Zwischen Takt und Tabu: Anke Kuhl

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In jeder Ausgabe stellen wir Bücher für Familien vor. Das KingKalli-Leseprogramm ist bunt gemischt: Wir rezensieren Bilderbücher, Sachbücher, Kinder- und Jugendbücher von diversen Verfassern, unterschiedlichen Illustratoren und verschiedenen Verlagen, je nachdem, was uns gefällt. Künftig möchten wir hin und wieder einen genaueren Blick auf das Werk einer speziellen Künstlerin, eines herausragenden Verlags oder eines besonders guten Autors werfen. Den Anfang machen wir mit der Illustratorin Anke Kuhl.

Bei so mancher Zeichnung von Anke Kuhl stutzt man als Leser; hin und wieder muss man auch schlucken. Wenn z. B. der kleine Fritz vom Blitz getroffen wird, das Schwein namens Emma nach einem Kehlschnitt ausblutet, ein bösartiger Vater weit ausholt, um sein weinendes Kind zu schlagen, oder eine ältere Dame ihren Gatten beweint, der beim Sex gestorben ist. „Kann man Kindern so etwas zumuten?“, fragen Eltern, die befürchten, ihre Sprösslinge könnten durch die Lektüre von „Alle Kinder: Ein ABCs der Schadenfreude“ zu rüpelhaftem Verhalten animiert oder – manche Szenen sind schon recht makaber – verschüchtert werden. Ähnliche Zweifel beschleichen Erwachsene, denen beim Anblick der illustrierten Antwort auf so manche Kinderfrage in „Klär mich auf“ die Schamesröte ins Gesicht steigt. Die wichtigere Frage ist allerdings, ob wir als Vorleser und Lesebegleiter uns selbst zumuten wollen, den Kindern Rede und Antwort zu stehen; denn was die Frankfurter Illustratorin zeichnet, ist oft näher an der Realität, als uns lieb ist. Das ist, wohlgemerkt, nichts für Kinder jeden Alters und auch nichts für Eltern jeden Gemüts. In den Büchern, die Anke Kuhl illustriert, sind Familien nicht immer nett zueinander, ein Kind, das vom LKW überfahren wird, steht nicht auf wundersame Weise wieder auf, Wurst materialisiert sich nicht in ihrer Verpackung und Eltern machen im Schlafzimmer nicht nur Geräusche, wenn sie Alpträume haben. Anke Kuhls Darstellungen sind so unverblümt wie möglich und zugleich so taktvoll wie nötig: Die Fortsetzung so mancher Szenen bleibt der Fantasie der Kinder bzw. dem Erklärungsgeschick der Vor- und Mitleser überlassen, und die (meisten) Grausamkeiten und Peinlichkeiten sind so stark humoristisch überzeichnet, dass sie erträglich werden. Viele der kuhlschen Zeichnungen eröffnen Kindern die Möglichkeit, sich mit Themen zu beschäftigen, die zwar tabu, aber dennoch Bestandteil ihrer Wirklichkeit sind. Die meisten kleinen Betrachter werden dies unbefangen, mit großem Spaß und Gewinn tun, sofern ihre Eltern sich beizeiten gute Antworten überlegt haben.

Anke Kuhl hat sich ganz offensichtlich bei Lektoren und Autoren einen Ruf als Frau fürs Direkte, Ungeschönte, Schwarzhumorige erarbeitet – und zugleich auch einen Ruf als Meisterin der Zwischen- und Untertöne. Denn obwohl ihre Figuren mit einfachem Strich gezeichnet sind – Körper und Gesichter sind zumeist aus schlichten geometrischen Formen zusammengesetzt, die Pupillen sind punktförmig und wirken oft starr –, sind sie höchst ausdrucksstark. Selbst komplexe Gefühle wie Zuneigung, Scham, Trauer oder Unsicherheit teilen sich dem Betrachter ganz unmittelbar mit. Und auch dem zweiten Blick halten die Zeichnungen stand: Die vergleichsweise sparsam verwendeten Details erschließen vielfach zusätzliche Ebenen, so dass man die Bücher immer wieder anschauen mag. Es ist kein Zufall, dass Anke Kuhls Zeichnungen sich oft in Büchern finden, deren Autoren „heiße“ Themen anpacken – auch wenn es, wie beim Familienbuch, auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht.
Ob die Bücher als Ganzes funktionieren, hängt oft mehr an den Texten als an den Bildern. So sind Anke Kuhls Illustrationen im Aufklärungsbuch „Klär mich auf“ manchmal präzisere und aussagekräftigere Antworten auf die im Buch versammelten Kinderfragen zur Sexualität als die Erklärungen von Verfasserin Katharina von der Gathen; und selbst die Bücher, die Illustratorin Anke Kuhl mit Autorin Anke Kuhl gestaltet, leiden punktuell an Formulierungsschwäche. Kuhls selbst verfasster Schmunzelwestern „Cowboy will nicht reiten“ erreicht nicht die Tiefe, die ein Buch über die Auseinandersetzung mit einer Angst haben könnte (dies sei bemerkt, obwohl auch dieses Buch bei den meisten Rezensenten auf Begeisterung stößt und kürzlich neu aufgelegt wurde); und der ein oder andere der Reime, die den heldenhaften Papa in „Höchste Zeit, Herold!“ durch die absurdesten – und wunderbar gezeichneten! – Abenteuer begleiten, wäre besser einem Fressfeind zum Opfer gefallen. Kuhls Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann Martin Schmitz-Kuhl, Wilfried von Bredow oder Ateliergemeinschaftskollegin Alexandra
Maxeiner hingegen führt zu großartigen Wort-Bild-Kombinationen, die in ihrer Drastik an die Darstellungen bei Max und Moritz oder den Struwwelpeter erinnern; ebenso gelungen ist Anke Kuhls Neuillustration einiger Werke des großen James Krüss. Es steht zu hoffen, dass noch viele kluge Lektoren und Autoren Anke Kuhl mit Texten konfrontieren, die ihre Lust an der illustratorischen Gratwanderung zwischen Takt und Tabu reizen. Denn von harmlosen Büchern haben Kinder nichts.

Ein Auswahl der Titel:

Alle Kinder
Ein ABC der Schadenfreude.
Martin Schmitz-Kuhl und Anke Kuhl 6. Aufl. Leipzig, Klett 2014
12,95 Euro

Alles Familie!
Vom Kind der neuen Freundin vom Bruder von Papas früherer Frau und anderen Verwandten. Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl
4. Aufl. Leipzig, Klett 2013;
13,95 Euro

Alles lecker!
Von Lieblingsspeisen, Ekelessen, Kuchendüften, Erbsenpupsen, Pausenbroten und anderen Köstlichkeiten. Alexandra Maxeiner und Anke Kuhl
2. Aufl. Leipzig,
Klett 2013 Euro

Klär mich auf
Katharina von der Gathen und Anke Kuhl: 101 echte Kinderfragen rund um ein aufregendes Thema.
2. Aufl. Leipzig, Klett 2014
14,95 Euro

Höchste Zeit, Herold!
Anke Kuhl: Leipzig, Klett 2014
13,95 Euro

Es war einmal ein Kind.
James Krüss und Anke Kuhl
Köln, Boje 2011
12,99 Euro

Cowboy will nicht
reiten
Anke Kuhl | Neuausgabe Leipzig Klett 2014
13,95 Euro

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