U3-Betreuung: „Masse statt Klasse?“

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„Masse statt Klasse?“ war der provokante Titel der Podiumsdiskussion, zu dem der Jugendamtselternbeirat der Stadt Aachen am 10. Januar in die Käthe-Kollwitz-Schule eingeladen hatte. Thema des Abends war der Ausbau der U3-Betreuung in Aachen. Wolfgang Rombey hatte noch tags zuvor der Presse stolz verkündet, dass Aachen zum ersten August die staatliche Vorgabe von 32 % übertreffen werde und für knapp 37 % der unter Dreijährigen einen Platz anbieten kann.
Doch was bedeuten diese Zahlen? Werden genug Plätze zur Verfügung stehen und unter welchen Bedingungen werden die Kleinen betreut?

Monika Mangen, renomierte Sozialpädagogin aus Bochum war eingeladen, um auf die Thematik Kleinkinder in den Tageseinrichtungen einzugehen. Sie hielt ein leidenschaftliches Plädoyer für die U3-Betreuung und machte deutlich, dass diese Art der Betreuung nicht nur für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf wichtig ist, sondern überhaupt für die Entwicklung der Kinder. Kinder brauchen die Kita und mehr als eine Bezugsperson, die sich gerne mit ihnen beschäftigt. In einer Gesellschaft, wo die Großfamilie nicht mehr die Regel ist und Kinder nur in der Kleinfamilie zu Hause aufwachsen, brauchen sie den Kontakt zu anderen Kindern und auch zu einem „bedeutsamen Dritten“. Also einer Erzieherin, die das Bedürfnis nach Sicherheit, Verlässlichkeit, Vertrauen und Geborgenheit befriedigen kann und das Kind als Persönlichkeit achtet.
Wichtig sei eine einfühlsame, geduldige Eingewöhnungszeit, ansonsten würden Kinder nicht viel benötigen, um sich gut zu entwickeln.
Mangen prangerte die Tendenz an, Kinder mit „Förderung“ zu überschütten und auch den Erzieherinnen abzuverlangen, Förderprogramme durchzuziehen. Da sei nicht die „Sprecheinheit“ drei Mal die Woche wichtig, oder die „Bewegungseinheit“, sondern man solle in ganzen Sätzen mit Kindern sprechen und sie sich bewegen lassen – möglichst auch draußen – denn „dreckige Kinder sind gesunde Kinder“.
Kinder sind geborene Lerner, materielle Dinge sind nicht wichtig, die Kindergärten müssen die Grundbedürfnisse wie wickeln und essen erfüllen und den Kindern ansonsten die Möglichkeit geben, zu spielen und sich frei zu entfalten.
„Spielen“ sei das Schlüsselwort, so Mangen, denn das beinhaltet alles, was Kinder brauchen. „Fördern“ bitte nicht, denn Kinder machen das selbst.
Was Kinder brauchen sind laut Mangen andere Kinder. Von ihnen lernen sie durch nachahmendes Tun, sie lernen Regeln, lernen, sich abzugrenzen. Kinder wollen sich aber auch verständlich machen und entwickeln in altersgemischten Gruppen fürsorgliches Verhalten.
All dies ermögliche die Kita.
Um diese Grundbedingungen erfüllen zu können fordert Mangen unbefristete Verträge für Erzieherinnen und mehr Wertschätzung des Berufes. Erzieherinnen sollten mit Lehrern gleichgestellt sein und auch so viel verdienen.
Zudem solle sich die Einstellung der Gesellschaft ändern. Eine Mutter schiebt ihr Kind nicht in die Kita ab, sondern macht dies zu Gunsten des Kindes und auch der Familie. Kinder brauchen zufriedene Eltern und Eltern, die sich nicht schuldig fühlen, gibt Mangen zu bedenken.

In der anschließenden Podiumsdiskussion legten Bernd Krott (SPD), Hilde Scheidt (Grüne), Ruth Willms (CDU), Andreas Müller (Linke) und Birgit Haveneth (FDP) ihre Einschätzung der Situation in Aachen dar. Sie zeigen sich durchweg zufrieden mit dem „Ausbau mit Augenmaß“. Andreas Müller sieht aber das Problem, dass Erzieherinnen zu wenig verdienen und es schwierig ist, zusätzliche Kräfte zu finden. Bernd Krott bekräftigt, dass mehr Erzieherinnen eingestellt werden müssen, um Standards nicht anzukratzen.

Die anschließende offene Fragerunde zeigt, dass Erzieherinnen und Eltern die Situation anders einschätzen als Politiker.
So berichtet die Leiterin einer städtischen Kita, dass die Arbeitsbedingungen immer schwieriger werden. Man verlange den Erzieherinnen immer mehr Fortbildungen für diverse Förderprogramme ab, oder binde Arbeitskraft für Haushaltsarbeiten in der Küche. So verbleibt in der Gruppe oft eine Erzieherin für 20 Kinder, was absolut nicht ausreicht.
Ruth Willms (CDU) meldet sich daraufhin spontan zu Wort und sagt den Erzieherinnen zu, sich für eine Verschlankung des Programms einzusetzen.

Auch ein paar Eltern haben den Weg zur Veranstaltung gefunden und äußern ihren Unmut. Ein junges Paar möchte ihr Kind ab Herbst in die U3-Betreuung geben und hat bereits im Vorfeld von allen Kitas, wo sie ihr Kind anmelden wollten, eine Absage erhalten – weil sie verheiratet seien und die Plätze für Alleinerziehende freigehalten würden oder schon anderweitig vergeben seien.
Das ruft großes Erstaunen auf dem Podium hervor, geplant sei doch, sich übers Kita-Portal anzumelden. Die Kitas wären angehalten, die Plätze erst im März zu vergeben.
Eine Kita-Leiterin bestätigt jedoch, 7 ihrer 8 Plätze bereits vergeben zu haben – da scheinen Wunsch und Praxis weit auseinanderzuklaffen.

Eine andere Mutter berichtet, sie habe keinen Platz für ihr Kind in Aachen bekommen, weil sie an drei Tagen arbeite und ein flexible Betreuung bis 18 Uhr benötigt. Sie und ihr Mann haben deshalb eine private Einrichtung gewählt. Nun stellen sie sich die Frage, warum diese Plätze für die Eltern nicht bezuschusst werden, da Aachen inzwischen auch den Eltern, die eine private Tagesmutter in Anspruch nehmen, Zuschüsse gewehrt.
Sie gibt zu bedenken, dass sie gerne noch ein Kind hätten, sich das aber bei den Gebühren schlichtweg nicht leisten können. Ihr Platz in der privaten Einrichtung kostet rund 800 Euro für drei Tage.
Auch merkt sie an, dass in anderen Städten wie Düsseldorf oder Frankfurt auch diese privaten Einrichtungen bezuschusst werden – in Düsseldorf ist der Kindergartenbesuch übriges für alle kostenfrei (Anmerkung der Redaktion).
Hilde Scheidt erläutert, dass in Aachen Eltern mit einem Verdienst von unter 24.000 Euro/Jahr einen kostenlosen Platz bekommen, die Förderung von Plätzen in privaten Häusern sei nicht vorgesehen. „Sie wollten es doch selber so!“ gibt sie der jungen Mutter mit auf den Weg.

Der Abend zeigt, dass es wichtig ist, mit allen Beteiligten im Gespräch zu bleiben.
Nur so kann eine Kitalandschaft bestehen, in der sich Erzieherinnen wohl und ihren Aufgaben gewachsen fühlen und so den wichtigen Platz als „bedeutsame Dritte“ ausfüllen können, den Mangen fordert.

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