„Piraten – Ein Haufen merkwürdiger Typen“

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Vorgestellt von Marco Siedelmann
Den Titel „Bester Pirat des Jahres“ gewinnen – das ist es, wovon unsere charmante Hauptfigur, ein motivierter aber im Endeffekt überhaupt nicht so bösartiger Piratenkapitän ohne Rollennamen, seit langem träumt. Um sich diesen Traum erfüllen zu können, gilt es vor allem, die Hauptkonkurrenten endgültig loswerden zu können. Die draufgängerischen Erzrivalen der Hauptfigur heißen Black Bellamy und Cutlass Liz und der Konlikt mit ihren führt unsere Crew durch ein halbfiktives Europa, wobei besonders das viktorianische London in atemberaubender Pracht und Detailfülle nachgearbeitet wurde. Überhaupt dringt durch jede Pore dieses fulminanten Films der ungeheure, kaum vorstellbare handwerkliche Aufwand. Kein Wunder, nahmen die Dreharbeiten doch bereits fast zwei jahre in Anspruch, die Post-Produktions-Schritte noch gar nicht mitgerechnet. Auch die lehrreichen historischen Bezüge werden derartig munter in den Erzählkontext und die Fabulierfreudigkeit eingearbeitet, wie es selbst bei den Asterix-Comics kaum eleganter und funkensprühender gelang.

Nach dem finanziell und künstlerisch eher missglückten Fusionsversuch mit dem Dream Works Studio und dem halbgaren CGI-Animationsfilm „Flutsch und weg“ nimmt „Piraten“ wieder Kurs auf vergangene Aardman-Großtaten wie „Wallace & Gromit“. Das liegt freilich in erster Linie an der Rückkehr zur handgemachten Stop-Motion-Technik, der der in penibelster Kleinstarbeit jede Bewegung manuell am Modell ausgeführt wird und dieses dann einzeln abfotografiert. Diese Technik führt seit der Stummfilmzeit immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen, wie es etwa das Burton-Musical „A Nightmare before Christmas“ beweist. „Piraten“ leidet also nicht wie sein direkter Vorgänger an einer allzu flachen und räumlich kaum beeindruckenden Stumpfheit sondern bietet im Gegenteil gleich einen doppelten Tiefen-Effekt. Da wäre zunächst die Textur und die materielle Dreidimensionalität der Knet-Figuren, wozu sich ein 3D-Effekt gesellt, der die gesamte Szenerie nochmal zusätzlich öffnet und durchmisst.

Nun kann „Piraten“ durch seine eher simple Ästhetik dennoch nicht mithalten, wenn es um perspektivische Finesse geht, die man in Filmen wie „Coraline“ oder eben „Nightmare before Christmas“ mühelos mit dem erzählerischen Rahmen verschränken konnte. Die schrulligen, liebevoll kreierten Figuren allerdings atmen immer noch den Geist der stilbildenden und heute bereits zu modernen Klassikern gereiften frühen Aardman-Produktionen. Der Film baut eher auf den bodenständigen Charme der Stop-Motion-Bewegungsabläufe und erzählt seinen Plot in einer schlichten, konventionellen Struktur. Dabei ist „Piraten“ jedoch garniert mit vielen intertextuellen und popkulturellen Verweisen, die dem erwachsenen Zuschauer die gleiche Freude bereitet wie die abenteuerliche Action den Kleinsten. Aardman gelingt erneut das Kunststück, nahezu jede Alterklasse anzusprechen und einen universellen Spaß zu ermöglichen.

Die Blu-Ray bzw. DVD-Veröffentlichung dieses Kleinods lässt keinerlei Wünsche offen, sowohl Bild als auch Ton sind in ihrem Transfer perfekt, auch das schicke Bonusmaterial lässt keinen Grund zur Beschwerde zu. Highlight darunter mit großer Sicherheit der launige Audiokommentar der Macher, der einmal mehr und überaus glaubwürdig vermittelt, dass die Firma Aardman sich vom ambitionierten Team aus Freunden mit eigenwilliger Qualität zum Industrie-Giganten entwickelt hat. Der freundschaftliche Spirit und die unbändige Freude, die man hier zu hören bekommt, erklärt vielleicht ein Stück weit, warum die Figuren aus dem Aardman-Universum immer wieder so treffsicher, lebensecht und plastisch wirken. Da steckt einfach verdammt viel Liebe drin. Mit der Gestaltung der „Badewannenjagd“ wird zudem eine der besten Szenen des Films dezidiert in ihrer Entstehung untersucht, ein weiteres Special beschäftigt sich allgemein mit der leider vom Aussterben bedrohten Stop-Motion-Technik. Nicht nur bloßes Infotainment, macht diese Kurzdoku doch auch klar, wieso eine solch originäre Kunstform unter keinen Umständen in Vergessenheit geraten darf. Die restlichen Extras bestehen aus kleinen Spielen, Trailern und anderem Kleinzeug.

GB & USA 2012 / Regie: Peter Lord,Jeff Newitt / 85 Min. / FSK: ab 6
Erscheinungstermin: 16.08.2012

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