Sind Sie selbst vor Ort, wenn Sie etwas verändern wollen?
Das hängt ganz davon ab, ob sitzungsfreie Zeit ist oder eben nicht. Wenn ich sitzungsfreie Zeit habe, gucke ich mir sehr viel an, da ich auch sehr viel von der Wirklichkeit aufschnappen und mitnehmen möchte. Deshalb bin ich auch sehr oft auf Diskussionsveranstaltungen anwesend.

Was persönlich erwarten Sie von den Bürgern, wenn Sie für diese ein Anliegen besprechen? Erhalten Sie auch oft negative Kritik von Bürgern?
Ich würde mir sehr wünschen, dass man sich vorher mehr Gedanken macht, auch wer für was zuständig ist. Die Leute haben leider das Gefühl, man müsste einfach nur „schnipp“ machen und schon ist alles erledigt.

Du interessierst dich auch für Politik und würdest dich gerne politisch engagieren? Dann informiere dich und schaue, welche Partei am besten zu dir passt. Viele Parteien, bieten kleinere Gruppen für Schüler und Jugendliche an, wo du dich mit sehr viel Engagement einbringen kannst.

 



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