Stumme Blicke auf den Bildschirm

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Längst ist es keine Seltenheit mehr, dass bereits Kleinkinder mit Smartphones und Tablets hantieren – doch weder haben die konsumierten Inhalte eine beruhigende Wirkung, noch können sie ausreichend verarbeitet werden. Eltern müssen gemeinsame Erlebnisse jenseits des Touchscreens schaffen.

Wer etwa öffentliche Verkehrsmittel nutzt, kennt das Bild nur zu gut: Bereits bei den kleinsten Passagieren im Buggy scheint das Smartphone kein unbekanntes Gerät zu sein. Auch im Wartezimmer des Kinderarztes lassen Eltern YouTube-Clips über den kleinen Bildschirm flimmern, um eine quengelnde Ungeduld erst gar nicht aufkommen zu lassen. Doch handelt es sich bei dieser Maßnahme tatsächlich um eine Beruhigung? Und müssen es ausschließlich digitale Medien sein, die dann zurate gezogen werden? Eine Empfehlung des Ratgebers „SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht“ zeigt auf, dass frühestens ab dem dritten Lebensjahr Bildschirmmedien wie Fernsehen, DVD, Video, Computer, Spielekonsolen sowie Tablets und Smartphones infrage kommen sollten – und zwar für maximal 30 Minuten am Tag.

Einstieg in die digitale Welt

Weshalb die Realität oftmals ein anderes Bild zeichnet, ist schnell erklärt: Wer sich im Netz mit den Begriffen „Kleinkind“ und „Smartphone“ auf die Suche nach Beratung begibt, findet auch allerlei Kaufempfehlungen für schrill fiepende Plastiktelefone. Medienpädagogin und -coach Dr. Iren Schulz von der Initiative „SCHAU HIN!“ kennt genau diese Problematik und bringt die Rolle unserer Gesellschaft ins Spiel: „Kindern werden bereits im Kleinstkindalter Spielzeug-Handys und dudelnde Geräte mit allerlei Knöpfen geschenkt – salopp gesagt ist das schon eine Vorbereitung auf den Einstieg in die digitale Welt.“ Letztlich verhält es sich bei dieser Entwicklung wie mit unzähligen anderen Erlebnissen zwischen Eltern und Kind: Der Nachwuchs ahmt das Verhalten von Mama und Papa nach und imitiert, was ihm vorgelebt wird.

Nicht selten sind bereits Säuglinge betroffen, wird etwa das Smartphone nicht einmal beim Stillen zur Seite gelegt. Abgesehen von dem durch Strahlung von vielen Ärzten bestätigten negativen Einfluss auf die Gesundheit des Neugeborenen stellt sich zudem die Frage, ob hier bereits erste Grundsteine für eine spätere Störung gelegt werden könnten: Schließlich sollte das Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner Mutter genießen – diese ist die Basis für eine gesunde Bindung. „Gemeinsame authentische Erfahrungen und Erlebnisse sind hierbei das A und O“, weiß Dr. Iren Schulz. „Wenn sich Eltern allerdings mit ihren Gedanken in einer ganz anderen Kommunikationswelt befinden, kann durchaus dem gemeinsamen Zusammensein etwas verloren gehen.“ Neben dieser äußerst unschönen Tatsache darf eine weitere nicht unerwähnt bleiben: Studien belegen, dass die Unfallrate auf Spielplätzen aufgrund von elterlicher Unachtsamkeit zusehends steigt.

Eindrücke verarbeiten

Ein anderes Studienergebnis (BLIKK) wurde im vergangenen Jahr von der Drogenbeauftragten der Bundesregierung, Marlene Mortler, vorgelegt. Dieses zeigt u. a. motorische Störungen durch intensive Mediennutzung auf – Dr. Iren Schulz legt hierbei Wert auf Differenzierung: „Natürlich sind bei einem dreijährigen Kind, das sich stundenlang mit dem Tablet beschäftigt, spätere Haltungsschäden nicht unrealistisch. Viel mehr findet aber eine Überforderung der Sinne statt, die etwa zu Schlafstörungen führen kann.“ Schnelle Schnitte, Tonuntermalung und blinkende Elemente sind demnach für den sich in der Entwicklung befindenden Körper nicht adäquat zu verarbeiten. Dabei ist es gerade diese Altersstufe, in der echte haptische Erfahrungen so ungemein wichtig sind: sehen, schmecken, riechen, fühlen, anfassen, reinkriechen. Hinzu kommt die Tatsache, dass der starre Blick auf den Bildschirm eine nonverbale Tätigkeit ist; es findet keine Versprachlichung des Erlebten statt. Hier spielt erneut der soziale Kontext eine Rolle, schließlich liegt es in der Hand der Eltern, ihr Kind zu fördern, Erlebnisse zu schaffen und gemeinsam die Welt zu erkunden.

Letztlich sollte das Benutzen von Smartphone, Tablet & Co. vor den Kindern – trotz der Vorbildfunktion – nicht durchweg verteufelt werden. Unzählige Eltern kennen den Zwiespalt, vieles nebenher organisieren und nachlesen zu müssen, um Familie, Beruf und Privatleben unter einen Hut zu bekommen. Ob das Smartphone allerdings bei jedem Familienausflug mit im Gepäck und somit auch für den Nachwuchs verfügbar sein muss, ist eine andere Frage: Eine bewusst gewählte Phase ohne die äußeren Reize des Geräts kann sogar zu mehr Kreativität und Ideenreichtum führen, suchen Kinder dann doch eigenständig nach spannenden alternativen Beschäftigungen. Wer es also schafft, sich immer mal wieder solche kleinen Auszeiten zu nehmen, wird dies möglicherweise schnell als Entspannung empfinden. Gemeinsame Zeit bewusst erleben – davon hat schließlich die ganze Familie etwas.

schau-hin.info

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