Vom kindlichen Umgang mit Tod & Trauer

in Familienleben

Wie reagieren Kinder, die vom Tod eines Familienmitglieds betroffen sind? Wie können sie am besten unterstützt werden? Birgit Franchy sprach mit fünf Menschen, die es sich zum Beruf gemacht haben, anderen dabei zu helfen, dass Abschied „gelingen“ kann.

Marina* war in der zweiten Klasse, als ihr cooler, großer Bruder von einem Mofa angefahren wurde und starb. Marina war sehr traurig. Aber sie wollte auch seine Jacke haben und auch sein Zimmer. Sie war wütend auf ihre Eltern, weil die Jacke immer am Haken hängen sollte und das Zimmer so bleiben, wie es war.
„Typisch“ nennt Maria Pirch das hier beschriebene kindliche Verhalten. „Kinder dürfen von der Trauer auch mal freihaben. Oft sind sie einfach pragmatisch.“ Da fallen auch mal Sätze wie „Jetzt passen wir im Restaurant besser an einen Vierertisch“, was die Eltern dann wiederum schockt. Es ist wichtig, dass trauernde Kinder unbefangen alle Gefühle ausdrücken können, die mit der Trauer verbunden sind, zum Beispiel auch Wut, Niedergeschlagenheit, Schuldgefühle und Angst. Sie sollten dabei unterstützt werden, dies in angemessener Weise zu tun, und ihre Schuldgefühle sollten entkräftet werden.
Maria Pirch und Adelheid Schönhofer-Iyassu unterstützen nicht nur Kinder und Jugendliche in der Trauersituation, sondern helfen auch den Eltern, die Sicht der Kinder und deren Reaktionen zu verstehen. Diese haben in der Regel einen unverkrampften, unmittelbaren Weg zu trauern – und sind im nächsten Moment auch mal wieder fröhlich.
Pirch und Schönhofer-Iyassu leiten in Aachen das erste offene Trauerangebot für Kinder und Jugendliche „diesseits“.
Die Idee zum Angebot entstand vor einigen Jahren, als Notfallseelsorgerin Pirch zu einer Familie gerufen wurde, bei der ganz plötzlich und aus heiterem Himmel der jugendliche Sohn zu Hause verstorben war. Maria Pirch kümmerte sich im Wohnzimmer um die Eltern, die im Schockzustand waren, da entdeckte sie aus dem Augenwinkel das Mädchen, das nicht ins Zimmer kommen wollte. „Niemand hatte bemerkt, dass auch die Schwester zu Hause war, und niemand wusste etwas mit ihr anzufangen. Ich wusste nicht, soll ich bei den Eltern bleiben oder muss ich zu diesem Kind.“ In dem Moment wurde ihr schlagartig klar, dass es auch ein Angebot für die Kinder, die Geschwister geben musste – dass Notfallseelsorger auch gezielt auf solche Sitationen vorbereitet sein müssen.
Inzwischen gibt es diese Angebote in Aachen und die beiden Initiatorinnen merken, wie wichtig das ist. Neben den offenen Trauergruppen kommen auch sehr viele Einzelanfragen von Betroffenen. Notärzte rufen gezielt bei Maria Pirch an, wenn Kinder unter den Leidtragenden sind, aber auch von Kindergärten und Schulen kommen Anfragen, wie sie mit betroffenen Kindern und deren Bezugsgruppe umgehen sollen.
Maria Pirch, ihre Kollegin und weitere ehrenamtliche Helfer stehen in Notfällen auch bereit, um in den Unterricht zu gehen oder Lehrern hilfreiche Tipps zu geben, wenn es darum geht, den Mitschülern den Tod ihres Mitschülers oder ihres Lehrers zu übermitteln.
Derzeit entwickelt diesseits einen Trauerkoffer, der es Schulen ermöglicht, das Thema im Unterricht aufzuarbeiten.

„Morgen wird Dein Papa verbuddelt.“

Wenn Maria Pirch in eine Einrichtung gerufen wird, herrscht oft große Verunsicherung. Als in einem Kindergarten kurz hintereinander zwei Kinder vom Tod ihrer Eltern betroffen sind, drehen sich auch die Sandkastengespräche um dieses Thema. Sätze wie „Morgen wird dein Papa verbuddelt,“ sind für Kinder ganz natürlich, den Kindergärtnerinnen stockt allerdings der Atem und sie wünschen sich Anleitung, wie sie mit der Situation umgehen sollen.
Wenn die Damen von diesseits notfallmäßig in eine Familie mit betroffenen Kindern gerufen werden, geht es oft auch um die Frage, wie Kinder in die Situation mit einbezogen werden sollen. Wann sollen sie vom Tod erfahren? Müssen sie mitten in der Nacht geweckt werden oder sollten sie ausschlafen dürfen? Sollen sie den Toten sehen?
Pirch und Schönhofer-Iyassu beraten wertfrei, hören zu und versuchen, den richtigen Weg für die Betroffenen zu finden. Dieser kann individuell ganz verschieden sein.

Den Tod beim Namen nennen

Erfahrungsgemäß ist es gut, wenn sich Angehörige den Toten noch einmal ansehen, das hilft, die Situation zu verstehen, meinen die Bestatterinnen Regina Borgmann und Christa Dohmen-Lünemann vom Bestattungshaus InMemoriam. Der Tote kann leichter abgegeben und losgelassen werden, wenn man ihn gesehen hat, denn dann wird realisiert, dass da nur noch die körperliche Hülle ist.
Auch Kindern ist das durchaus zuzumuten, wissen Borgmann und Dohmen-Lünemann.
Manche Kindern fordern das auch geradezu ein, auch wenn die Erwachsenen Probleme damit haben.
Der Tod ist eine Erfahrung, die zum Leben gehört und die von der Familie durchlebt werden muss. Dabei ist es besonders wichtig, den Tod beim Namen zu nennen.
Eine unklare Sprache, die dazu gedacht ist, die Kinder zu schonen, wirkt sich eher kontraproduktiv aus. „Papa ist eingeschlafen,“ schürt bei Kindern die Angst, dass sie selber oder auch die Mutter einfach nicht mehr aufwachen. Schlafstörungen können die logische Folge sein. „Wir haben Opa verloren“ lässt das Kind denken, man könne ihn wiederfinden, wenn man nur lange genug sucht. Deshalb ist es wichtig, den Kindern unmissverständlich zu vermitteln, dass sie den Verstorbenen auf der Erde nicht wiedersehen werden.

„Abschied soll gelingen.“

Ist ein Toter bei InMemoriam – oder zu Hause – aufgebahrt, können die Kinder ganz selbstverständlich mit einbezogen werden. Es wird getrauert, aber auch gespielt oder gemalt – für alles ist genug Raum da.
Borgmann und Dohmen-Lünemann kommen beide aus sozialen Berufen. Regina Borgmann war 25 Jahre im Kindergarten tätig, Christa Dohmen-Lünemann als Sozialarbeiterin im Klinikum. Die beiden haben sich zusammengetan und 2007 das in Aachen einzige von Frauen geführte Bestattungsunternehmen gegründet. Ihr wichtigstes Anliegen: „Abschied soll gelingen“. Dabei legen sie großen Wert darauf, alle Familienmitglieder mit einzubeziehen.
Die Räume von InMemoriam sind hell und freundlich. Eine Aufbahrung ist möglich, es gibt einen Ruheraum für Angehörige, die hier übernachten möchten, und einen kleinen Hof, wo man frische Luft schnappen kann.
InMemorian möchte, dass sich die betroffene  Familie – sofern es in dieser Situation möglich ist – wohlfühlt und dass er Abschied so gestaltet werden kann, wie es am besten passt.
Als ein junges Mädchen verstarb, wollte die Familie den Sarg bemalen. An mehreren aufeinanderfolgenden Tagen trafen sich Familienmitglieder und Freunde dafür bei InMemoriam. Es wurde gemalt, Essen bestellt, Kaffee getrunken. Außerdem konnten die Trauergäste Wünsche auf Zettel schreiben und der Verstorbenen mit ins Grab geben. Weil das Mädchen in den Sommerferien verstorben war, konnten sich nicht alle Schulkameraden von ihr verabschieden. InMemoriam organisierte im Anschluss an die Ferien gemeinsam mit den Eltern eine zweite Trauerfeier für die Schulklasse, mit Friedhofsbesuch und anschließendem Eisessengehen. „Es ist wichtig, die Kinder am Ende der Trauerzeremonie auch wieder zurück ins Leben zu führen“, so erklärt Borgmann den anschließenden Eisdielenbesuch.
So sollte Kindern, die oft auch im Anschluss an den Tod von Geschwistern oder Freunden noch das Thema Tod reflektieren, zwar vermittelt werden, dass bisweilen auch schon Kinder sterben, dass dies aber die Ausnahme ist und dass die weitaus meisten Kinder heranwachsen und alt werden.

Bei einem Todesfall in der Familie werden Eltern und Geschwister ermutigt, dem verstorbenen Familienmitglied etwas Persönliches mit ins Grab zu geben. Das können Bilder, Fotos oder Steinchen sein, oder auch schonmal ein Köfferchen mit wichtigen Dingen.
Zwei Mädchen haben die Urne für ihren Vater mit ihren Handabdrücken verziert und diese für sich selber auch noch auf ein Blatt Papier gestempelt. „Solche Übergangsobjekte können sehr wertvoll sein, sie helfen, den Trennungsschmerz zu mildern“, beschreibt Regina Borgmann.
Auch die Planung des Grabes und die Grabgestaltung sind wichtige Angelegenheiten im Trauerprozess, in den die Familie mit einbezogen wird.

Grabgestaltung: Gedenken an die Toten

Das Bestattungshaus InMemoriam berät auch, wenn es um die Grabwahl geht. Was steht für die Familie im Vordergrund? Soll es ein klassisches Reihengrab sein, soll der Sarg selbst gestaltet werden? Oder soll das verstorbene Familienmitglied eingeäschert werden? Wie wird die Urne gestaltet?
Auch über neue Alternativen wie Baumgräber ist das Bestattungshaus bestens informiert.

Vielen Familien ist es auch heute noch sehr wichtig, ein persönliches Grab mit einem persönlichen Gedenkstein zu gestalten. „Die Entscheidung für einen Stein sollte nicht übereilt getroffen werden“, so Steinmetz Johannes Twielemeier. „Mein Lehrmeister sagte mir, es sollen ruhig einmal die Jahreszeiten über ein Grab gegangen sein, ehe die Familie einen Stein platziert.“ Er nimmt sich viel Zeit für die Familien, die einen Stein für ihren verstorbenen Angehörigen aussuchen möchten. Welches Material passt, soll der Stein glatt oder rau sein, war der Betroffene groß oder klein? All das sind Punkte, die in die Gestaltung einfließen können.
Für die einfühlsame Gestaltung seiner Grabsteine wurde Twielemeier schon mit einigen Preisen ausgezeichnet. Für die Gestaltung des Steines des kleinen André erhielt er die Silbermedaille im Gestaltungswettbewerb Grabzeichen. Das Kindergrabmal hat die Form von 4 Bauklötzen, die ein viel zu kurzes Leben beschreiben. Jeder Stein steht für ein Lebensjahr, die eingemeißelten Symbole zeigen Andrés Leidenschaften. Um zu diesen Symbolen zu finden, besuchte Twielemeier auf Wunsch auch die Familie und das Kinderzimmer.

Spielen am Grab: Ist das „normal“?

Der Friedhofsbesuch ist für viele ein weiteres Ritual, um mit dem Tod von Angehörigen zurechtzukommen. Auch hier und in der Phase nach der Beerdigung tun sich für Angehörige oft Fragen zum kindlichen Verhalten auf, deshalb weisen die Damen von InMemoriam betroffene Familien auf die Beratungsmöglichkeiten von diesseits hin.
Die meisten Familien nehmen das Angebot dankbar an, sei es für einen kurzen oder auch für einen längeren Zeitraum.
Da kann es um ganz konkrete Fragen gehen: Welches Verhalten von Kindern ist „normal“? Was ist erlaubt und was nicht? Dürfen Kinder auf dem Friedhof spielen? Ist es „normal“, wenn sich das Kind vor das Grab seiner Eltern legen will oder neben dem Grab mit Blättern und Stöcken spielt?
„Am Grab zu spielen, es zu schmücken oder den Stein zu streicheln ist natürliches, unverkrampftes, kindliches Verhalten.“, beantwortet Maria Pirch die Frage. Werden die Spiele aber zu ausgelassen, sollte man den Kindern durchaus sagen, dass der Friedhof ein Ort der Ruhe ist.

Bei der Beratung von Eltern und Angehörigen reicht oft schon ein Telefonat, berichtet Maria Pirch.
Jugendliche nutzen weniger gerne das Telefon und tun sich auch mit Gruppentreffen schwerer. Sie nehmen lieber Einzeltermine wahr, – oder mailen. Maria Pirch und Adelheid Schönhofer-Iyassu lassen sich deshalb jetzt auch auf die neuen Medien ein. Geplant ist, dieses Angebot noch auszubauen.
Die meisten betroffenen Kinder kommen etwa drei Mal zum monatlichen Treffen der Trauergruppe. Die Treffen werden von den Kindern als sehr wertvoll erachtet und geben wichtige Impulse für das weitere Leben.
„Für unsere Treffen lassen die Kinder dann gerne auch den Ballettunterricht ausfallen“, berichtet Maria Pirch. Besonders erleichtert reagieren Kinder, wenn sie feststellen, dass ihr Gegenüber in diesem Kreis mal nicht geschockt oder betroffen reagiert.

„Und ich spiele Fußball.“

Auch untereinander prüfen sich die Kinder, erzählen sich auch von ihren Geschichten. Dabei ist der Tod von Mutter, Vater oder Geschwistern
aber nur eine Facette in ihrem jungen Leben. „Mein Vater ist so und so gestorben. Und ich spiele Fußball, und Du?“

Anlaufstellen

diesseits im „Kreuzpunkt“

Pontstraße 150, 52062 Aachen
Maria Pirch
0176 20614530
info@diesseits-aachen.de
www.diesseits-aachen.de

Offene Trauersprechstunde
(ohne Anmeldung) 
jeden 1. Mittwoch im Monat außer in den Schulferien
jeweils von 17:00-18:00 Uhr
im Pfarrhaus, Pontstraße 148

Kindertrauergruppe
(mit Anmeldung)
nächster Starttermin: Herbst 2013
Info und Anmeldung:
Adelheid Schönhofer-Iyassu, 0170 5637560

Trauergruppe für junge Erwachsene
(mit Anmeldung)
nächster Starttermin: Herbst 2013
Info und Anmeldung:
Maria Pirch, 0176 20614530

InMemoriam GmbH

Regina Borgmann
Christa Dohmen-Lünemann
Eifelstraße 1b, 52068 Aachen
0241 55917987
info@inmemoriam-web.de
www.inmemoriam-web.de
Infoabende wie „Mama, musst Du auch mal sterben?“ klären auf über den altersgemäßen Umgang mit dem Thema Sterben und Tod.

DRK Familienbildungswerk

Robensstraße 49, 52070 Aachen
0241 18025-55, www.drk.ac
Trauergruppe für Kinder
„Kinder trauern anders“
Infos: Hildegard Etzbach,
Tel. 0241 66138

Johannes Twielemeier – Steinmetz

Bismarckstraße 179 a, 52066 Aachen
0241 95451665
johannes.twielemeier@gmx.de
www.johannestwielemeier.de

Bildungswerk Aachen

Träger: Kommunikatives Handeln e. V.
Adalbertsteinweg 257, 52066 Aachen
0241 512722
www.bildungswerkaachen.de
Servicestelle Hospiz
Fortbildungen zur Trauerbegleitung

(Text & Bild: Birgit Franchy | KingKalli 50, 2012)

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