Offtime

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In einer leeren Lagerhalle hinter dem RE/CONNECT-Space auf der re:publica, der großen Bloggermesse in Berlin, treffe ich Michael Dettbarn. Denn hier ist es ruhig und wir können abschalten von „into the wild“ – wie das Motto der diesjährigen Veranstaltung lautet, zu der ca. 6000 Mitstreiter der digitalen Gesellschaft eingeladen sind.
Dettbarn und sein Kollege Alexander Steinhart haben mich am Vorabend angemailt und ein Treffen vorgeschlagen, denn sie möchten mir etwas vorstellen.
Eine App – was sonst.
Aber eine besondere App – eine, die einem dazu verhelfen soll, das zu schaffen, was fast unmöglich geworden zu sein scheint: abschalten.

Dettbarn erzählt von der Entstehung der Idee. Dem jungen Psychologen Alex Steinhart war alles zu viel geworden: Er fühlte sich „extrem vernetzt“ und sah nur noch einen Ausweg: Ganz raus aus der digitalen Gesellschaft und ab in die Ferne. Im Jemen entsagte er ein Jahr allen Ablenkungen. Als er jedoch zurück in Deutschland war, fiel er sofort in alte Verhaltensmuster zurück. Und das sogar schlimmer als zuvor.
Da war sie, die Idee: Es muss eine App her, egal wie ironisch der Gedanke anmuten mag – eine App, die einem per Programmierung dabei hilft, weniger erreichbar zu sein, aber doch nicht so ganz wenig …

Michael Dettbarn, Literaturwissenschaftler und Interfacedesigner, konnte den Grundgedanken sofort nachvollziehen. Erlebte er doch selbst nicht selten Szenen, wo er und seine Frau im Bett noch in Social Networks stöberten, statt sich zu unterhalten. Und auch auf dem Spielplatz mit dem zweijährigen Sohn funkte ständig irgendetwas dazwischen. Aber das Smartphone weglegen oder zu Hause lassen? Undenkbar – es könnte ja der eine wichtige Anruf dann doch verpasst werden.

Steinhart und Dettbarn wollten es also versuchen: Psychologe Steinhart verfügte zumindest über das nötige theoretische Wissen über Stresstheorien und Stressvermeidung und das richtige Abschalten. Darauf basierend wurde die App „Offtime“ entwickelt und in der ersten Phase durch Crowdfunding finanziert. Immerhin 17.000 Euro und 250 Unterstützer kamen zusammen, und eine Betaversion konnte bis 2013 entwickelt werden. Inzwischen gibt es sogar ein Stipendium, das die weitere Entwicklung mitträgt, und große Firmen haben angefragt, die die App für ihre Mitarbeiter oder Kunden sinnvoll finden.
Seit der re:publica ist „Offtime“ als Preview online und kann getestet werden. Der Zugang wird jedoch noch individuell verschickt.

Aber wie funktioniert die App denn nun und wovor schützt sie wirklich?

Dettbarn führt mir die Funktionalität vor. Es können verschiedene Offtime-Profile angelegt werden, denn jeder hat genaue Vorstellungen, was ihn am meisten stresst. Werden nur Apps ausgeschlossen, aber keine Telefonate? Oder die Social Networks oder nur ein Teil der Telefonate oder in jeder Situation, in der ich abschalten will, etwas anderes?
Und wie kann ich die Anwendung unterbrechen, wenn ich es nicht mehr aushalte und doch nicht 2 Stunden abschalten will, sondern nach 30 Minuten schon Sehnsucht nach meinen Freunden im Netz habe?
Da gibt es verschiedene Schwellen, die einen vor der einprogrammierten Zeit zurückkehren lassen: einfaches Anschalten, Einschalten mit Kabeleinstecken. Oder das Horrorszenario: GAR NICHTS. In diesem Fall bleibt der App-User wirklich EINEN TAG OFFLINE und kann nur die einprogrammierten Features nutzen. Aber keine Angst. Bevor das passiert und man versehentlich diesen Modus aktiviert, gibt es mehrere Warnmeldungen. Dettbarn wollte das so, nachdem er sich selbst schon einmal beim Testen einen Tags ins Off geschossen hatte.

Für wen ist „Offtime“ gedacht?

Die App ist für Erwachsene. Nicht etwa für Eltern, die den Konsum der Kids regulieren möchten. Das geht eher nach hinten los. Hier zählt die Vorbildfunktion: also selbst abschalten.
Gedacht haben Steinhart und Dettbarn an berufstätige Frauen, die viel arbeiten, aber dann auch Zeit mit der Familie oder für sich aktiv nutzen möchten. Oder aber an Väter, die ihre Vaterrolle ernst nehmen und aktiv mit den Sprösslingen etwas unternehmen möchten, ohne pausenlos vom Smartphone unterbrochen zu werden.
Michael Dettbarn testet die App natürlich auch selbst und sagt über sich: „Die App lässt mich öfter der sein, der ich eigentlich sein möchte.“
Darauf angesprochen, ob er dann nicht einfach auch das Smartphone mal liegen lassen kann, winkt er ungläubig ab. Nein, es könnte ja dann der wichtige Anruf kommen, etwa von der Ehefrau, die etwas braucht …
Letztlich bietet Offtime auch noch eine interessante Zusatzfunktion: Wer es über einen längeren Zeitraum benutzt, kann einiges über sich in Erfahrung bringen: Wie lang bin ich jeden Tag am Handy? Wie oft habe ich es nur mal kurz angeschaltet?
Wer die Zahlen sieht, entwickelt vielleicht sogar das Bedürfnis, noch mehr offline zu sein.

Zukunftsvisionen haben Dettbarn und Steinhart auch: So könnte noch eine Version folgen, die auch für den Rechner anwendbar ist und funktioniert, wenn das Smartphone per Kabel angeschlossen ist. Dann könnten sich auch hier störende Reize beispielsweise von Social Networks temporär ausschalten lassen.

Aber das ist Zukunftsmusik.
Der RE/CONNECT-Space auf der re:publica wurde auf jeden Fall rege angenommen. Hier konnte man seine Gedanken zum Thema „offline“ und „online“ auf Zettel schreiben und sich damit fotografieren lassen.
„Mal ein Buch lesen“ stand da zum Beispiel.
Vielleicht schafft ja der ein oder andere ab und zu den Ausstieg – mit Offtime oder sogar komplett. Temporär zumindest.

www.offtime.co

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