Regulationsstörungen bei Babys – neues Angebot in Aachen

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Die Familien, die bei Dr. Brit Steinau in der Säuglings- und Kleinkindersprechstunde für Schrei-, Schlaf- und Fütterstörungen betreut werden, haben meist mit ihrem Nachwuchs bereits eine Odyssee hinter sich. Hier finden sie qualifizierte Beratung als Kassenleistung und in Einzelfällen auch eine intensive Begleitung über Jahre.

„Ich oder das Kind“ – Mütter, die sich Dr. Brit Steinau anvertrauen, haben nicht selten in den vorangegangenen Wochen und Monaten so nervenzehrende und belastende Situationen mit ihrem Schreibaby erlebt, dass sie an den Rand ihrer Belastbarkeitsgrenze geraten sind. Selbsttötungsgedanken oder Tötungsgedanken dem Kind gegenüber sind die Spitze der dramatischen Entwicklung und eins der Tabus, das hier thematisiert werden kann.

„Das ist nichts, worüber man an der Kaffeetafel spricht“, weiß Dr. Steinau. Meist sitzen diese Mütter sowieso an keiner Kaffeetafel mit Freundinnen mehr, weil sie sich ständig um ihr schreiendes Kind kümmern und sich nicht mehr vor „normalen Familien“ mit „normalen Babys“ rechtfertigen möchten.
Als Schreibabys gelten Kinder, bei denen die Dreierregel zutrifft: Der Säugling ist meistens jünger als drei Monate, schreit mehr als drei Stunden täglich an mindestens drei Tagen der Woche und das länger als drei Wochen. Andere Ausprägungen und eine längere Dauer der Anpassungsstörung können selbstverständlich vorkommen.
Immer noch ist das Thema Schreibaby ein Tabu, über das nicht gerne gesprochen wird, denn es suggeriert ein Versagen, gerade auch, weil sich viele Außenstehende bemüßigt fühlen, gute Tipps zu geben. Jeder weiß besser, was für das Kind gut ist und was getan oder gelassen werden sollte – und die Mutter, sowieso von schlechtem Gewissen geplagt, weil es nicht läuft, wie es laufen sollte, und sie ihr Kind einfach nicht beruhigen kann, fühlt sich endgültig in die Rolle der Versagerin, der schlechten Mutter gedrängt.
Eine Rolle spielt dabei auch, dass werdenden Müttern allerorts suggeriert wird, die beste Zeit ihres Lebens stehe nun bevor, die einzige Erfüllung. Dazu kommen Bilder aus der Werbung: Mütter sind gut gepflegt, gut gestylt und küssen glücklich ihre properen, strahlenden Kleinen. Wenn der eigene Alltag dann so anders aussieht, fängt das Weltbild an zu wackeln, denn man kann diesem Bild einfach nicht entsprechen.

Die richtige Anlaufstelle finden

Der erste Ansprechpartner, der normale Kinderarzt, hat meist nur ein kleines Zeitfenster, sich um die Familien zu kümmern. Sprengt ein Kind den üblichen Rahmen, werden zusätzlich zum Kinderarzt alle möglichen Anlaufstellen ausprobiert: Homöopathen, Osteopathen, Krankengymnastik, Kinesiologen, Wünschelrutengänger, die ungünstige Wasseradern in Haus finden sollen. Es werden Babywippen gekauft und dauergeschuckelt, Schlafsofas, damit der Vater in einer weit entfernten Ecke des Hauses schlafen kann, oder das Kind wird ununterbrochen getragen – alles ohne dauerhaften Erfolg. „Wenn der Kinderarzt dann sagt, er könne auch nicht mehr weiterhelfen, fallen die Eltern in ein Loch“, berichtet Dr. Steinau.

Im besten Fall sollten Eltern also wissen, dass es weitere Anlaufstellen gibt, die sich genau mit diesem Spezialgebiet befassen. Experten für Regulationsstörungen haben sich auch in unserer Region niedergelassen, seit 2004 in München die erste Schreiambulanz eingerichtet wurde. Eltern können diese Stellen aufsuchen (siehe Infos kommende Seite) – und zwar dann, wenn sie selber der Meinung sind, die Situation würde ihnen entgleiten, sei es, dass sie ihren Säugling nicht beruhigen können, er sich nicht wie gewünscht füttern lässt oder auch sonst nicht zur Ruhe kommt.
Eine dieser Anlaufstellen in Aachen ist Dr. Brit Steinau. Die Kinderärztin hat sich zur Säuglings-, Kleinkind- und Elterntherapeutin fortbilden lassen, um so die Versorgungslücke für die Kleinsten bei uns zu schließen – derzeit betreut sie bereits 20 betroffene Familien.
Der Unterschied zu einem normalen Praxisbesuch ist schon im Zeitkontingent zu finden, das hier zur Verfügung steht. 50 bis 100 Minuten dauert eine Sitzung, viel Zeit also, um ganz genau zu schildern, was aus Elternsicht falsch läuft. Es werden Protokolle des Alltags angefertigt, Videos bei den Sitzungen aufgenommen und analysiert und ganz behutsam wird an Verhaltensanpassungen im Alltag gearbeitet.

Ursachenforschung

Für Regulationsstörungen gibt es die unterschiedlichsten Ursachen. Nicht selten erlebt Dr. Brit Steinau, dass Mütter so hohe Ansprüche an die Mutterschaft stellen, dass sie genau daran zu scheitern drohen. Da sollen Säuglinge niemals schreien, immer freien Zugang zur Brust haben, immer getragen werden. Das geht so weit, dass Mütter das Gefühl haben, selber nicht mehr atmen, ja, sich nicht mehr bewegen zu können, und permanent das Kind beäugen, damit nur ja nichts schiefgeht – mit genau dem gegenteiligen Ergebnis. Das Kind fühlt die Unsicherheit und schreit nur noch. „Man muss das Kind auch manchmal loslassen und ihm die Chance geben, sich selber zu regulieren“, weiß Dr. Steinau.
Die Väter der Kinder und andere Personen einzubeziehen, die helfen könnten, ist aus Dr. Steinaus Sicht sehr wichtig, fällt jedoch manchen Müttern so schwer, dass sie es komplett ablehnen. Das Phänomen Mothergating erleben Ärzte häufig. Junge Mütter denken in diesem Fall, nur sie wären in der Lage, sich um ihr Kind zu kümmern. Dies kann jedoch eine verzerrte Wahrnehmung sein, und genau darum ist es notwendig, dass auch die Partner den Weg in die Praxis finden, um gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, die zur Entlastung aller führt.
Nicht zu vernachlässigen ist, dass mindestens jede sechste Frau unter einer postpartalen Depression (da es eine hohe Dunkelziffer gibt, kann die Zahl noch höher liegen) leidet, die dazu beitragen kann, dass die Sicht verzerrt ist und sich die Negativspirale dreht. Auch die Vergangenheit der Bezugspersonen kann eine Rolle bei der Eltern-Kind-Beziehung spielen. Ebenso können Ängste, die sich während der Schwangerschaft oder unter einer traumatischen Geburt eingestellt haben können, sowie Schwierigkeiten, die neue Rolle anzunehmen, oder Konflikte in der Partnerschaft dabei mitwirken.

Und nicht zuletzt kann ein Kind einen empfindlichen Charakter oder ein Temperament mitbringen, das es notwendig macht, achtsamer oder konsequenter vorzugehen und gegebenenfalls das gewohnte Leben auf neue Regeln umzustellen. Ist das Baby hochsensibel und reagiert überempfindlich auf jede kleinste Veränderung im Umfeld, auf laute Geräusche und helles Licht und Gerüche, müssen die Eltern es möglicherweise vor Reizen abschirmen und genaueste Riten und Zeitpläne einhalten, um es nicht zu überfordern. „Nicht mit jedem Kind kann ich ins Restaurant, in die Shoppingmall oder auf eine Party gehen – auch wenn das bei allen anderen im Freundeskreis vielleicht wunderbar klappt“, gibt Dr. Steinau zu bedenken. Auch von exzessivem Gebrauch von elektronischen Medien rät Steinau ab: „Ich erlebe heute, dass ein Drittel der Eltern lieber das Smartphone zückt, statt mit dem Kind zu interagieren.“

Was auch immer die Ursachen sind: Wenn das Kind übermäßig viel schreit, sich rund ums Essen Machtspiele entwickeln und/oder der Nachwuchs nicht schläft, spitzt sich alles immer weiter zu. Es entsteht ein Teufelskreis, Bindungsstörungen manifestieren sich, Unsicherheiten werden immer größer, die Eltern leiden selber extrem unter Schlafmangel, werden reizbarer, auch die Partnerschaft kriselt – was alles immer schlimmer macht und sich gegenseitig verstärkt, bis die Spitze der Belastbarkeit erreicht ist.

Ist endlich ein Spezialist gefunden, wird Betroffenen nicht nur ein offenes Ohr geliehen, was in der meist isolierten Lage der Eltern allein schon sehr hilfreich ist, sondern es wird zum Kern der Probleme vorgedrungen und negative, sich verstärkende Muster werden erkannt. Das ist bereits der erste Schritt zu einer Veränderung der Lage. Dem Großteil der Familien kann mit fünf bis zehn Sitzungen geholfen werden, die Situation zu Hause nachhaltig zu verbessern und zu einem positiveren Lebensgefühl zurückzufinden. In schwierigen Fällen steht Dr. Steinau den Familien selbstverständlich länger zur Seite.

 

Außerdem zum Thema:

Definition von Regualtionsstörungen und Anlaufstellen
kingkalli.de/schreibaby-regulationsstoerung-was-ist-das/

Sowie ein Interview mit Dr. Brit Steinau: Von der Bedeutung eines guten Starts ins Leben, der Veränderung im Familienleben und der Definition von Regulationsstörungen“

 

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