Wo ist Hasi?!

in Familienleben, Lost and Found

Diesen Tag werde ich nicht vergessen. Ich saß in der Redaktionssitzung eines Aachener Stadtmagazins, als ich ans Telefon der Redaktion gerufen wurde.
Am Apparat mein Mann. Das konnte nun wirklich nichts Gutes bedeuten, schwante mir und schon liefen Horrorszenarien vor meinem inneren Auge ab.
Und ja, es WAR schlimm: „Du musst sofort kommen. Hasi ist weg.“
„ … “
„ Wir haben Hasi verloren!“
Okay, eine Katastrophe, aber jetzt Ruhe bewahren. Sollte ich fluchtartig die Sitzung verlassen und mich auf die Suche des wichtigsten Begleiters unseres knapp 2-jährigen Sohnes begeben? Unmöglich. Ich ahnte instinktiv, dass dieser Verlust der Redaktion nicht annähernd so viel bedeuten konnte wie mir.
Vielleicht reagierte ich sogar leicht gereizt:
„Wo wart ihr? Fahrt zurück. Sucht ihn. Hasi kann doch unmöglich vom Erdboden verschwunden sein. Er MUSS doch da sein. Irgendwer hat ihn gefunden, abgegeben, irgendwo hingesetzt. Ihr werdet ihn finden.“
In mir zogen dunkle Wolken aus Vorwürfen auf. Das MUSSTE ja passieren. Wie konnte man sich nur mit Hasi und Kind auf dem Fahrrad auf eine Tour durch die halbe Stadt und die halbe Geschäftswelt begeben?
Andererseits: Wie hätte man sich OHNE Hasi auf so eine Tour begeben können???
Ein Ding der Unmöglichkeit.
Hasi war einfach ALLES. Der ständige Begleiter. Der bessere Tröster. Das unverzichtbare Utensil für einen guten Schlaf. Hasi wurde vorgeschickt, um Gefahren zu testen und zu bestehen. Hasi konnte heiße Heizungen berühren und lässig die Schuld für kleine Vergehen auf sich nehmen. Hasi lernte die Tiere im Tierpark kennen und schaute Bilderbücher an.
Ja, wenn Hasi mal nicht da war, ging fast die Welt unter.
Einmal verletzte sich unser Sohn und musste im Krankenhaus behandelt werden. Auch diese Szene vor meinem inneren Auge. Rabenmutter, die ich war, hatte ich Hasi beim überstürzten Aufbruch ins Krankenhaus zu Hause liegen lassen. Zwei Stunden lang brüllte mein Sohn: „Hasi! Wo ist Hasi?“

Und an diesem besagten Tag? Geschah nichts.
Wir konnten Hasi nicht finden. Suchten und suchten, bis es dunkel wurde. Auch ich fuhr den beschriebenen Weg nach der Redaktionssitzung noch mehrfach ab, fragte in Läden …
Hasi war weg. Wie vom Erdboden verschluckt.
Hatte ihn jemand mitgenommen? In die Gosse gekickt? Wir sollten es nicht erfahren.
Und unser Sohn? Schwieg. Verstummte.
Vielleicht erstmals in seinem jungen Leben.
Erkannte den Ernst der Lage. Die Ausweglosigkeit. Und schwieg.
Schwieg und schlief die erste Nacht seit Hasis Einzug bei uns – ohne Hasi in seinem Bett.
Am nächsten Morgen kauften wir in der Stadt einen neuen Hasi. Den letzten! Ganz oben auf einem Regal haben wir ihn zum Glück gefunden.
Er WAR neu. Nicht so schön zerschnuffelt und mit halbabgerissenem Stummelschwänzchen.
Aber unser Sohn sprach wieder.
Er nahm Hasi – ja, auch dieses Tier sollte wieder auf diesen Namen hören –, nahm also Hasi und sagte: „Jetzt wohnt der Bruder von Hasi bei uns! Hasi hat uns seinen Bruder geschickt.“

Den richtigen Hasi sollten wir trotz intensiver Suche nie wiederfinden. Hasis Bruder aber hat uns nicht verlassen. Auch 13 Jahre nach seinem Einzug ist er uns treu geblieben.

(aus KingKalli 51, April/Mai 2012)

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