Unterwegs mit der bunten Grupppe

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Genau vor einem Jahr habe ich Kathy (21) kennengelernt. Die schwerstmehrfachbehinderte junge Frau lebt mit ihrer Mutter zusammen und besucht wochentags eine Werkstatt der Lebenshilfe. Kathys Mutter, Michaela Pohlmann, ist es wichtig, sich selbst und ihrer Tochter Freiräume zu schaffen, um aufzutanken und Erfahrungen getrennt voneinander zu machen.
Um das zu ermöglichen, wurde vom Aachener Vinzenz-Heim im Mai 2017 die Bunte Gruppe eingerichtet. Hier können Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis zu sechs Wochen pro Jahr in Kurzzeitpflege gehen, während die Eltern ausspannen. Bei meinem Besuch im März treffe ich also zufällig Kathy wieder, während ihre Mutter gerade im Ausland ist. Heute sind vier Jugendliche in der Gruppe, und ein Tagesausflug steht auf dem Programm.

Die Bunte Gruppe muss man sich räumlich als große Wohnung vorstellen. Sechs großzügige Schlafzimmer mit Pflegebetten können im Wechsel Besucher aufnehmen, es gibt ein barrierefreies Badezimmer mit Wanne, eine Küche und ein großes, helles Wohnzimmer mit Kuschelecke und großem Esstisch. Dort sitzen gerade Jana (14), Laura (17), Kathy (21) und ein weiteres junges Mädchen, das wir auf Wunsch der Eltern nicht zeigen werden, und die drei Betreuungspersonen Margret Dederichs, Andrea Bergmann und Christian Ihlow. Dass heute zufällig vier jugendliche Damen zu Besuch sind, sei reiner Zufall, erzählt das Betreuerteam. Das Angebot werde inzwischen von rund 40 Familien in Anspruch genommen. Der jüngste Gast war fünf Jahre alt, das Durchschnittsalter beträgt ca. 15 Jahre. Kathy war schon öfters hier, auch Laura ist schon seit letztem Jahr dabei. Die 17-jährige Rollifahrerin kommt sehr gerne in die Gruppe. Im letzten Jahr war sie während der Ferien drei Wochen hier und hat sogar eine neue Freundin gefunden. Diana lebt fest in der orangen Gruppe, einer der sechs Gruppen, in denen acht bis zehn Kinder oder Jugendliche dauerhaft leben. Die beiden besuchen sich inzwischen gegenseitig und pflegen ihre Freundschaft. In diesem Jahr ist Laura bereits das dritte Wochenende hier.

Freiräume für Eltern und Kinder

Wenn ein Schultag in den Besuchszeitraum fällt, fahren die Kinder und Jugendlichen auch von hier aus zur Schule oder Werkstatt. Laura freut sich, dass sie dann einen weitaus kürzeren Weg zur Viktor-Frankl-Schule hat, die genau nebenan liegt, und dass sie später aufstehen kann als bei der Anreise aus Eschweiler. Auch für ihre Familie sieht sie Vorteile: „Meine Mutter kann dann Sachen regeln – das geht besser ohne mich“, und auch ihre zehnjährige Schwester freue sich, mal alleine mit den Eltern zu sein und dann in Lauras Bett schlafen zu dürfen.

Jana kommt auch aus Eschweiler. Während die Jugendlichen sich für den Ausflug fertig machen und Betreuer Christian Ihlow den Tisch abdeckt, zeigt sie die Fotowand und erzählt von Ausflügen der Bunten Gruppe zum Beispiel in den Tierpark. Die Wochenenden werden inzwischen von den Betreuern als Projektwochenenden geplant. Es gibt Koch- und Backwochenenden, Kreativ- oder Wandertage oder ein Fußballwochenende. Manchmal gehe man auch einfach in den Wald oder Park oder fahre in die Stadt. Wichtig sei, nicht nur unter sich im Vinzenz-Heim zu bleiben, sondern immer auch rauszugehen und in der Gesellschaft mitzumischen.
Dabei kann auch durchaus auf Wünsche eingegangen werden. Ein Jugendlicher isst sehr gerne Sushi – da beschloss die Gruppe einen Ausflug ins Aquis Plaza mit Sushi-Essen.
Dies Wochenende steht das Wissenswochenende auf dem Plan. Für Samstag ist ein Besuch im Continium angesetzt, und am Sonntag soll es ins Energeticon nach Alsdorf gehen. Alle Jugendlichen wollen an beiden Tagen teilnehmen. Finanziert werden solche Ausflüge aus Spendengeldern. Während die Betreuung in der Kurzzeitpflegegruppe von der Pflegekasse und der Eingliederungshilfe des LVR Rheinland beglichen wird, werden alle Ausflüge durch Spenden abgedeckt.
Wie vor jedem Familienausflug werden alle dazu angehalten, noch einmal zur Toilette zu gehen, alle sind angezogen, das Picknick ist gepackt und es kann losgehen. Heilerziehungspfleger Christian Ihlow wird in Aachen bleiben, noch aufräumen und den Abendbrottisch decken, dann endet seine Schicht für heute. Stattdessen ist Vladimir Bekel eingetroffen. Seine Schicht beginnt und er wird die Gruppe begleiten. Drei Betreuer sind für sechs Kinder und Jugendliche immer dabei. Das ist auch nötig, zum Beispiel wenn bei Jugendlichen oder jungen Erwachsenen, die schwerstmehrfachbehindert sind wie Kathy, unterwegs einmal die Windel gewechselt werden muss. Dafür sind zwei Erwachsene nötig, der dritte bleibt beim Rest der Gruppe.

Die neun Personen der Bunten Gruppe passen genau in einen Bulli des Vinzenz-Heims. Heute wird Margret Dederichs ihn steuern – einen Extrapersonenbeförderungsschein braucht sie dafür nicht, dieser wird erst ab zehn Personen fällig.

Nachdem Sitze ein- und ausgebaut und die Rollis von Laura und Kathy gesichert sind, geht es los. Etwa 30 Minuten später sind wir auch schon auf dem Parkplatz des Continiums. Dort heißt es wieder ausladen und das Museum wird geentert. Margret Dederichs organisiert die Eintrittskarten – Begleiter haben freien Eintritt – und lässt sich genau erklären, wo wir welchen Aufzug nehmen können, und schon geht es los.
In der „Explore Zone“ der Dauerausstellung probieren die vier jungen Damen so wie die anderen Besucher alles aus, was es auszuprobieren gibt. Dabei ist es völlig egal, dass alle vier über unterschiedliche Möglichkeiten verfügen. Jana, die motorisch fitteste in der Gruppe, erzählt von ihrem Skiurlaub mit der LVR-David-Hirsch-Schule, einer Schule für schwerhörige und gehörlose Kinder und Jugendliche und stürzt sich in der Ausstellung begeistert auf alle Aufgaben, bei denen man mit eigener Kraft Dinge erreichen muss – sie sitzt auf einen Fahrrad und kleine Bälle fliegen in die Höhe oder dreht an Kurbeln und bringt Telefone zum Klingeln und Mixer zum Mixen. Laura hat größere Schwierigkeiten mit der Motorik, lässt sich aber nicht davon abhalten, alles Mögliche auszuprobieren, und sei es mit Hilfe der Betreuerinnen. Glücklicherweise ist die Ausstellung so aufgebaut, dass auch Rollifahrer so gut wie alles sehen und erreichen können. Kathy wirkt meist passiv und in sich gekehrt, ist jedoch gerne bei Ausflügen dabei und zeigt keinerlei Ängste. Bei allem, was mit Wasser und Geräuschen oder Musik zu tun hat, lebt sie auf, lacht und ihr Blick erfasst die Geräuschquelle. Am meisten Spaß hat sie heute, als sie mit Vladimir Bekels Hilfe ein Display bedient, das eine Schreibmaschine zeigt. Jede Taste erzeugt einen anderen Ton und Kathys Aufmerksamkeit ist auf den Bildschirm gerichtet.

So unterschiedlich die Beeinträchtigungen der jungen Besucher der Bunten Gruppe auch sind, es scheint kein Problem darzustellen. Da wird gewartet, wenn Kathi eine neue Windel bekommen muss oder Jana eifrig Fahrrad fährt, was die anderen nicht können. Zwischendurch werden Scherze gemacht oder man ermahnt sich auch schon mal gegenseitig – sei es verbal oder in Gebärdensprache. Die jungen Damen sind es gewohnt, mit den unterschiedlichsten Menschen zusammen zu sein, und zeigen keine Berührungsängste.
Zwei Stunden vergehen in der Dauerausstellung wie im Flug und machen hungrig. Margret Dederichs besorgt den Aufzugschlüssel und wir fahren in die untere Etage. Dort gibt es einen Extraraum, wo man sogar sein eigenes Picknick verzehren darf, wenn man nicht ins Bistro gehen möchte. Alle packen ihre Rucksäcke aus – es gibt belegte Brote und Brötchen, Obst und Rohkost.
Danach wird es in die anderen Abteilungen der Ausstellung gehen, bevor die Heimreise beginnt – im Vinzenz-Heim wartet dann das warme Abendessen. Und alle freuen sich schon auf den Ausflug am Sonntag, bevor es wieder nach Hause zu den Familien geht.

Laura ist in Gedanken schon einen Schritt weiter. Sie überlegt, ob es in den Osterferien möglich sein wird, eine ganze Woche in der Bunten Gruppe zu verbringen. Aufenthalte im Vinzenz-Heim stehen inzwischen fest auf ihrer Wunschliste.
Die Angebote des Vinzenz-Heims kommen so gut bei den Kindern und Jugendlichen an, dass sich im Laufe des Jahres schon drei Jugendliche entschieden haben, in eine feste Gruppe im Haus einzuziehen.

Bunte Gruppe des Vinzenz-Heims – Kurzzeitwohnen Kids und Teens

Für wen?
Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einem heilpädagogischen Förderbedarf in ihrer körperlichen und/oder geistigen Entwicklung sind eingeladen, freudvolle und spannende Tage oder Wochen in einer neuen Umgebung und einer neuen Gemeinschaft zu erleben und zu genießen.

Der Kurzzeitaufenthalt soll die Familie entlasten, um die Kraft zu finden, die Betreuung zu Hause langfristig zu erhalten.

Für Familien aus der Städteregion Aachen und den angrenzenden Kommunen Düren, Heinsberg und Euskirchen

Die Wohngruppe mit sechs Zimmern befindet sich mitten im Wohnbereich für Kinder und Jugendliche, umgeben von einem weitläufigen Spiel- und Bewegungsraum mit vielfältigen Freizeitmöglichkeiten.

Die Finanzierung des Kurzzeitwohnens erfolgt über Leistungen der Pflegekasse (SGB XI) und daran anschließend über Leistungen der Eingliederungshilfe (SGB XII). Familien werden bezüglich der Kosten und Anträge beraten.

Ansprechpartner
Annett Stachowski
Koordinatorin Bunte Gruppe
Vinzenz-Heim Aachen
Kalverbenden 91, 52066 Aachen
0241 6004-846
vinzenz-heim.de/familien-unterstuetzen/kurzzeitwohnen-kids-und-teens

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