Säuglinge mit Regulationsstörungen: Interview mit Dr. Brit Steinau

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Von der Bedeutung eines guten Starts ins Leben, der Veränderung im Familienleben und der Definition von Regulationsstörungen

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Zusatzausbildung als Säuglings-, Kleinkind- und Elterntherapeutin zu machen? Was war der Auslöser?
Schon aus meinem beruflichen Kontext heraus interessieren mich Fragen rund um die Entwicklung und Entwicklungspsychologie. Unsere frühen Bindungserfahrungen sind dermaßen prägend, dass – je früher wir einer falsch laufenden Entwicklung entgegenwirken – wir auch zukünftigen psychischen Störungen vorbeugen können. Regulationsstörungen können Vorläufer für Verhaltensprobleme im späteren Kindesalter darstellen. Die Eltern-Kind-Beratung/Psychotherapie ist eine komplexe, herausfordernde Aufgabe und von wesentlicher Bedeutung für eine gesunde Entwicklung des Kindes und einer glücklichen Eltern-Kind-Verbindung. Ich habe 1993 angefangen in der Kinderklinik der RWTH Aachen zu arbeiten. Nach dieser Zeit an der Universitätsklinik habe ich mich im Jahr 2005 als Kinder- und Jugendärztin in eigener Praxis mit der zusätzlichen Qualifikation als Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche niedergelassen. Die kinderärztliche wie auch die psychotherapeutische Tätigkeit ergänzen sich wunderbar und sind für mich unzertrennlich.

Sie sind seit über 20 Jahren Kinderärztin. Welche Veränderungen stellen Sie beim Familienleben fest?
Die ganze Kindheit hat sich verändert. Demographisch und strukturell haben sich familiäre Lebensformen gewandelt. Erziehungsvorstellungen haben sich verändert. Gesellschaftliches Leistungsdenken und Perfektionismus greifen in die alltägliche Erziehungspraxis. Eltern haben Angst zu versagen, etwas falsch zu machen. Defizite in der Sozialisation der Kinder werden dann häufig einem elterlichen Versagen zugeschrieben. Das Eltern-Kind-Verhältnis ist emotionaler; zu den Kindern wird allzu oft ein partnerschaftliches Verhältnis gepflegt und es besteht eine Überbehütung. Natürliche Spielflächen weichen funktionsbezogenen Spielräumen, die von Erwachsenen kreiert und terminlich verwaltet werden. Zeiterfahrungen beschleunigen sich; Kinder werden mit verschiedensten Terminverpflichtungen verplant und erleben so das Gefühl, keine Zeit zu haben.
Die Spielewelt der Kinder unterliegt einer wahnsinnigen Vermarktung. Digitale Medien jeglicher Art haben sozialisierenden Charakter. Kinder konsumieren mehr, eigenständige Aktivitäten nehmen dadurch ab. Die Kinder machen weniger eigene Erfahrungen, sondern bekommen diese über Instanzen wie den Fernseher präsentiert.
Für Eltern wird es immer schwieriger, Berufstätigkeit und Familie unter einen Hut zu bekommen. Man hat das Gefühl, dass es zu einer Normierung von Kindheit und Erziehung kommt. Elterliche Intuition wird zunehmend verlernt und Verunsicherung tritt ein. Ja, familiäre Strukturen haben sich grundlegend geändert.
Die vielfältigen Möglichkeiten bieten aber auch große Chancen der Entfaltung und Bildung, wenn ausreichend Zeit und Raum für eine natürliche Entwicklung gegeben wird. In der Erziehung sollten Herz, Verstand und Hand (im Sinne von Bewegung und Aktivität) mitwirken.

Ihre Fortbildung bezieht sich auf den Bereich Säuglinge und Kleinkinder. Wie sieht es mit dieser Altersgruppe aus? Gibt es heute mehr Probleme oder wurde ihr früher weniger Aufmerksamkeit geschenkt?
Die Forschung im Bereich der Säuglingsentwicklung wurde intensiviert und die Säuglings-/Kleinkind-Elternberatung stellt ein junges Fachgebiet dar. Damit ergibt sich eine Vielzahl von neuen Informationen über Störungsbilder in dieser frühen Altersspanne. Psychische und körperliche Störungen können sich wechselseitig bedingen. Fütter-, Schlaf- und Essstörungen sind die am häufigsten anzutreffenden Störungsbilder und fallen unter den Sammelbegriff der Regulationsstörungen. Diese Störungen können vorübergehender Natur sein. Dauern sie allerdings an, so kann es zu einem Risiko in der weiteren Entwicklung des Kindes kommen. Bei uns in Deutschland wurde im Jahr 2004 in München die erste deutsche Sprechstunde für Schreibabys gegründet.

Sind Schreibabys erst in den letzten 20 Jahren aufgefallen oder ist man früher in der (Groß-)Familie selbstverständlicher mit ihnen umgegangen?
Die Regulationsstörungen wird es auch in der Großfamilie gegeben haben. Sicherlich wurden diese Störungen durch ein größeres Helfersystem und Netz aber besser abgefangen. Aber genau wie heute werden es diese Familien schwer gehabt haben, ein entsprechend umfassendes Hilfsangebot zur Verfügung gestellt zu bekommen.

Im Internet liest man oft von High-Need-Kindern. Hat dieser Begriff in der Medizin eine Bedeutung?
Der Begriff des High Need-Babys wurde von Prof. Sears ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um sehr betreuungsintensive, anstrengende, fordernde, hyperaktive, unzufriedene Kinder. Sie wollen oft gefüttert werden, erscheinen unberechenbar, wachen ständig auf und zeigen Probleme, sich selbst zu regulieren. Sie sind schlecht abzulegen und können sich nur schwer von der Bezugsperson trennen.
Ja, es gibt diese Kinder und sie stellen eine enorme Herausforderung für die Eltern dar und bringen diese an ihre äußersten Belastungsgrenzen. Es ist eine beschreibende Bezeichnung und sie findet nach Ausschluss von sämtlichen organischen oder psychischen Störungen ihren Niederschlag.
Für die Regulationsstörungen gibt es Diagnosekriterien. Der Begriff des High Need ist Beschreibung. Aber in der Tat kann ein High-Need-Baby eine Regulationsstörung aufweisen. Störungen des Schreiens, Fütterns und Schlafen sind in Deutschland unter dem Begriff der Regulationsstörung zusammengefasst worden.

Was raten Sie verzweifelten Eltern, die das Gefühl haben, dass etwas schiefläuft? Ab wann besteht Handlungsbedarf?
Eltern sollten sich, sobald sie das Gefühl haben, dass etwas nicht gut läuft, fachliche Hilfe und Unterstützung holen. Und dabei zählt das eigene subjektive Empfinden und Erleben! Ein Hilfsangebot ist auch in schwierigen Paar- und Familienkonstellationen sowie sonstigen Belastungen (finanzielle Schwierigkeiten, Krankheits- und Todesfälle in der Familie) aufzusuchen. Hierzu zählen ebenfalls komplizierte Schwangerschafts- und Geburtserfahrungen, Stimmungsschwankungen nach der Geburt und ein schwieriger Übergang von der Paarbeziehung zur Elternschaft.

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