Typisch Mädchen, typisch Jungs: Wenn Rollenbilder zu Denkschranken werden

in Familienleben, Familienpolitik

Wenn ein Kleinkind rosafarbene Hemdchen mit weißer Spitze trägt, handelt es sich unzweifelhaft um ein Mädchen. Wenn ein C-Jugend-Kind rabiat alle Gegner beim Fußball umrempelt und den Ball ins Tor knallt, ist es mit Sicherheit ein Junge. Es sei denn, das Baby wurde vor 100 Jahren geboren, als Rosa noch als die Farbe für kleine Jungs galt; oder das Kind, das wir um die Jahrtausendwende auf dem Fußballrasen beobachten, heißt Birgit Prinz und wird gleich dreimal in Folge Weltfußballerin des Jahres werden. Geschlechterklischees begegnen uns überall, doch auf den Einzelfall treffen sie offensichtlich nur sehr bedingt zu. Im 19. Jahrhundert vertraten selbst anerkannte Fachleute die (natürlich wissenschaftlich belegte) Meinung, Mädchen seien von Natur aus unfähig, einen höheren Bildungsweg einzuschlagen – und heute verlassen mehr junge Frauen (2014: 36,8 %) mit dem Abitur in der Tasche die allgemeinbildende Schule als Jungs (2014: 29,3 %). Dass Mädchen vor 150 Jahren dümmer auf die Welt gekommen sind als heute, ist unwahrscheinlich; dass Jungs plötzlich an Intelligenz verlieren, aber auch. Welche Leistungen ein Kind zeigt, ist nur sehr bedingt biologisch vorbestimmt. Es gibt zwar Unterschiede im Hormonhaushalt und der Gehirnentwicklung zwischen Jungen und Mädchen, die Einflüsse hierdurch sind aber im Vergleich zur Wirkung von Rollenerwartungen gering; das stützen auch die Forschungsergebnisse, die die Bildungsforscher Stephan Sievert und Steffen Krönert in einer recht jungen Studienauswertung zusammengetragen haben. Wie sich Menschen entwickeln und wie sie sich verhalten, wird in hohem Maße davon bestimmt, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, was ihr Umfeld ihnen zutraut, was sie sich selbst zutrauen und welche tiefsitzenden Assoziationen sie mit Rollen verbinden. Es reicht z. B., wie der amerikanische Kommunikationspsychologe Matthew McGlone feststellt, Studentinnen vor einem Mathetest ankreuzen zu lassen, dass sie weiblich sind, und schon schneiden sie schlechter ab.

Es scheint, als entwickelten sich Anspruch und Wirklichkeit in Sachen Geschlechterneutralität in Deutschland auseinander.

Der Effekt ist als „Sterotype Threat“ bekannt. Was für Vertreter eines Geschlechts angemessen ist, wird im Wesentlichen gesellschaftlich ausgehandelt. Seit den 1970er Jahren setzt sich der Gedanke durch, dass wir nicht nur ein biologisches Geschlecht haben, sondern auch ein soziales (Gender). Und selbst die Einteilung in nur zwei soziale Geschlechter ist nicht die einzig mögliche Interpretation der biologischen Voraussetzungen, die wir mitbringen. Die Bugis etwa, ein Volksstamm in Indonesien, kennen traditionell gleich fünf Geschlechter: maskulin auftretende Männer, feminin wirkende Frauen, Männer mit betont weiblichen Eigenschaften, Frauen mit männlichem Habitus und Menschen mit einem neutralen, nicht zuordenbaren Geschlecht. In welche Kategorie ein Kind fällt, bestimmt das Verhalten, das es von sich aus zeigt; alle sozialen Geschlechter gelten bei den Bugis als gleich wichtig.

Aber von einem Gendermodell, das sich nach den Charaktereigenschaften und Vorlieben des Einzelnen richtet und das biologische Geschlecht weitgehend unberücksichtigt lässt, sind wir in Deutschland weit entfernt. Allen Gleichstellungsregularien zum Trotz scheint es, als seien vorgegebene Rollenmuster heute sogar präsenter als noch vor wenigen Jahrzehnten. Das beobachtet auch Fritz Cremer, der seit 20 Jahren Gymnasiallehrer für Mathematik und Philosophie ist und inzwischen am Couven-Gymnasium unterrichtet: „Schule bemüht sich seit Jahren um Geschlechterneutralität (über den Erfolg und die Art und Weise kann man sich streiten). In den Medien, insbesondere Fernsehen, und im normalen Lebensumfeld werden Kinder und Jugendliche aber in zunehmendem Maße mit Stereotypen konfrontiert. Dabei werden diese Stereotype auch noch farblich unterlegt. Kleidung und Spielsachen für Mädchen sind vornehmlich in Rosa gehalten – so was gab es in dieser Form vor 20 Jahren nicht. Für Jungen werden eher Blautöne vorgehalten, auch wenn das nicht so offensiv und deutlich ist. Computer sind Spielzeug für Jungen, Puppen für Mädchen. Aus dem Unterricht weiß ich, dass das Spielen am Computer eindeutig ‚männlich‘ ist. Bei einer mehrfach von mir durchgeführten Umfrage ‚Was wünschst du dir (nicht) von deinem/r Freund/in?‘ gaben Mädchen am meisten an ‚Mein Freund soll nicht so viel am Comuputer spielen‘ und Jungen ‚Meine Freundin soll nicht so viel (und lange) shoppen gehen‘. Auch traditionelle Rollenbilder – Mann arbeitet und ist Ernährer der Familie, Frau sorgt sich um Kinder und Wohnung – setzen sich wieder stärker durch. Gerade Mädchen äußern in Gesprächen über ihr Zukunftsbild verstärkt ‚Familie‘ als primären Wunsch, vor Äußerungen etwa zu ihrer gewünschten beruflichen Perspektive.“ Es scheint, als entwickelten sich Anspruch und Wirklichkeit in Sachen Geschlechterneutralität in Deutschland auseinander. „Auch wenn ich weiß, dass Werbung auch Meinung schafft, gehe ich davon aus, dass Rollenstereotype von der Gesellschaft nachgefragt werden und die Industrie sie (nur) bedient,“ sagt Fritz Cremer „In diesem Sinne kann man das dann so interpretieren, dass die Gesellschaft sich zwar dem Lippenbekenntnis nach für Geschlechterneutralität ausspricht, insgeheim aber eine Geschlechterdifferenzierung lebt.“ Flächendeckende Untersuchungen zur Bewertung von Jungen an deutschen Grundschulen stützen diese Wahrnehmung: Der Auswertung von Stephan Sievert und Steffen Kröhnert zufolge müssen Jungs bessere Leistungen zeigen als Mädchen, um eine Empfehlung fürs Gymnasium zu bekommen.

„Nach den Rückmeldungen, die ich von Schülern bekomme, werden geschlechtsspezifische Förderungen generell als aufgesetzt empfunden.“

Zuweilen scheint es, als liefen die Bemühungen, Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern herzustellen, ihrem Ziel sogar entgegen. Ein Beispiel hierfür ist der Girls’ Day, an dem Mädchen in typische Männerberufe hineinschnuppern sollen. Der Aktionstag wurde 2001 von Politik, Verwaltung und Verbänden initiiert und sorgt seither für Kontroversen. So gab es lange keine offizielle, bundesweite Parallelaktion für Jungs, was Kritiker berechtigterweise als Verstoß gegen das Gleichstellungsgebot werteten. Elterninitiativen organisierten aus Protest eigene Boys’ Days: Der erste fand 2003 statt – und zwar an der Heinrich-Heine-Gesamtschule in Aachen. Es folgten vergleichbare Veranstaltungen zahlreicher weiterer Initiativen in ganz Deutschland, und Maßnahmen zur „Jungenarbeit“ verbreiteten sich, aber der erste offizielle, dem Girls’-Day gleichgestellte Aktionstag fand erst 2011 statt, mit zehn Jahren Verspätung. Andere Kritikpunkte treffen auf beide Aktionstage zu. Alleine schon die Einteilung in Männer- und Frauenberufe erscheint zweifelhaft, wenn das Ziel der Veranstaltung doch gerade die Aufhebung solch starrer Kategorien sein soll. Viele bewerten den Girls’- und Boys’-Day eher als Marketingmaßnahme, die zwar den teilnehmenden Unternehmen als preiswerte Werbung willkommen ist und den veranstaltenden Ministerien und Verbänden als Aushängeschild dient, aber nicht nachhaltig für eine Reflexion der Rollenmuster sorgt. Allein schon ein Blick auf die offiziellen Boys’- und Girls’-Day-Websites, die in ihrer Gestaltung sämtliche Klischees bedienen, verstärkt den Eindruck. Die „Zukunftstage“ sind dabei nur eine Aktion von vielen zur Förderung von Mädchen und Jungs – welche Wirkung die gut gemeinten Angebote haben, ist bislang wenig untersucht. Die wenigen positiven Bilanzen stammen von Autorinnen, die für einen der mitveranstaltenden Vereine tätig sind. Fritz Cremers Erfahrungen jedenfalls lassen daran zweifeln, ob die Jugendlichen aus Maßnahmen wie dem Boys’- und Girls’-Day das mitnehmen, was die Veranstalter sich und der Öffentlichkeit versprechen: „Derartige Aktionen werden von den Schülern eher skeptisch gesehen. Als positiv bewerten sie vor allem den Unterrichtsausfall. Nach den Rückmeldungen, die ich von Schülern bekomme, werden geschlechtsspezifische Förderungen generell als aufgesetzt empfunden. Weil außerdem die Förderung von Mädchen und ‚weiblichen‘ Eigenschaften, wie Konfliktfähigkeit, kommunikative Fähigkeiten u. Ä., im Vordergrund stehen, lehnen insbesondere Jungen derartige Förderungen eher ab und suchen sich Alternativen, insbesondere im Sport (Fußball), bei denen sie ‚richtig männlich‘ sein können.“ Kinder, Mädchen wie Jungs, die als maskulin bewertete Eigenschaften mitbringen, sich durchsetzen und auch körperliche Auseinandersetzungen nicht scheuen, haben es besonders in unserem immer stärker auf Konsens und Kooperation ausgerichteten Schulsystem schwer: „Es ist zwar immer wieder von Geschlechterneutralität die Rede, aber es ist auch deutlich erkennbar, dass Weibliches ‚besser‘ ist, also eine Geschlechterdifferenzierung immer noch stattfindet“, kommentiert Fritz Cremer.

Sich an die jeweilige Kultur perfekt anzupassen und Erwartungen auch dann zu erahnen, wenn sie nicht explizit geäußert werden, war (und ist) ein Überlebensvorteil für Kinder.

Ohnehin haben Kinder Geschlechterstereotype längst verinnerlicht, wenn sie an der weiterführenden Schule sind. Als soziale Wesen sind sie äußerst sensibel in Bezug auf das, was in ihrem Umfeld als normal akzeptiert wird. Selbst subtile Gesten oder Untertöne reichen aus, um Kindern zu vermitteln, wie wir andere und ihr Verhalten bewerten. Sich an die jeweilige Kultur perfekt anzupassen und Erwartungen auch dann zu erahnen, wenn sie nicht explizit geäußert werden, war (und ist) ein Überlebensvorteil für Kinder. Wiedererkennbare Muster sind nützlich, um sich schnell zu erschließen, wie die Welt funktioniert. Ob jemand ein Mann oder eine Frau ist, begründen Kleinkinder nicht mit biologischen Merkmalen, sondern mit Attributen wie dem Haarschnitt oder dem Kleidungsstil. Dass sie selbst ein unveränderliches biologisches Geschlecht besitzen, begreifen viele erst im Kindergarten. In Schweden versuchen staatlich geförderte Modellkindergärten seit mehreren Jahren, Kindern zu ermöglichen, sich frei von Geschlechtererwartungen aus den vorhandenen Lebens- und Selbstkonzepten herauszusuchen, was ihnen persönlich am besten entspricht. Egalia, der bekannteste geschlechtsneutrale Kindergarten, eröffnete 2010. Die Pädagogen vermeiden die Personalpronomen „sie (hon)“ und „er (han)“ und verwenden stattdessen für beide Geschlechter das neu erfundene, neutrale „hen“. Die Kinder selbst werden allerdings nicht korrigiert, wenn sie geschlechtsspezifische Personalpronomina verwenden. Alle Kinderbücher hingegen werden sorgsam daraufhin überprüft, ob sie Rollenklischees enthalten – Märchenbücher wurden deshalb aussortiert, viele Geschichten umgetextet. Die Pädagogen reagieren mit ihrem Konzept unter anderem auf Videomitschnitte, aus denen ersichtlich wird, dass selbst Erwachsene, die von gleichberechtigter Erziehung überzeugt sind und sich für vorurteilsfrei halten, Mädchen und Jungen verschieden behandeln. Jungen bekommen z. B. mehr Bewegungsfreiraum, Mädchen, das ist aus anderen Studien bekannt, werden bereitwilliger getröstet. Eltern, die ihren Kindern in Sachen Gender so viel Raum geben wollen wie möglich, scheitern oft spätestens bei dem Versuch, die Verwandtschaft zu geschlechtsneutralen Geschenken zu bewegen. Und wer in sich geht, stellt vielleicht auch an sich selbst fest, dass er schon im Hinblick auf die zu erwartenden Reaktionen aus dem Umfeld zögern würde, seinem Sohn das lilafarbene Rüschenkleid zu kaufen, das er so gerne zur Schule anziehen möchte.

Mehr Verständnis und Wohlwollen für Kinder einzufordern, die nun mal eben nicht ins Bild passen, erscheint vor diesem Hintergrund nicht verkehrt. Vielen geht das schwedische Modell jedoch deutlich zu weit; der Bruch zwischen der künstlich geschlechtsneutral gehaltenen Kindergartenwelt und der Realität „da draußen“ könne die Kinder in Konflikte bringen. Spätestens in der Schule werden die Kinder mit Leuten (auch Mitschülern!) konfrontiert, die sehr genaue Vorstellungen von Geschlecht vertreten. Auch wie die schwedischen Reformpädagogen auf Kinder reagieren, die von sich aus – weil es eben ihren Neigungen und ihrem Charakter entspricht – betont geschlechts-typisches Verhalten zeigen, ist nicht bekannt. Untersuchungen dazu, wie sich das Egalia-Prinzip langfristig auf die soziale Entwicklung der Kinder auswirkt, ob sie gestärkt oder verwirrt ins Leben gehen, gibt es bislang nicht. Allerdings gibt es eine Längsschnittstudie des Entwicklungspsychologen Hanns Martin Trautner, die nahelegt, dass Jugendliche sich leichter von Rollenbildern lösen können, wenn sie als Kleinkinder mal eine Zeit lang typisch Mädchen oder typisch Junge waren. Um mit einem Prinzip reflektiert umgehen zu können, hilft es eben oft, wenn man es vollständig durchdrungen hat. Welche Eigenschaften aber mit „Mädchen“ und „Junge“ assoziiert werden, wie flexibel diese Konzepte sind und ob Kinder beiderlei biologischen Geschlechts sich, wenn sie möchten, in beiden Begriffen wiederfinden können, bestimmen wir alle mit. Gesellschaftliche Erwartungen sind hartnäckig, aber sie können sich wandeln, wie der Bildungserfolg der Mädchen zeigt. Es hilft nichts, wir müssen unseren Kindern vorleben, wie wir uns Geschlechtergerechtigkeit wünschen. Womöglich mit femininen und maskulinen Männern, weiblichen und männlichen Frauen und androgynen Leuten – wie bei den Bugis.

Links zum Thema:

Zur Jungenfarbe Rosa
Zahlen, Daten, Fakten
Publikation von Stephan Sievert und Steffen Kröhnert zu der Frage, warum Jungen derzeit an den Schulen schlechter abschneiden als Mädchen (PDF)
Kurzdarstellung des Stereotypenproblems, basierend unter anderem auf den Forschungen von Steele und Aronson
Ein Video auf YouTube über die Bugis und ihr Geschlechterkonzept
Die Seite zum Protest-Boys’-Day an der Aachener Heinrich-Heine-Gesamtschule
Die offiziellen Websites zum Boys’- und Girls’-Day: www.boys-day.de | www.girls-day.de
Link zu einem englischen Artikel von Matthew McGlone über den Einfluss von Rollenklischees auf die mathemathischen Leistungen von Frauen
Website des Egalia-Kindergarten und Presseartikel in der Zeit und der taz
Artikel auf zeit.de mit Verweis auf die Längsschnittstudie Hanns Martin Trautners
Lesenswerter Blogartikel von Melanie Trommer zu den Herausforderungen geschlechtsneutraler Erziehung mit zahlreichen Leserkommentaren

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