Wie viel Social Media verträgt das Familienleben?

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Kommunikationsexperte Prof. Dr. phil. Markus Kiefer gibt Tipps für den familiären Umgang mit den sozialen Medien.

Herr Prof. Dr. Kiefer, sind WhatsApp und Co. schädlich fürs Familienleben?
Prof. Dr. Markus Kiefer: Das sehe ich nicht so! Social Media sind in der heutigen Zeit nicht mehr wegzudenken, und das gilt auch für das Familienleben. Entscheidend ist natürlich, wie man Kinder mit diesen Medien vertraut macht und wie die einzelnen Familienmitglieder damit umgehen.

Eltern sollten also Regeln aufstellen?
Ich halte persönlich nicht so viel von abstrakten Regeln oder entsprechenden „Verträgen“ zwischen den Familienmitgliedern. Der richtige Umgang muss aus konkreten Situationen heraus entwickelt, vorgelebt und gelernt werden. Wenn beispielsweise beim gemeinsamen Mittagessen mit der Familie mein Handy klingelt, weil jemand anruft oder eine Nachricht eingeht, gehe ich auf keinen Fall ran. Damit signalisiere ich meiner Familie: „Ich bin jetzt bei euch, ihr seid gerade wichtig, der andere muss warten.“ Gleiches gilt etwa, wenn ich gerade mit meinem Sohn ein Gespräch führe und er mich darauf aufmerksam macht, dass mein Handy summt. Auch in diesem Fall beachte ich das Handy nicht und mache ihm klar: „Ich konzentriere mich gerade auf dich.“ Kinder lernen so, dass es Wertsetzungen und Prioritäten gibt.

Die Eltern haben also die entscheidende Vorbildfunktion?
Natürlich! Medienerziehung muss vorrangig zu Hause stattfinden. Dabei sollten Eltern den Kindern auch klarmachen, dass mit dem Gebrauch von Social Media auch immer eine Kommunikationsstrategie verfolgt werden muss. Warum nutzt du das Medium? Was und wen willst du erreichen? Wen erreichst du tatsächlich, also auch unwillentlich? Eltern sollten dabei das Kind ermutigen, nicht „zu öffentlich zu werden“. In zweiter Instanz sind dann die Lehrer gefragt.

WhatsApp und Co. versus persönliche Kommunikation. Ihre Meinung?
Kommunikation über soziale Medien kann ein persönliches Gespräch nicht ersetzen. Die Parameter sind ja auch gänzlich verschieden. Dennoch ist zu akzeptieren, dass sich Kommunikation verändert und sich neue Kommunikationswege erschließen beziehungsweise hinzutreten. Das sollte nicht pauschal verteufelt werden. Wenn ich im Wohnzimmer sitze und mit meinem Sohn, der in der ersten Etage in seinem Zimmer ist, über Facebook kommuniziere, erzählt er mir Sachen, die er mir von Angesicht zu Angesicht niemals offenbaren würde (lacht). Ein schneller Schlagabtausch über WhatsApp zwischen zwei oder mehr Personen kann unschlagbar spontan und witzig sein. Das Fehlen des persönlichen Kontakts hat also nicht nur Nachteile und macht die Kommunikation oft leichter.

Sie sind selbst Lehrender. Wie erleben Sie das Zusammentreffen von Unterricht und Smartphone-Nutzung?
Wer als Lehrender glaubt, in seinem Unterricht werde nicht gedaddelt oder über soziale Medien kommuniziert, ist naiv. Diese Erfahrung musste ich selbst machen, als ich während einer Veranstaltung mal hinter den Zuhörenden stand. Die Mehrzahl ist parallel mit dem Smartphone beschäftigt; es ist geradezu ein Sport geworden, den Vortrag des Dozenten sofort im Netz zu überprüfen, um dann gegebenenfalls mit anderen Daten und Fakten aufzutrumpfen. Dem muss sich die Lehrerschaft stellen. Ein großes Problem sehe ich allerdings darin, dass sich Kinder und Jugendliche beim Umgang mit dem Smartphone vollkommen überschätzen. Sie meinen beispielsweise, sie könnten unproblematisch dem Unterricht folgen und gleichzeitig im Internet surfen. Dem ist aber nicht so, die wenigsten beherrschen das Multitasking! Jahrelang werden mehrere Aktionen parallel ausgeführt, also unter ständiger Nutzung des Handys. Dass hierdurch die meisten Inhalte verloren gehen, wird nicht bemerkt.

Haben Sie zum Schluss einen guten Rat an die Eltern?
Medienkompetenz gemeinsam erlernen. Wenn Kinder anfangen, im Internet zu recherchieren, sollten sie dies nicht über Google und andere Suchmaschinen tun. Bei diesen kann man nicht kontrollieren, wo das Kind landet. Dass es schnell vom Thema abkommt, ist dabei das geringste Problem. Es gibt kindgerechte Suchplattformen wie „Blinde Kuh“ oder „Gute Frage nächste Frage“. Ich empfehle auch sehr, die von den Jugendämtern herausgegebenen Leitfäden zur Nutzung von sozialen Medien zu studieren. Hier findet man wirklich nützliche Hinweise zur Medienerziehung.

Das Gespräch führte Patricia Stelzer.

Prof. Dr. phil. Markus Kiefer lehrt Allgemeine Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule für Ökonomie und Management, FOM. Sein Schwerpunkt ist die Unternehmenskommunikation. Darüber hinaus berät er in Fragen der Kommunikationsstrategie und Social Media. Seine beiden Kinder sind neun beziehungsweise 13 Jahre alt.

 

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