„Heute Abend gibt’s Tomatensalat“ – Die Whatsapp-Familie

in Familienleben

Fluch oder Segen? Eltern mit Schulkindern kommen früher oder später nicht um die Auseinandersetzung mit WhatsApp und anderen sozialen Medien herum. Oftmals erlernen und erproben sie gemeinsam mit den Kindern den vernünftigen Umgang damit – skurrile, spaßige und peinliche Erlebnisse sind auf dem Weg zur WhatsApp-Familie inbegriffen.

Ich hatte mich wirklich lange gewehrt. Ich würde nicht jedem neuen Trend aufsitzen, SMS zu schreiben war schon eine Überwindung. Aber WhatsApp, Twitter, Instagram? – Brauche ich nicht! Das sahen andere anders. Beim ersten Mal noch freundlich, beim zweiten Mal schon angenervt wies mich der Fußballtrainer meines Sohnes darauf hin, dass es schon „hilfreich“ wäre, wenn ich in die Bambini-WhatsApp-Gruppe einstiege, ansonsten müsse er mich immer – als Einzige – gesondert über alles Trainingsrelevante informieren. Die Woche darauf hatte er das wohl vergessen, denn wir erschienen zum Training, obwohl es ausfiel …

Ich beugte mich dem Druck, denn auch Freunde und Bekannte reagierten günstigsterweise amüsiert über meine bisherige Ablehnung. Mit der Aufrüstung der Software öffnete sich mir eine neue, teils unbegreifliche Welt skurrilster Kommunikation: Eine Mama schreibt: „Nicolas kann heute nicht zum Training kommen, er ist krank.“ Ich empfange daraufhin – teils eine Sekunde nach der Krankheitsmeldung – sieben Mal „Gute Besserung“, drei Mal „Oje, was hat er denn?“, vier weinende Smiley-Gesichter, ein „Ui, euch hat’s aber dieses Jahr erwischt“ sowie zwei Mal „Na, dann haben wir das ja auch bald“, verbunden mit „Gute Besserung“ und weiteren weinenden Gesichtern. „Ich muss auch etwas schreiben“, denke ich mir, „sonst schlussfolgern doch alle, dass mir Nicolas’ Erkrankung egal ist und ich ihm nicht gute Besserung wünsche.“ Zwischenzeitlich bedankt sich Mama 1 für die Mitleidsbekundungen, diskutiert mit dreien die beste Behandlung, während zwei Teilnehmer mögliche Ursachen erörtern, untermalt von Fotos mit den verwendeten Globuli. Innerhalb einer Stunde erhalte ich so 63 Nachrichten. Und das ist nur der Bambini-Chat; der Chat der E-Jugend meines großen Sohnes sowie der Chat der Handball-Minis kommen noch dazu.
Trotz meiner Skepsis kann ich nicht verhehlen, dass die Nutzung von WhatsApp sehr praktische, zum Teil höchst faszinierende Effekte mit sich bringt, sei es zwischen Familienmitgliedern, sei es im Umgang mit Freunden und Bekannten. „Was soll ich einkaufen?“, schreibt der Mann, flugs wird der Einkaufszettel abfotografiert und übermittelt. „Bin gerade bei Ikea, was hältst du von diesen Türgriffen?“, Foto folgt. Nach dem Fußballtraining hat der Trainer einen einsamen Schienbeinschoner gefunden – wem gehört der? Foto anbei. Sofort klärt sich, wer hier was vergessen hat. Das ist genial, es spart Zeit und Ärger. Und wenn der eigene Sohn zehn Herzchen schickt, ja dann … Auch das Einrichten von Gruppen ist an sich an Praktikabilität nicht zu überbieten, wenn die Mitgliedschaft auch zum Teil fremdbestimmt ist. Plötzlich erfahre ich, dass ich ungefragt der Gruppe „Jonas hat Geburtstag“ beigefügt worden bin und der Kurzurlaub mit der befreundeten Familie unter „Sylt, wir kommen“ organisiert wird. Natürlich könnte ich mich wieder abmelden, aber dieses „… hat die Gruppe verlassen“ wirkt immer irgendwie unhöflich, ein Unterton von „Ich habe keinen Bock auf euch“ schwingt da mit. Also bleibe ich, bin über alle Eventualitäten bestens informiert, gerate aber auch immer wieder an meine Grenzen ob inflationären Emoji-Gebrauchs mancher Gruppenmitglieder. In so mancher Kindergeburtstagsgruppe wird übrigens einfach ein Amazon-Link gesendet, fürs Geschenk. Na ja.

In regelmäßigen Abständen checke ich übrigens inzwischen ganz gern mal die Profilbilder meiner WhatsApp-Kontakte. Diese kleinen Bildchen sagen sooo viel über den jeweiligen Nutzer aus! Sie zeigen auf einfache Weise, ob jemand ein eitler Fatzke ist, ob er versucht, witzig zu sein, es ihm aber einfach nicht gelingt, ob er tatsächlich witzig ist oder langweilig, wie wichtig er soziale Medien findet und vieles mehr. Manche wechseln ihr Profilbild fast täglich, manche nie, manche haben gar keins. Schaut her, ich bin im Urlaub, hier ist das teure Flugticket, ich hab ne neue Freundin, seht –
meine supertollen Kinder. All diese Infos bekomme ich kostenlos, ungefragt und bei neuen Kontakten sogar von Leuten, die ich noch gar nicht kenne (siehe oben, ich habe jetzt die Kontakte von allen Handballeltern, die ich live noch nie gesehen habe). Manchmal ist es mir ein wenig unangenehm, über das Profilbild Einblicke in das Privatleben von oberflächlichen Bekanntschaften zu erhalten – da ist das Wohnzimmer der Familie zu sehen oder ich sehe die Kinder, wie sie im elterlichen Bett kuscheln. Manchmal ist das Profilbild aber auch ein netter Anknüpfungspunkt für ein erstes Gespräch – der Regenbogen von gestern Abend, die Heimatstadt unter einem besonderen Blickwinkel, ein altes Plattencover zum Tod eines Popstars …
Dass die Kommunikation über soziale Medien ihre Vor- und Nachteile hat, kann Christiane Henne-boel, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin, jedenfalls nur bestätigen. Sie ist davon überzeugt, dass ein eigenes Smartphone Kinder im Alter von zehn bis 13 Jahren überfordert, wenn sie freien Umgang damit haben. „Kinder sind dann zu wenig mit sich allein, eine Auseinandersetzung mit sich selbst findet nicht statt“, betont sie. Aus ihrer Praxis berichtet sie, dass viele Jugendliche sehr unruhig werden, wenn sie auf WhatsApp nicht sofort eine Antwort auf eine Frage bekommen. „Das Selbstbewusstsein leidet, Eifersucht und Kon-trollgedanken machen sich breit. Hinzu kommt die permanente Angst, etwas nicht mitzubekommen, außen vor zu sein, sodass sie ständig online bleiben. Eine ‚Handyauszeit‘ wird als Qual empfunden.“ Ein Jugendlicher habe das in einer Therapie sehr treffend beschrieben: „Stets online zu sein ist, als wenn ich auf einem Marktplatz wohnen würde und immer die Haustür offen stehen hätte … Ich schaffe es aber nicht, sie mal abzuschließen, weil ich Angst habe, etwas zu verpassen.“ Die erfahrene Therapeutin stellt aber gleichzeitig klar, dass in Zeiten von WhatsApp viel weniger Jugendliche Ärger haben, weil sie wegen hoher Telefonrechnungen verschuldet sind. „WhatsApp ist kostenlos und unkompliziert“, betont sie. „Außerdem hat es einen hohen Spaßfaktor, besonders in Gruppen; man kann lustige Dinge mit Freunden gleichzeitig teilen, das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl.“ Dieser Spaß hat allerdings ein sofortiges Ende, wenn er auf Kosten Dritter stattfindet. Aber das ist ein anderes Thema.
Das Fazit lautet also, dass wir WhatsApp und Co. kaum ausweichen können und diese Kommunikationsformen – bei vernünftigem Umgang damit – auch viele Vorteile mit sich bringen. Erinnern wir uns, dass Telefon und Fernsehen in den jeweiligen Anfängen auch im Verdacht standen, des Teufels zu sein und den Weltuntergang einzuleiten!

Text: Patricia Stelzer

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