Wie man aus einem Klumpen Knete einen Kosmos erschafft – am Set von „Early Man – Steinzeit bereit“

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Wollige Mammuts, tollpatschige Höhlenmenschen, Battles in der Bronzezeit: Das Steinzeit-Epos „Early Man“, das am 26. April in die Kinos kommt, verspricht Komik und Action für die ganze Familie. Vergangenes Jahr gewährten die Aardman Studios in Bristol Journalisten vorab einen exklusiven Blick hinter die Kulissen, um geballte preisgekrönte Kreativkompetenz vorzuführen. Ikonen der Trickfilmgeschichte wie „Wallace & Gromit“, „Chicken Run“ und „Shaun das Schaf“ wurden hier geknetet und geformt. Und nun „Early Man – Steinzeit bereit“, die erste Regiearbeit des vierfachen Oscar-Gewinners Nick Park seit „Wallace & Gromit“.

In seinem neuesten Geniestreich entwirft der Brite ein prähistorisches Universum voll urkomischer Höhlenmenschen: Es kreist um die Hauptfigur Dug, einen fröhlichen Steinzeitmenschen, der zusammen mit seinem Freund, dem treuherzigen Wildschwein Hognob, fest daran glaubt, dass nichts unmöglich ist. Dug hat große Pläne für die Zukunft seines Stammes, wird dabei aber immer wieder von Bobnar, dem besorgten Chef des Clans, ausgebremst. Dieser kleine Trupp von tollpatschig- trotteligen Höhlenmenschen, friedlich und harmonisch in einem idyllischen Tal lebend, prallt nun eines Tages auf technisch perfekt ausgestattete Bronzezeitmenschen, angeführt von dem größenwahnsinnigen und gierigen Lord Nooth. Die Lage scheint aussichtslos angesichts der Übermacht und der Überlegenheit der Bronzezeitmenschen – doch Dug stemmt sich zusammen mit seinem Kumpel Hognob mit allen Mitteln gegen den Untergang seines Clans. In einem Fußball-Match spielen sie um ihr Leben, zum Glück steht ihnen dabei die sportliche Goona aus der Bronzewelt zur Seite …

So viel zur Filmstory, die Merlin Crossingham, einer der Art-Direktoren, den Anwesenden nach der Vorführung des Trailers erläutert, um anschließend noch begeistert festzustellen: „Das ist der größte und ambitionierteste Film, den wir je gemacht haben!“ Beim Rundgang durch die Studios mit 160 emsig werkelnden Mitarbeitern offenbart sich dann auch schnell die ungeheure Komplexität des Filmvorhabens. Allein für die Entwicklung und den Aufbau der riesigen Bronzezeitwelt, die in ihrer düsteren, dunklen Aufmachung wie Mordor aus „Herr der Ringe“ wirkt und das Gegenbild zur Idylle der Höhlenmenschen darstellen soll, war ein Jahr Entwicklungszeit nötig.

Ein anderes Beispiel: Über 187 verschiedene Figuren inklusive individueller Kostüme mussten von 22 Puppenmachern in akribischer Handarbeit angefertigt werden, die Hauptcharaktere außerdem gleich in mehrfacher Ausführung: Allein von Dug, der Hauptfigur, mussten 18 identische Puppen geformt werden, alle 20 Zentimeter groß, mit austauschbaren Haaren, Lippen, Zähnen, Augenbrauen, um parallel verschiedene Szenen drehen zu können. Tag für Tag produzierten zwischen 30 und 35 sogenannte Shooting Units Aufnahmen in Slow-Motion-Technik, die am nächsten Morgen im Kinoraum vom Kreativteam um Nick Park gesichtet wurden.
Ganz klar erkennbar: Im Zentrum des ganzen Filmprojekts um „Early Man“ steht eindeutig Nick Park: Der 59-Jährige hat die Story gezeichnet und die Charaktere entwickelt, mit Unterstützung von Drehbuchautor Mark Burton („Shaun das Schaf – Der Film“). Neu war dieses Mal aber, dass Nick Park mit großer Leidenschaft und Komik sämtliche Rollen vorspielte, die dann als Live-Action-Videos die Arbeit der Animationsfilmer erleichterten. So wussten diese sehr genau, welche Mimik und Gestik die jeweilige Szene erforderte, und konnten daraufhin die Puppen entsprechend präparieren. Wie aufwendig das Ganze war, macht noch eine andere Tatsache deutlich: Um eine Filmsekunde zu erzeugen, benötigen sie in den Aardman Studios einen ganzen Tag. Der Grund dafür ist das menschliche Gehirn: Damit es eine Bewegung als fließend wahrnimmt, müssen mindestens 24 Bilder pro Sekunde produziert werden. Da ist präzise Millimeterarbeit gefragt, um die Figur Bild für Bild minimal zu verrücken und zu verändern – das alles kostet natürlich unglaublich viel Zeit.
Zum Abschluss des Set Visits stellt sich Nick Park, der Oscar-Gewinner mit der Aura eines großen, schüchternen Jungen, den Fragen der Journalisten.

Interview

Herr Park, wie lange vor den Dreharbeiten hatten Sie bereits die Idee zu „Early Man“?

Es ist schwierig, dies genau nachzuverfolgen, ich denke, vor mindestens fünf oder sogar zehn Jahren. Es ist eine Art von Instinkt, die einem sagt, dass diese Idee, die sich da im Hinterkopf bildet, das Potential zu mehr hat: Ich dachte darüber nach, wie ein Höhlenmensch wohl Fußball gefunden hätte. Als ich anderen davon erzählte, fanden diese die Idee lustig.

Haben Sie Bücher zum Thema gelesen, also über das Leben in der Stein- und Bronzezeit?

Ja, wir forschten ziemlich viel in dieser Hinsicht, auch über Dinosaurier. Ich mochte schon immer besonders die Vorzeit und fand auch den prähistorischen Abenteuerfilm „10.000 B.C.“ besonders beeindruckend.

Viele Szenen spielen in einem Fußballstadion: Sind Sie eigentlich ein großer Fußballfan?

Eigentlich nicht, aber da so viele Fußballfans an diesem Film mitarbeiten, hatten wir ziemlich viel Input. Ich schaue mir natürlich schon Spiele an, besonders Weltmeisterschaften, habe dabei aber mehr die Perspektive des außenstehenden Beobachters, was für „Early Man“ auch ganz gut war. Wenn ich mir Fußballspiele anschaue, kommt es mir oft so vor, als wären es gegnerische Stämme. Es wäre folglich gut, wenn die Menschen ihre Waffen niederlegen und stattdessen einfach nur Fußball spielen würden.

Dieser Film soll das bislang größte und ambitionierteste Projekt der Aardman Studios sein. Was war die größte Herausforderung?

Immer wenn man eine völlig neue Welt erschafft, ist dies eine große Herausforderung – besonders das Schreiben der Geschichte, die lustig, fesselnd und unterhaltsam sein soll.

Herr Park, Ihre Arbeit hat sich im Verlauf der vergangenen Jahrzehnte technisch sehr verändert. Wünschten Sie, dass manches wieder so wäre wie früher?

Manchmal wünsche ich, dass ich wieder mehr Hand anlegen dürfte – wie früher. Doch da die Produktionen immer größer geworden sind, musste ich lernen, zu delegieren und dies dem Team von Animationsfilmern zu überlassen. Ich habe aber eigentlich keinen Grund zur Klage. Ich bin ohnehin bei allem dabei: bei der Entwicklung der Geschichte und der Charaktere. Außerdem liebe ich auch die neue digitale Technik, aber ich bin auch ein Mensch, der nach wie vor die Knete liebt. Das Entscheidende sind die Geschichte und der Humor, nicht die Technik, sie ist nur ein Mittel. Zweifelsohne hilft aber die digitale Technik, manche Aufnahmen zu verkürzen.

Was steckt an tieferer Bedeutung in der Steinzeitgeschichte? Ist da eine Sehnsucht nach Harmonie und Rückkehr zur Natur erkennbar?

Gute Geschichten weisen immer über sich selbst hinaus. Aber ich wollte auch zeigen, dass die Höhlenmenschen in einer Art Blase leben, während der Rest der Welt sich weiterentwickelt. Das ist einfach der Lauf der Zeit: Die Welt entwickelt sich weiter, man muss sich vorwärtsbewegen.

Ist es eigentlich noch möglich, wenn die Filmaufnahmen bereits begonnen haben, Änderungen vorzunehmen?

Leider ja (lacht). Wir verändern selbst bis zum Schluss noch alles, wenn nötig, um es noch lustiger, noch sinnvoller zu machen. Das bedeutet, dass wir Szenen neu drehen und dann auch wieder neu einsprechen lassen müssen. Ja, dies ist manchmal sehr erschöpfend.

Fallen manchmal auch ganze Erzählstränge später im Film raus?

Ja. Meistens haben wir zu viele Ideen, z. B. wollten wir die Geschichte von Bobnar, dem Clan-Chef ausführlich erzählen, doch dann stellten wir schnell fest, dass wir uns besser auf Dug konzentrieren sollten. Es ist wichtig, nicht den Fokus zu verlieren und nicht zu viele Nebenhandlungen zu erzählen. Besser ist es, das Ganze einfach zu halten. Genau das ist aber auch das Schwierige: Es ist einfacher, komplizierter zu erzählen und es bedarf richtiger Disziplin, fokussiert und einfach zu bleiben.

Wie schwierig ist es, sowohl das jüngere als auch das ältere Publikum zu unterhalten?

Für mich fühlt sich das normal an – wir folgen unseren Instinkten, unserem Bauchgefühl. Ich betreibe keine Marktforschung, um herauszufinden, was der Markt verlangt. Ich folge beim Entwickeln und Schreiben eher dem, was mich und andere lachen lässt. Wir folgen unseren Gefühlen.

Welches ist Ihr Lieblingscharakter im Film?

Ich habe mehrere: Dug und Hognob, sein Haustier, die so wunderbar zusammenarbeiten. Ich liebe aber auch die selbstbewusste Goona oder Bobnar, den sanftmütigen Clan-Chef. Es hat einfach etwas Magisches, Figuren aus Knete zu erschaffen und sie zum Leben zu erwecken.

Interview: Gaby Friebel
Fotos: © Studiocanal & The British Film Institute

Early Man – Steinzeit bereit
Kinostart: 26.04.2018

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2 responses to “Wie man aus einem Klumpen Knete einen Kosmos erschafft – am Set von „Early Man – Steinzeit bereit“

  1. Mein Sohn schaut solche Kindersendungen sehr gern. Interessant mal etwas über den Hintergrund und die Arbeit dahinter zu erfahren…ganz liebe Grüße Tabea