Der Zoch nach dem Zoch

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3. März 2014, 230 000 Menschen drängeln sich beim Rosenmontagszug, der dieses Jahr bei Traumwetter durch die Straßen der Aachener Innenstadt zieht. Alle feiern, singen, trinken, tanzen – und hinterlassen über 25 Tonnen Müll und damit sogar noch 10 Tonnen mehr als im Vorjahr! 25 Tonnen, das ist in etwa das Gesamtgewicht von 20 VW Golf.
Hinter dem Zug wartet dann auch schon der Zoch nach dem Zoch – der Aachener Stadtbetrieb, um die Hinterlassenschaften wieder zu beseitigen. KingKalli war drei Stunden dabei – und durfte auch auf einem Müllwagen mitfahren ;-)

Über 25 Tonnen Müll in zwei Tagen

Um 11:11 Uhr startet der große Zug mit 167 Gruppen, mehr als 3 500 Teilnehmern und einer Länge von 6 Kilometern am Aachener Adalbertsteinweg und führt über Wilhelmstraße, Theaterstraße, Theaterplatz, Kaiser-Friedrich-Platz (Elisenbrunnen), Peterstraße, Komphausbadstraße, Seilgraben, Minoritenstraße, Großkölnstraße, Markt, Jakobstraße und Karlsgraben bis zum Templergraben. Vorbei geht es an rund 230 000 Zuschauern, die am Wegesrand ausgelassen feiern, jubeln, singen, trinken, Kamelle sammeln – und Unmengen von Müll hinterlassen.

Derweil sammelt sich hinter dem Zoch der Zoch nach dem Zoch. Ab 13:30 Uhr bezieht der Aachener Stadtbetrieb seine Position an der Josefskirche und der Viktoriaallee, um nach den letzten Wagen und Fußtruppen sofort zu starten und die Stadt Aachen wieder in einen annehmlichen Zustand zu bringen.

96 Mitarbeiter des Stadtbetriebs mit 5 Großkehrmaschinen, 6 Pritschenfahrzeugen, 7 Kleinkehrmaschinen, 3 Großpressen, 1 Mega-Worker, 2 Twizys und jeder Menge Besen, Rechen und Müllsäcken rücken aus, um das aufzusammeln, was am Wegesrand liegen geblieben ist. Und das ist eine ganze Menge: Über 25,5 Tonnen (10 Tonnen mehr als 2013!) Müll werden am Karnevalssonntag und Karnevalsmontag in Aachen erzeugt und wandern in die Abfallentsorgung.

Frank Zodet ist einer der städtischen Mitarbeiter, die für saubere Straßen sorgen. Im Alltag gehört er zur „schnellen Eingreiftruppe“ in Aachen. Er und seine Kollegen Robert Säuberlich und Sylwia Neugebauer kümmern sich um all die Ecken in Aachen, wo immer wieder Müll abgeladen wird oder wo schnelles Aufräumen außerhalb der Reihe gefordert ist.
Am Karnevalswochenende sind sie mit allen Kollegen gemeinsam im Einsatz.
Sylwia Neugebauer ist eine der beiden Frauen in der Straßenreinigung. In dem kleinen Elektroauto Twizy, das zur schnellen Eingreiftruppe gehört, darf sie heute die Stadtbetriebskolonne anführen und aus dem Fenster kleine Give-aways verteilen.

Frank Zodet und Robert Säuberlich haben den Mega-Worker, einen kleinen Elektro-Kastenwagen, dabei. Sie sind heute dafür zuständig, die Kartons am Wegesrand einzusammeln.
Seit inzwischen 15 Jahren macht Frank Zodet den Job, und genauso oft ist er schon beim Zoch nach dem Zoch dabei. Dabei hat er eigentlich KFZ-Mechaniker gelernt, hat die Abendschule besucht und ging danach zur Fachoberschule für Gestaltung. Doch er wurde jung Vater und alles kam ganz anders. Er wollte die junge Familie selbst ernähren und landete beim Stadtbetrieb. „Nicht der schlechteste Job“, wie er bemerkt. Die Mitarbeiter sind bei der Stadt Aachen angestellt und werden angemessen bezahlt.

Auch Kollege Robert Säuberlich kommt eigentlich aus einem anderen Job. Der gepflegte Mitte-20-Jährige hat Einzelhandelskaufmann gelernt und in einem großen Aachener Kaufhaus gearbeitet. Leider hat es ihm nicht viel Freude bereitet. Bei der Stadtreinigung habe er mehr Möglichkeiten, Verantwortung und auch Spaß, erzählt er.

Heute scheinen auch alle bei bester Laune zu sein, auch wenn sie nicht selber feiern, sondern das wegräumen, was die Spaßgesellschaft vor ihnen hinterlassen hat.
Manche Mitarbeiter nutzen die Wartezeit, bevor es losgeht, um für ihre Kinder noch Süßigkeiten zu schnappen, andere lassen Frau und Nachwuchs heute mal im Müllwagen mitfahren.
Manche Mitarbeiter haben sich etwas verkleidet. Orange Obelix-Zöpfe passend zum orangen Outfit, eine Schweinemütze, eine Krone und ein Zauberhut zeugen von Humor und sorgen für belustigte Blicke und teils auch Beifall und gezückte Handykameras am Wegesrand.
Heinz Kuckling, der Mann mit der Schweinemütze, ist für die Mülleimer am Wegesrand zuständig. Jeder einzelne muss aufgeschlossen und ausgeleert werden, schnell füllt sich Müllsack um Müllsack, der dann am Straßenrand deponiert und von den Kollegen verladen wird.
Heute ist schönes Wetter, leichter Wind. Topbedingungen für den Zug, denke ich so. Aber nein, leichter Regen ist für die Stadtreinigung besser, wie ich sofort lernen muss. Denn durch die trockene Luft und den Wind wird vor allem das leichte Material, wie Unmengen an Folien oder Plastiktüten, unkontrollierbar herumgewirbelt, und es ist so gut wie unmöglich, alles zusammenzukehren und so lange beisammenzuhalten, bis es eingesammelt werden kann.

Kamelle bleiben einfach liegen

Mindestens 4,5 bis 5 Stunden werde das Großreinemachen heute dauern, beim Kinderzug sei man mit 3 bis 4 Stunden dabei, erzählt Frank Zodet, während er seinen kleinen Kastenwagen immer weiter mit großen Kartons befüllt, die aus den Karnevalswagen auf die Straße geworfen werden und in denen vorher das Wurfmaterial gelagert war: Tüten mit Waffeln, Popcorn, Schokolade, Printen, Dominosteinen und – Rasierschaum.
„Kamelle bleiben einfach liegen – dafür bückt sich keiner mehr“, sagt Marcel Kaldenbach.
Zu ihm bin ich in den Pritschenwagen gestiegen, nachdem es mir nach zwei Stunden Zugbegleitung kalt geworden ist.
Auch er hatte zunächst andere Pläne für sein Leben, erzählt er. Nach einer Ausbildung zum Altenpfleger musste er bereits mit 21 Jahren den Job quittieren, da er nach einer Rücken-OP nicht mehr für diese Art der Arbeit einsetzbar war. Zufällig kam er über eine Zeitarbeitsfirma zum Stadtbetrieb – und blieb. Inzwischen habe er seinen LKW-Führerschein gemacht und sei stellvertretender Teamleiter, berichtet er zufrieden.
Die Fahrer der Stadtreinigungsfahrzeuge müssen heute sehr aufmerksam sein, denn lange nicht jeder Besucher des Rosenmontagsumzuges zeigt Verständnis für die Reinigungstruppe. Eltern lassen ihre Kinder sorglos vor den Fahrzeugen toben. Einige angeheiterte Gruppen weigern sich schlichtweg, ihr gemütliches Plätzchen mitten auf der Fahrbahn zu verlassen. Da ist eine Menge Geduld gefragt.

Gut organisierter Einsatz

Der Straßenreinigungszug ist von Dieter Bohn, Logistikleiter der Stadtreinigung Aachen, bestens organisiert. Jedes Fahrzeug hat seine Position, jeder Mitarbeiter seine spezielle Aufgabe. Manchmal muss kurzfristig umdisponiert werden. Deshalb ist Dieter Bohn auch die ganze Zeit zwischen den Mitarbeitern und Fahrzeugen unterwegs, um nach dem Rechten zu sehen – und weist zwischendurch noch ein Fahrzeug mit ein paar jungen Leuten an, die sich mit ihrem Kleinwagen plötzlich auf die – eigentliche gesperrte – Theaterstraße verirren.

Je weiter wir in die Innenstadt kommen, umso wüster wird der Zustand der Straßen. In der Theaterstraße watet man stellenweise komplett durch Weggeworfenes und Liegengebliebenes. Und überall leere Flaschen – darunter zig Pfandflaschen. Kein Zochbesucher hat sich die Mühe gemacht, diese wieder mitzunehmen oder einzusammeln oder zu trennen. In den vier Stunden, die ich die Stadtreinigung begleite, sehe ich lediglich eine einzige Frau, die ein paar Pfandflaschen mitnimmt. Das Team der Stadtreinigung darf dies nicht, denn dadurch könnten sich Mitarbeiter einen „geldwerten Vorteil“ verschaffen. Und das ist verboten. Zudem fehlt für solche Maßnahmen die Zeit. Also landen die vielen Pfandflaschen einfach im Müllwagen.
„Die Menschen können sich das offensichtlich leisten“, resümiert Dieter Bohn.

Am Elisenbrunnen verlasse ich um 16:15 Uhr die Gruppe, die noch bis 19 Uhr weiterziehen wird, und gehe zurück durch die Theaterstraße. Diese sieht schon wieder fast tipptopp aus, auch wenn mir ein paar Mitarbeiter versichert haben, dass es rund eine Woche dauern wird, die Spuren des Karnevals zu beseitigen.

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