Mutter, Vater, (Pflege-)Kind

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In Aachen werden derzeit 208 Kinder vom Pflegekinderdienst der Stadt Aachen begleitet. KingKalli besuchte gemeinsam mit Edith Schiffler und Sylvia van Lier vom Fachbereich Kinder, Jugend und Schule die Pflegeeltern Monika* (46) und Valk Bringer (44), die neben Adoptivtochter Julia (6) auch den kleinen Mats (3) als Pflegekind bei sich aufgenommen haben.

„Papa, vorlesen!“ Der dreijährige Mats sitzt auf dem Schoß von Valk und möchte mit diesem weiter im Bilderbuch schmökern. Obwohl er Monika und Valk „Mama“ und „Papa“ nennt, „weiß er auch schon, dass er nicht in meinem Bauch groß geworden ist“, berichtet Monika. Neben seiner großen Schwester Julia hat er auch schon seine leibliche Schwester Anna (8) kennengelernt, die in einer anderen Pflegefamilie aufwächst.
Eine schwierige Familienkonstellation? „Überhaupt nicht“, beteuern Monika und Valk. Sie fühlen sich als Eltern der Kinder, machen keinen Unterschied zwischen Adoptivtochter und Pflegesohn.

„Wir haben so viel, was wir einem Kind geben können.“

Vor Jahren hatten sich Monika und Valk eigene Kinder gewünscht. Als das nicht klappt, lehnen sie einen medizinischen Weg ab und besuchen 2003 erstmals eine Infoveranstaltung für Pflegeeltern. Das erste Gespräch empfand vor allem Valk als ernüchternd: „Ich hatte das Gefühl, man stellt eine Dienstleistung zur Verfügung. Aber wir wollten eine Familie werden!“
Valk beängstigt damals auch der Gedanke, das Pflegekind könne wieder zurück in seine Ursprungsfamilie gehen. Eine Adoption erscheint ihm erstrebenswerter.
Als das Paar einige Zeit darauf eine Sendung über ein Kinderheim in St. Petersburg sieht, suchen sie direkt danach die Unterlagen heraus und beginnen den Antrag zu bearbeiten.
Valk: „Wir haben nicht gedacht ‚Wir WOLLEN ein Kind‘ sondern „Wir haben so viel, was wir einem Kind geben können!“
Nach einem halben Jahr sind die Unterlagen fertig und Monika und  Valk stellen sich auf eine längere Reise ein. Doch es soll anders kommen.
Die kleine Julia – zu diesem Zeitpunkt noch ungeboren – soll kurz darauf zur Adoption freigegeben werden.
Monika und Valk werden Eltern ihrer ersten Tochter.

Vorbereitung auf das Leben als Pflegeeltern

Als sie sich ein Geschwisterchen für Julia wünschen, will es diesmal nicht so schnell klappen.
Die Familie entscheidet sich, erneut Edith Schiffler vom Fachbereich Kinder, Jugend und Schule aufzusuchen, die sich um die Vermittlung von Pflegekindern kümmert. Ehepaar Bringer entscheidet sich, sich als „Langzeitpflegestelle“ zur Verfügung zu stellen.
Edith Schiffler: „In die Langzeitpflege kommen Kinder, bei denen die Wahrscheinlichkeit  in die Ursprungsfamilie zurückzugehen, gering ist.“
Edith Schiffler überprüft die Unterlagen der Bringers. Monika und Valk besuchen im Anschluss ein Seminar und werden für ihre Aufgabe geschult, denn alle Kinder, die zu Pflegeeltern kommen haben bereits einen, schwierigen Start ins Leben mitgemacht.

Der kleine Mats kommt als Kind einer drogenabhängigen Mutter selbst abhängig auf die Welt. Die ersten Wochen verbringt er auf Entzug im Krankenhaus, wird dann in eine Kurzzeitpflege vermittelt, bevor Familie Bringer für ihn gefunden wird.
Die Eltern von Monika Bringer, die mit der Familie in einem Haus leben und begeisterte Großeltern von Julia und Mats werden, sind zu diesem Zeitpunkt noch skeptisch. „Kinder, wollt ihr euch das wirklich antun?“, ist die erste Reaktion.
Ansonsten reagiert das Umfeld entspannt. Kein Wunder, Monika und Valk wirken souverän und fröhlich.

Unterstützung durch Pflegekinderdienst

Wenn es Probleme oder Fragen gibt, erhalten sie bis heute Unterstützung vom Fachbereich Kinder, Jugend und Schule. Sylvia van Lier steht der Familie als Ansprechpartner zur Seite, telefoniert regelmäßig mit der Familie und kommt auch zu Besuch.
Sie würde auch Treffen zwischen Mats leiblicher Mutter und den Pflegeeltern organisieren, denn „ein Pflegekind hat ein Recht auf Umgangskontakt“. Doch Mats Mutter hält den Kontakt nicht aufrecht.
Mit seinem Vormund müssen jedoch immer wieder Dinge wie Wahl des Kinderarztes oder Auslandsurlaube abgesprochen werden.
Die Unterstützung des Pflegekinderdienstes empfinden Bringers nach wie vor als angenehm. Fortbildungen zum Beispiel zum Thema Sprachentwicklung oder Kindheitstrauma nehmen sie gerne wahr. Auch den Kontakt zu anderen Familien mit Pflegekindern empfinden sie als Bereicherung. Natürlich werden sie auch beim Begegnungsfest im Juni dabei sein, wenn sich alle Pflegefamilien aus Aachen treffen können.

Für Tochter Julia besuchen Bringers auch die Treffen der Adoptiveltern.
Edith Schiffler möchte wissen, ob Valk Bringer seine Entscheidung für ein Pflegekind je bereut hat. „Natürlich nicht!“, bekräftigt der Vater. Seine Einstellung habe sich aber inzwischen verändert. Sollte sich abzeichnen, dass eine Rückführung in die Ursprungsfamilie das Beste für seinen Sohn sei, so könne er dies heute besser unterstützen, auch wenn es schmerzlich sei, aber es gehe schließlich um das Wohl des Kindes.

Der kleine Mats hat sein Bilderbuch zu Ende betrachtet. Nachdem er an alle Kekse verteilt hat, wird er nun von Monika auf der Schaukel angeschubst und schreit vergnügt „Weiterschaukeln, Mama!“

* Namen von der Redaktion geändert | Text: BF | Bild: Photocase

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Was ist ein Pflegekind?

Ein Pflegekind ist ein Kind, das aus unterschiedlichsten Gründen (z. B. Suchterkrankung der Eltern, minderjährige Eltern …) nicht zu Hause bei seinen Eltern leben kann und deshalb in einer anderen Familie aufwächst.

Was wird von Pflegeeltern erwartet?

Die familiäre Situation muss offengelegt werden
Das Einkommen muss sichergestellt sein
Keine Vorstrafen
Berufstätigkeit muss so ausgerichtet sein, dass in der Integrationszeit keine Drittbetreuung nötig ist
Die Eltern müssen gesund sein
Der Altersunterschied muss einem Eltern-Kind-Verhältnis entsprechen
Die Pflegefamilie muss die Herkunftsfamilie akzeptieren
Die Wohnverhältnisse müssen so sein, dass ein Kind aufgenommen werden kann

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