Tabuthema auf Facebook

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Im Juli verliert ein amerikanisches Paar sein Baby kurz vor dem errechneten Geburtstermin. Sie lassen sich von einer Fotografin in den Kreißsaal begleiten. Als Erinnerung an die kleine Monroe werden die Fotos bei Facebook für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht und lösen weltweit eine riesige Welle von Beileidsbekundungen und Kommentaren von Betroffenen aus.

Eines Morgens nach dem Frühstück spürt Emily Staley keine Kindsbewegungen mehr. Verunsichert fährt sie ins Krankenhaus, um dort das Unfassbare zu erfahren: Die kleine Monroe, am Vorabend noch putzmunter, ist durch die Nabelschnur stranguliert worden. Emily Staley wird umgehend vor die Wahl gestellt: Sie kann zwischen einer vaginalen Geburt oder einem Kaiserschnitt wählen, um ihre tote Tochter zur Welt zu bringen. Sie wählt den Kaiserschnitt am nächsten Morgen, da sie ihren Mann dabei haben möchte, der zu dieser Zeit noch bei der Arbeit in einer entfernten Stadt ist.
Das Paar entscheidet sich für einen ungewöhnlichen Schritt: sie bitten die Fotografin Lindsay Natzic-Villatoro sie in den Kreißsaal zu begleiten und Erinnerungsfotos für die Familie zu schießen. Neun Stunden lang begleitet die Fotografin die Familie bei der Geburt und der anschließenden Trauerarbeit. Es entsteht eine anrührende, intensive Serie, die eine junge Familie zeigt, die voller Liebe, Trauer und Stolz Abschied von ihrer kleinen Tochter nimmt.

Auf Wunsch von Emily und Richard Staley postet Lindsay Natzic-Villatoro die Bilder auf ihrer Facebook-Seite www.facebook.com/lovesongeventsandphotography. Sie sollen an Monroe erinnern, aber auch anderen Eltern Mut machen, die Ähnliches erlebt haben.
Über 500.000 Menschen unterstützen das Paar in den folgenden Tagen, über 100.000 Mal wird die Seite geteilt, derzeit haben über 80.000 Menschen Kommentare hinterlassen. Viele Mütter fühlen sich ermutigt, von eigenen Verlusterfahrungen zu berichten und eigenen Fotos ihrer verstorbenen Babys zu posten. Andere berichten von bis zu 40 Jahre zurückliegenden Totgeburten und bedauern es sehr, keine Erinnerungen wie Bilder oder Fußabdrücke aus dieser Zeit zu haben.
Der offene Umgang mit einem Tabuthema kommt natürlich nicht bei allen gut an. Fotografin Lindsay Natzic-Villatoro bittet jedoch um Respekt für die Familie und weist darauf hin, dass alle negativen Kommentare gelöscht werden.

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Drei Fragen an Gerda Palm und Petra Schmitz, die beide für den Verein „Verwaiste Eltern e. V. Aachen“ arbeiten.
Sie sind Ansprechpartnerinnen für Eltern ist, die ein Kind durch Fehlgeburt, Frühgeburt, Totgeburt, Säuglingstod oder
Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen verloren haben.

Ist es wichtig, bleibende Erinnerungen wie Fotos, oder Fußabdrücke an sein verstorbenes Baby zu haben?

Gerda Palm: Die Trauer um ein tot geborenes Kind wird dadurch erschwert, dass es ja keine tröstenden Erinnerungen gibt an ein gemeinsames Leben mit ihm. Es gibt nur diesen kurzen Moment nach der Geburt, um Erinnerungen überhaupt erst zu schaffen. Durch Hand-und Fußabdrücke, Haarsträhnen und insbesondere durch Fotos gewinnen die Eltern einen sichtbaren Beweis dafür, dass ihr Kind wirklich war, kein Phantom, sondern ein einzigartiger Mensch. Das ist auch für Geschwisterkinder, Großeltern und andere nahe Angehörige hilfreich, die das tote Baby oft nicht gesehen haben. Wenn man Eltern in dieser Situation unterstützen möchte, sollte man den Mut haben, nach dem Namen des Kindes zu fragen und ein Foto von ihm zu betrachten!
Petra Schmitz: Ja, denn die verstorbenen Kinder haben das Leben der Eltern verändert und oft nur wenig sichtbare Spuren hinterlassen. Es ist aus meiner Sicht sehr wichtig, (be-)greifbare Erinnerungen zu haben, um diese Kinder für einen selbst, aber auch für die Umwelt real werden zu lassen. Es ist ein kleiner Mensch, der eine Lücke hinterlassen hat und durch dessen Tod Träume und Hoffnungen in die Zukunft zerstört wurden.

Wie wird das Thema heutzutage in der Region gehandhabt? Wie war das früher?

Gerda Palm: Glücklicherweise hat sich in den letzten 20-30 Jahren der Umgang mit frühem Kindstod grundlegend zum Positiven hin verändert. Ich kann sagen, dass sich in unserer Region, in Kliniken, bei Hebammen und Ärzten die Überzeugung durchgesetzt hat, dass Eltern möglichst viel Bindung aufbauen sollten zu ihrem sterbenden oder toten Baby, dass sie es soweit es irgend möglich ist kennenlernen müssen, um Abschied nehmen zu können. Man ermöglicht den Eltern, viel Zeit mit dem toten Kind zu verbringen, ev. es auch mit nach Hause zu nehmen, Fotos zu machen, auch kleinste Fehlgeburten bestatten zu lassen. Das war früher – bis in die Neunziger Jahre – ganz anders. Man betrachtete diese Babys nicht als vollwertige Menschen, ließ sie schnell „verschwinden“ (wohin???), um den Eltern dadurch den Schmerz zu „ersparen“. In meine Beratung kommen immer wieder Frauen, die keinen heilsamen Trauerprozess durchleben konnten, weil sie nie konkrete Vorstellungen von ihrem Kind entwickelt hatten.
Petra Schmitz: Insgesamt hat sich die Situation für die betroffenen Eltern in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert. Vor 25 Jahren wurden die tot geborenen Babies noch mit dem Klinikmüll entsorgt, die Eltern haben ihr Kind nie zu Gesicht bekommen und konnten dadurch auch nicht Abschied nehmen. Die Eltern wurden mit ihrer Trauer alleine gelassen und konnten diese oft nie richtig verarbeiten. Mittlerweile hat sich das geändert, erfahrene Seelsorger drängen die Eltern meist sogar dazu, ihr Kind in den Arm zu nehmen, ihr Kind kennenzulernen und sich zu verabschieden. Heute können auch Kindern unter 500g bestattet werden und die Eltern haben einen Ort für ihre Trauer. Durch die Änderung des Personenstandsrechtes im Mai 2013 können Eltern auch ihr Kind, dass bei der Geburt unter 500 g wog, unabhängig von der Schwangerschaftswoche im Familienstammbuch eintragen lassen.

Was macht so ein Facebook-Eintrag mit Eltern? Ist es eine Befreiung mit Menschen zu kommunizieren, die Ähnliches erlebt haben?

Gerda Palm: Die Verzweiflung, den Schmerz und die tiefe Trauer um ein totes Baby können meiner Erfahrung nach nur Menschen wirklich nachempfinden, die Ähnliches durchgemacht haben. Seit 26 Jahren erlebe ich in unserer Trauergruppe die große Erleichterung von Müttern und Vätern darüber, dass sie nun nicht mehr allein sind mit diesen belastenden Erfahrungen, dass sie verstanden werden mit all ihren Gedanken und Gefühlen – denen Außenstehende oft hilflos und sprachlos begegnen. Dass sie in diesem Raum immer wieder ihre Geschichte erzählen können und dadurch allmählich heilen. Die große Resonnanz auf diesen Facebook-Eintrag zeigt, dass es viele Eltern gibt, die zum einen eine große Sehnsucht haben nach tröstender Gemeinschaft und eine Art Geborgenheit darin erleben. Zum anderen wird das Bedürfnis deutlich, das kurze Leben dieser Kinder sichtbar und öffentlich zu machen, damit sie – zumindest in der Erinnerung – lebendig bleiben. Denn: Eltern wollen ihre toten Kinder nicht vergessen, sondern ihnen einen Platz in ihrem Leben, ihren Familien und in der Gesellschaft einräumen.
Alles, was hilft, die Trauer zu verarbeiten ist gut!
Petra Schmitz: Es hilft vielen, nicht mit Ihrem Schmerz und Kummer alleine zu sein – heutzutage natürlich auch virtuell. Es gibt viele Internet-Foren und Facebookseiten, die Betroffene zusammenbringen. Im ersten Moment nach dem Verlust fühlt man sich oft sehr alleine und unverstanden. Im Gespräch mit denjenigen, die ähnliches erlebt haben, kann Trost und Unterstützung gefunden werden, da die Gefühle verstanden werden und man sich ihrer nicht schämen muss bzw. auf Unverständnis stösst. Ein Mitglied unserer Vereins, das eine Familie unterstützt, die gerade ihr Baby verloren hatte, hat einmal gesagt: „Als ich gesehen habe, wie ich dieser Familie geholfen habe, habe ich zum ersten Mal das Gefühl gehabt, dass der Tod meines Kindes doch zu irgendetwas gut war“.

Wer in der KingKalli-Region ähnliches erlebt hat, findet hier Ansprechpartner und Trauergruppen:

Verwaiste Eltern e. V. Aachen
Nonnenhofstraße 90
52074 Aachen
verwaiste-eltern-aachen@web.de

Gerda Palm
0241 76688
www.verwaiste-eltern-aachen.de
www.palm-beratung.de
Gerda Palm ist Ansprechpartnerin für Eltern ist, die ein Kind durch Fehlgeburt, Frühgeburt, Totgeburt, Säuglingstod oder Schwangerschaftsabbruch aus medizinischen Gründen verloren haben.

Überregionale Adresse für Betroffene:
www.schmetterlingskinder.de



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