Skateistan: Durch Skateboarding die Welt verbessern

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Shogofa (Foto Mitte) arbeitete auf der Straße und verkaufte Kaugummi, als sie als Neunjährige 2010 zu Skateistan dazustieß. Heute ist die 14-Jährige eine der besten Skate-Lehrerinnen bei der Organisation in Kabul und verdient dadurch das Geld für ihre Familie. Skateistan ist ein Skate- und Bildungsprojekt in Afghanistan, Kambodscha und Südafrika. Wöchentlich nehmen derzeit rund 1500 benachteiligte Kinder an dem Programm teil.

Oliver Percovich (41) hatte nur seine Skateboards im Gepäck, als er 2007 einer Freundin nach Kabul folgte. Er war es gewohnt, viel zu reisen und oft umzuziehen und als Skater kannte er die Wirkung eines Skateboards als verbindendes Element zwischen den Menschen. Gerade in Afghanistan wirkten die Bretter besonders anziehend, da sie den Menschen gänzlich unbekannt waren. Das Interesse der Kinder und Jugendlichen war immens.
Afghanistan ist ein Land, in dem die Mädchen kaum Rechte haben, 82 % sind Analphabetinnen, sie haben nicht das Recht, zu spielen, Fahrrad zu fahren oder Freizeit in der Öffentlichkeit zu verbringen. Aber das Skateboardfahren war so neu für die Menschen, dass die Eltern es nicht direkt verboten.
Oliver Percovich wollte die vielen Kinder, die er auf der Straße sah, nicht beim Betteln unterstützen, sondern wollte ihnen lieber etwas Vergnügen beim Skaten bieten und dabei lagen ihm besonders die Mädchen am Herzen.
Die Idee, einen Skatepark zu gründen, war geboren. Der erste Park entstand in Kabul. Dort lebte auch die 9-jährige Shogofa, die wie viele Mädchen durch Betteln oder Kaugummiverkauf auf der Straße mithalf, den Lebensunterhalt für ihre Familie zu bestreiten.
Shogofa und ihre Schwester durften zunächst einmal die Woche am Programm „Skate and Create“ teilnehmen, bei dem Kinder nicht nur Skaten, sondern auch langsam an Bildung herangeführt werden. Später kam sie mehrmals in der Woche als freiwillige Helferin zu Skateistan, aber das bereitete der Familien Probleme, weil Shogofas Einkommen vom Kaugummiverkauf fehlte. Weil sie aber eine so talentierte Skaterin war, erhielt sie ein Jobangebot bei der Organisation. Shogofa heute: „Ich kann nicht beschreiben, wie glücklich ich war. Ich bekam nicht nur Geld, sondern auch Respekt von meinen Schülerinnen und Arbeitskollegen. Mein Leben ist so anders als vorher, als ich noch auf der Straße arbeitete. Ich wurde immer besser, und Tag für Tag hat sich mein ganzes Leben geändert.“
Das Ziel von Oliver Percovich ist es, den Kindern eine Perspektive zu geben, sie zu selbstsicheren Persönlichkeiten reifen zu lassen, die ihr Land voranbringen wollen und können.

Afghanistan ist ein Land mit einer jungen Bevölkerung, 68 % sind unter 25 Jahre alt, 50 % unter 16 Jahre. Dort möchte Percovich ansetzen, denn bei den jungen Menschen kann noch ein positiver Ausblick auf die Zukunft entfacht werden.

50 % der Kinder, die an seinem Projekt teilhaben, haben auf der Straße gearbeitet, 40 % sind Mädchen. Neben dem Programm „Skate and Create“ gibt es noch das „Back to School“-Projekt, bei dem die Kinder sechs Tage die Woche zur Schule gehen.
Inzwischen gibt es in Mazar-e-Sharif eine weitere Station von Skateistan, neben Kambodscha und Südafrika soll 2016 auch noch eine Anlage in Johannesburg dazukommen. Das Projekt hat bereits mehrere Preise gewonnen, u. a. den „NGO of the Year Award“.

Shogofa ist nur eines der Role-Models ihrer Generation. Skateistan hat noch viele weitere starke Persönlichkeiten hervorgebracht, die allen Wiederständen zum Trotz ihren Weg machen werden.

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Interview mit Skateistan-Gründer Oliver Percovich

olli_percovichWenn ich mir die Bilder der Kinder und die Videos auf eurer Seite skateistan.org anschaue, sehe ich glückliche Kinder beim Skaten und Lernen. Welche Bedeutung hat Skateistan für ihr Leben?
Oliver Percovich: Wir geben ihnen einen sicheren Ort, zu dem sie gehen können. In diesen Ländern ist es sehr hart, ein Kind zu sein, ganz speziell in Afghanistan. Sie haben keine Möglichkeit zu spielen, Jungs vielleicht, aber Mädchen können gar nichts machen. Wir geben ihnen den Spaß zurück, in einer sicheren Umgebung, wo sie Kinder sein können.

50 Prozent der Kinder, die euer Projekt besuchen, haben vorher auf der Straße gearbeitet oder gebettelt. Du hast einmal gesagt, Menschen, die nach Kabul kommen, sollen den Kindern auf der Straße kein Geld geben, weil sie sonst nicht aufhören würden zu betteln. Warum ist das so wichtig?
Wenn Menschen etwas für die Familien in Afghanistan erreichen wollen, warum sollten sie das Geld lieber einer Organisation wie Skateistan spenden?
Oliver Percovich: Es ist wichtig für die Kinder, dass sie Bildung bekommen. Sie sollten nicht für ihr Leben lernen, dass es sinnvoll ist zu betteln. Sie können so viel mehr erreichen im Leben und helfen, ihr Land aufzubauen. Wir geben ihnen die Basis, damit sie einmal in ihrem Land leben können.

Aber wie überzeugt ihr die Eltern, dass die Kinder bei euch skaten dürfen? Die Kinder tragen ja zum Lebensunterhalt bei.
Oliver Percovich: Die Familien zweifeln oft, denn sie wollen, dass die Kinder betteln, vor allem, wenn sie selber nie zur Schule gegangen sind. Es ist dann schwerer, sie zu überzeugen, aber im Grunde wollen alle Eltern ihre Kinder glücklich sehen, und da unser „Skate and Create“-Projekt zunächst nur an einem Tag die Woche für jedes Kind stattfindet, lässt sich das vereinbaren. Nur wenige Kinder besuchen im Anschluss unser Projekt „Back to School“, das dann wirklich an sechs Tagen die Woche stattfindet.
Wir besuchen die Familien auch zu Hause, um mit ihnen über die Kinder und die Chancen zu sprechen. Alleine in Kabul machen wir 500 Hausbesuche im Jahr. Für die Mädchen bieten wie außerdem an, sie mit einem Fahrservice abzuholen, sonst würden die Eltern das nicht erlauben.

Wie kommt es, dass 40 Prozent der Kinder bei Skateistan Mädchen sind? Das ist ja immer noch unüblich, denn weltweit sind die meisten Skater männlich.
Oliver Percovich: Wir haben unseren Fokus auf Mädchen gesetzt, weil sie wirklich fast nichts dürfen. Wir haben extra Mädchenklassen. Es ist notwendig, Mädchen und Jungen zu trennen, sonst könnten wir das Projekt nicht durchführen. Jungen und Mädchen gehen in Afghanistan auch getrennt zur Schule, mixen geht da nicht.
Es ist auch tatsächlich so, dass Mädchen sich besser fühlen, wenn sie unter sich skaten.
Jungs sind die aggressiveren Skater, das ist überall auf der Welt so. Über 90 Prozent der Skater in der restlichen Welt sind männlich, und manchmal behandeln sie die Mädels nicht ganz fair oder nerven sie eben, auch wenn diese ebenfalls sehr gut skaten können.

Ihr unterrichtet inzwischen jede Woche rund 1500 Kinder in euren Projekten, euer Ziel ist, dass es im Jahr 2016 bereits 2000 Kinder sind. Da ihr eine NGO seid und nicht vom Staat finanziert werdet, seid ihr auf Spenden angewiesen. Bei einer Kampagne im Dezember habt ihr 75.000 Dollar eingenommen. Wofür sind die?
Oliver Percovich: Oh, eine Organisation wie unsere braucht viel Geld. Wir haben zwei Standorte in Afghanistan, einen in Kambodscha, einen in Südafrika und ziehen noch einen neuen in Johannesburg auf, der im April eröffnet werden soll. Wir brauchen viel Geld für das Projekt. Am liebsten sind uns unsere monatlichen Spender, sie sind sehr wichtig für uns.

Als du ein Kind warst, bist du viel umgezogen, bist zu verschiedenen Schulen in verschiedenen Ländern gegangen. Was hat dir skaten bedeutet?
Oliver Percovich: Ich habe es geliebt! Ich war sechs, da sind wir nach Papua-Neuguinea gezogen. Vorher hat mir mein ältere Cousin ein Skateboard geschenkt.
Es wurde die Konstante in meinem Leben. Ich bin kein Profi geworden, auch wenn ich bei ein paar Wettbewerben mitgemacht habe, aber ich habe mich mit der Skaterwelt identifiziert und sie hat mir alles nähergebracht, Sport, Musik und Kunst …
Die Skatewelt war so etwas wie eine „Secret-society“. Du kannst irgendwo hinkommen und alle über das Skaten kennenlernen, es ist egal, wo du herkommst, du bist einfach Skater, deine Religion, deine Rasse zählt nicht, du gehörst dazu.
Die Idee hat mir immer gefallen und so lebe ich das bis heute.

Du hast sieben Jahre in Afghanistan gelebt, derzeit ist Deutschland deine Basis, von wo aus du zu den verschiedenen Standorten fliegst. Was findest du am tollsten an deiner Organisation und deinem Job und was sind weitere Ziele?
Oliver Percovich: Ich liebe es, mit den Kindern zu skaten! Es war ein sehr harter Job die sieben Jahre in Afghanistan – aber es ist mein Traumjob!
Ich habe das aufgebaut, ich arbeitete mit tollen Skatern und Menschen zusammen und ich sehe die Organisation wachsen. Nächstes Jahr eröffnen wir einen weiteren Standort in Kambodscha und einen in Johannesburg.
Das ist einfach ein Traum!
Aber das Beste ist natürlich skaten.

Danke für das Gespräch!

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Skateistan unterstützen

Skateistan ist eine Non-Profit-Organisation und auf Spenden angewiesen. Wer Skateistan unterstützen möchte, hat diverse Möglichkeiten.

Da können eigene Aktionen generiert werden, um Geld für das Projekt zu sammeln, es können einfache Spenden getätigt werden oder man kann ein Jahres-Spendenabo abschließen und dadurch „Citizen für Skateistan“ werden.
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Außerdem gibt es einen Shop mit Artikeln wie Shirts, Mützen, Kappen, Jutebeuteln oder dem tollen Skateistan-Buch mit über 300 Seiten voller aussagekräftiger Fotos und Geschichten (Preis 39,95 Euro).

Alles auf:
www.skateistan.org/get-involved

Text: Birgit Franchy (Citizen für Skateistan)
Alle Fotos: Skateistan

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