Studieren mit Kind

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Roland Jenning studiert seit knapp vier Jahren an der RWTH Aachen Englisch und Geschichte. Sein Sohn ist jetzt 16 Monate alt und wurde mitten in Jennings Lehramtsstudium hineingeboren, mit Absicht. „Ich habe vergleichsweise spät mit dem Studium angefangen“, erzählt der 28-Jährige, „aber für mich war klar, dass meine private Entwicklung nicht hinter der beruflichen anstehen soll.“ Damit gehört Roland Jenning zu einer kleinen Gruppe von Exoten, denn – soweit offiziell bekannt – haben nur etwa fünf Prozent der Studierenden an der RWTH bereits Kinder.

Jennings Frau nahm nach einem Jahr Elternzeit ihre Berufstätigkeit wieder auf, so dass die Hauptbetreuungsverantwortung nun seit einigen Monaten bei ihm liegt: „Natürlich muss man das Studium mit Kind ganz anders organisieren. Ich habe weniger Seminare belegt und versuche, an den Vormittagen komplett für meinen Sohn da zu sein. Das bedeutet nicht nur, dass ich die Betreuungszeiten genau mit meiner Frau und meinen Schwiegereltern absprechen muss, das Studieren an sich verändert sich auch. Bevor unser Sohn auf der Welt war, habe ich zum Beispiel oft stundenlang in der Bibliothek gearbeitet. Ich hatte Zeit, spontan Themen zu vertiefen, die mir interessant erschienen, die aber nicht unbedingt prüfungsrelevant waren. Ich konnte auch mal zwischendurch mit Kommilitonen quatschen. Jetzt springe ich in die Bibliothek, kopiere schnell alles, was wichtig ist, und lese die Sachen zu Hause. Die Freiräume, die das Studieren einem üblicherweise lässt, füllt jetzt mein Sohn. Aber im Gegensatz zu vielen berufstätigen Eltern habe ich diese Freiräume eben auch und muss nicht zwischen Beruf und Familie wählen. Mein Lebensmittelpunkt hat sich allerdings verschoben. Hierdurch baut auch das studentische Netzwerk stark ab, in dem ich mich vorher bewegt habe. Privat kenne ich kaum andere studierende Eltern.“

Beruflich hat Roland Jenning hingegen sehr wohl mit Studierenden mit Kind zu tun, denn er arbeitet seit Längerem als studentische Hilfskraft im Familienservice der RWTH. Das bedeutet nicht nur, dass er bei seinen Vorgesetzten auf Verständnis stößt, wenn er seine Arbeitszeiten flexibel anpassen möchte, er ist auch hervorragend darüber informiert, wo er seinen Sohn im Notfall unterbringen könnte, wenn es doch einmal eng würde mit der privaten Betreuung. Im Familienservice finden Studierende und Hochschulangehörige nämlich nicht nur Beratung, sondern auch praktische Unterstützung. „Manchmal brauchen die Leute ganz kurzfristig Hilfe, weil sie nicht auf die üblichen Betreuungsangebote zurückgreifen können“, erklärt Jadranka Bozanovic, die hauptamtlich im Familienservice tätig ist und Studierende in allen Familienbelangen berät. „Das gilt gerade für die Randzeiten, in die universitäre Veranstaltungen oft fallen. Es steht eine Klausur an, aber der Babysitter fällt aus; ein Seminar liegt in einem Semester so ungünstig, dass der Studierende es wegen seiner Betreuungsaufgaben eigentlich gar nicht besuchen könnte; oder die Oma, die sich sonst um das Kind kümmert, wenn Mama zur Tagung fährt, wird krank. Wir sorgen dafür, dass das Kind auch in solchen Fällen gut betreut wird. Die Eltern müssen sich einfach nur bei uns melden“, so Jadranka Bozanovic. Das Ganze ist sogar kostenlos. Allerdings handelt es sich bei dem Service bislang um ein Pilotprojekt, dessen Zukunft ungewiss ist. Dabei sind nicht nur die Eltern von dem Angebot begeistert, sondern auch die Kinder: „Letztes Semester hatten wir einen Vater hier, der seinen zweieinhalbjährigen Sohn regelmäßig in einen unserer Eltern-Kind-Räume gebracht hat, während er in einer Vorlesung war“, erzählt Roland Jenning. „Der Sohn wurde dann von einer Babysitterin betreut, die selbst noch Studentin ist. Er hatte dabei solchen Spaß, dass er gar nicht mehr wegwollte. Manche Eltern haben uns gesagt, dass sie ohne die unbürokratischen Betreuungsangebote ihr Semester nicht geschafft hätten. Erschwerend kommt bei vielen Studierenden hinzu, dass sie fernab ihrer Heimat studieren und promovieren und deshalb am Hochschulort kaum familiäre Unterstützung haben.“ Bedarf zeichnet sich deutlich ab, obwohl sich das Angebot noch längst nicht bei allen potentiellen Nutzern herumgesprochen hat. Die Rückmeldungen sind durchweg positiv. Alle Beteiligten hoffen deshalb, dass das Projekt verstetigt wird. Der Familienservice hat aber neben der Akuthilfe bei Betreuungsengpässen auch noch eine Menge mehr zu bieten. Für Kinder zwischen sechs und zwölf Jahren werden kostengünstige Ferienfreizeiten organisiert, deren Zeiten sich mit gängigen Arbeitszeiten an vielen RWTH-Instituten decken. Eltern, die Schwierigkeiten haben, in den Ferien eine Betreuung zu organisieren, können die Kinder einfach vor Dienstbeginn „abgeben“ und nach Dienstschluss gemeinsam mit dem Kind nach Hause gehen. Außerdem betreibt der Familienservice nicht nur eigene Eltern-Kind-Räume, in denen Eltern ihre Kinder wickeln, beschäftigen und ggf. betreuuen lassen können, er unterstützt auch Institute, die selbst einen entsprechenden Raum für die Kinder ihrer Mitarbeiter einrichten möchten. Die Kernkompetenz des Familienservice-Teams ist aber die Beratung. Ob es um hochschulnahe Kitas und Betreuungsgruppen, Elterninitiativen, die Babyerstausstattung oder finanzielle Unterstützungsmöglichkeiten wie Bafög-Zuschläge und Sozialdarlehen geht: Jadranka Bozanovic und ihre Kolleginnen haben die passenden Informationen parat und vermitteln die Ratsuchenden ggf. an Ansprechpartnerinnen in AStA, Studentenwerk, Stadtverwaltung oder Hochschule weiter. „Wir arbeiten auch mit den FHs eng zusammen“, sagt Jadranka Bozanovic. Sie empfiehlt studierenden Eltern und Paaren in der Familienplanungsphase, so früh wie möglich Kontakt aufzunehmen: „Viele Studierende und Promovenden sind unsicher, ob sie die Elternschaft bei der RWTH melden müssen. Müssen sie nicht, aber es bringt einige Vorteile. Ab dem Wintersemester 2015 soll es eine Familienkarte geben, mit der Studierende mit Kind z. B. die Möglichkeit bekommen, günstigere Seminar-termine zu buchen. Auch Familienwohnungen in den Wohnheimen gibt es, das wissen aber viele nicht.“ Diejenigen, die noch unsicher sind, ob sie das Abenteuer Familie wagen sollen, wenden sich am häufigsten an den Familienservice, weil sie Angst davor haben, dass sich das Studium mit Kind zu sehr in die Länge ziehen könnte. Roland Jenning hat hierauf eine pragmatische Antwort: „Wenn man intensiv für sein Kind da sein möchte, muss man die Erwartungen an sich selbst zurückschrauben. Mein Sohn braucht präzise Abläufe, die manchmal schwer mit neuen Semesterplänen und sich verschiebenden Klausurterminen vereinbar sind. Aber es gibt auch viel Unterstützung. Und aus meiner Sicht ist es nicht tragisch, wenn ich etwas länger brauche für mein Studium. Ich bin völlig begeistert davon, Vater zu sein. Ich würde es immer wieder so machen.“ Das meint Roland Jenning ernst: Im November wird sein zweites Kind zur Welt kommen.

Ansprechpartner und Adressen:

Uni-übergreifend:

Das Studentenwerk Aachen ist für die Studierenden an den Aachener Hochschulen sowie am Forschungszentrum Jülich zuständig:
Studentenwerk Aachen
Pontwall 3, 52062 Aachen | 0241 80-93200

Das Studentenwerk betreibt mehrere Kindergärten und Krippen.
Informationen gibt es hier: kinder@stw.rwth-aachen.de
www.studentenwerk-aachen.de/de/kinderbetreuung.html
Außerdem können sich Studierende mit Kind für günstige Familienwohnungen in einem der Studentenwohnheime bewerben.
Informationen hat die Wohnheimverwaltung:
wohnen@studentenwerk-aachen.de
www.studentenwerk-aachen.de/de/wohnen.html

RWTH

Erste Anlaufstelle für studierende Eltern und Mitarbeiter an der RWTH ist der Familienservice. Die Mitarbeiterinnen bieten kompetente Beratung in allen Familienbelangen und vermitteln kurzfristig Betreuungsmöglichkeiten. Alle Informationen, auch die Adressen weiterer Stellen und Ansprechpartner, gibt es hier aus einer Hand:

Familienservice
Templergraben 92, 52056 Aachen
0241 80-93579
familienservice@rwth-aachen.de
www.rwth-aachen.de/familienservice/

Auch der AStA der RWTH bietet Studie-renden mit Kind eine Erstberatung an:

AStA – Allgemeiner Studierendenausschuss der RWTH
Aachen Pontwall 3, 52062 Aachen | 0241 80-93792
asta@asta.rwth-aachen.de
www.asta.rwth-aachen.de/de/studieren_mit_kind

Eine gute Anlaufstelle für Eltern, die auf der Suche nach Betreuungsmöglichkeiten für ihr Kleinkind sind, ist der Uni und Kind e. V. Die Elterninitiative betreibt mehrere Betreuungs- und Spielgruppen für Kinder zwischen einem und drei Jahren. Die aktive Mitarbeit der Eltern ist ausdrücklich erwünscht, damit das Angebot kostengünstig gehalten werden kann.

Uni und Kind e. V.
Augustinerbach 2a, 52062 Aachen
0241 80-97947
leitung@uni-und-kind.de
www.uni-und-kind.de

FH

Die Gleichstellungsstelle der FH Aachen unterstützt studierende Eltern mit Rat und Tat:
Robert-Schuman-Str. 51, 52066 Aachen
Raum 1040
www.fh-aachen.de/hochschule/gleichstellung/
Ansprechpartnerin ist die Gleichstellungs-beauftragte Judith Kürten:
kuerten@fh-aachen.de | 0241 6009-51629
Info-Flyer zum Thema Studieren mit Kind: www.fh-aachen.de/fileadmin/org/org_gleichstellung/Familiengerechte_Hochschule/Flyer_Studieren_mit_Kind.pdf

Der AStA der FH organisiert einen Elterntreff und berät studierende Eltern in Sachen Rechte, finanzielle Unterstützung und Kinderbetreuung.

AStA – Allgemeiner Studierendenausschuss der FH Aachen
Stephanstraße 58-62, 52064 Aachen
0241 6009-52807 | asta@fh-aachen.org
asta.fh-aachen.org/service/studieren-mit-kind/
Die Facebook- Gruppe „Studierende mit Kind an der FH Aachen – Wir Eltern an der FH“ dient dem Austausch von studierenden Eltern und Schwangeren. Auch hier steuert der AStA aktuelle Informationen bei: www.facebook.com/groups/1380900235551564/

KatHo

An der KatHo ist die Gleichstellungsstelle für Studierende mit Kind zuständig. An der KatHo gibt es spezielle Angebote für studierende Eltern; wenn andere Betreuungsmöglichkeiten ausfallen, können Kinder z. B. mit zu den Veranstaltungen gebracht werden. Außerdem gibt es ein eigenes Kindertagespflegemodell. Alle Fragen beantworten Nina Buschmeier vom Familienservice oder die Gleichstellungsbeauftragte Petra Ganß.

Nina Buschmeier, service.familie.aachen@katho-nrw.de
Petra Ganß, p.ganss@katho-nrw.de
0241 6000327
Robert-Schuman-Str. 25, 52066 Aachen
www.katho-nrw.de/aachen/hochschule/gleichstellung-familie-in-der-hochschule/

 

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