Heimliche Entbindung: Fragen zur anonymen und vertraulichen Geburt

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Seit Anfang Mai ist das neue Gesetz zum Ausbau der Hilfen für Schwangere und zur Regelung der vertraulichen Geburt in Kraft. Es soll Frauen eine rechtsverbindliche Möglichkeit eröffnen, ein Kind unter fachlicher Begleitung zu gebären, ohne ihre Identität preiszugeben.

Das Problem, auf das die Gesetzesgeber mit der neuen Regelung antworten, ist alt: In allen Epochen, Kulturen und Ländern gab es Frauen, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen gezwungen sahen, eine Schwangerschaft zu verheimlichen. Die bekannteste Betroffene in der Literatur ist vermutlich Goethes Gretchen, das, von Faust verführt und geschwängert, keinen anderen Ausweg sieht, als ihr neugeborenes Kind zu ertränken. Un- oder außereheliche Empfängnis, finanzieller, sozialer, religiöser oder familiärer Druck, fehlende Unterstützung durch den Partner, psychische Probleme, ein ungeklärter Aufenthaltsstatus, Überforderung, rationale wie irrationale Ängste – so verschieden die Beweggründe auch sein mögen, eine Schwangerschaft nicht zu offenbaren, eines ist den betroffenen Frauen gemeinsam: Sie alle befinden sich in einer akuten Notsituation, die sie ohne fremde Hilfe durchstehen zu müssen glauben. Fast so alt wie die Nöte der Frauen sind die Lösungsversuche, mit denen sie sich aus ihrer Bedrängnis zu befreien suchen; Neugeborene werden ausgesetzt, anonym abgegeben und leider immer wieder auch aus Panik und Hilflosigkeit heraus getötet. In Deutschland werden jedes Jahr zwischen 30 und 40 ausgesetzte Säuglinge aufgefunden – tote und lebende.

Um den Müttern Alternativen zu kindeswohlgefährdenden Kurzschlussreaktionen zu eröffnen, werden in der BRD schon seit dem Jahr 1999 verschiedene Möglichkeiten angeboten, anonym zu gebären oder ein Neugeborenes unerkannt abzugeben. Mütter, die ihr Kind ohne fachliche Hilfe zur Welt gebracht haben, stehen im Wesentlichen zwei Möglichkeiten offen: Neben den weithin bekannten Babyklappen gibt es die wenig bekannte Option, das Kind bei einer sogenannten „Arm-zu-Arm-Übergabe“ dem Mitarbeiter einer Hilfseinrichtung zu überantworten. Das Treffen mit dem Mitarbeiter erfolgt zumeist nach einem telefonischen Kontakt. Die anonyme Geburt hingegen ermöglicht Frauen, in der Schwangerschaft und bei der Entbindung Unterstützung in einem Krankenhaus bzw. bei einer Hebamme in Anspruch zu nehmen, ohne ihre Personen- oder Kontaktdaten anzugeben. So soll verhindert werden, dass Mutter und Kind durch Schwangerschaftskomplikationen oder Probleme während der Entbindung in eine gesundheitlich bedrohliche Situation geraten. Zumeist geht einer solchen Geburt die ebenfalls anonyme Beratung in einer Schwangerschaftsberatungsstelle voraus. Die anonym geborenen bzw. abgegebenen Kinder werden zur Adoption freigegeben.

Allerdings ist der rechtliche Rahmen der anonymen Geburt bzw. Abgabe 14 Jahre nach ihrer Einrichtung immer noch ungeklärt. Je nach Auslegung des Personenstandsgesetzes macht sich die Mutter strafbar, wenn sie die Geburt nicht offiziell meldet (und damit zwangsläufig ihre Identität preisgibt), und auch das Sorge- und Umgangsrecht des Vaters wird natürlich verletzt. Kritiker bemängeln außerdem, dass den abgegebenen Kindern prinzipiell die Möglichkeit verwehrt wird, ihre Herkunft zu entschlüsseln – ein Problem, unter dem viele adoptierte Kinder extrem leiden. Durch das neues Gesetz, das seit dem 1. Mail 2014 gültig ist, soll zu den bisherigen Optionen eine rechtlich sichere Variante hinzukommen. Das neue Gesetz bekräftigt nämlich nicht nur den Rechtsanspruch von Schwangeren auf eine qualifizierte anonyme Beratung und schafft die Grundlage für neue Hilfsangebote (gebührenfreies Hilfetelefon und Online-Angebot, siehe unten), es definiert auch die sogenannte „vertrauliche Geburt“.

Die vertrauliche Geburt ist eine Art Kompromiss zwischen dem Wunsch der Mutter nach Anonymität, ihrem Anspruch auf qualifizierte Begleitung und dem Recht des Kindes darauf, ihre Abstammung zu klären. Bei einer vertraulichen Geburt werden die persönlichen Daten der Schwangeren von einer Beraterin unter Schweigepflicht aufgenommen, sofort versiegelt und anschließend beim Bundesamt für Familie verwahrt. Die Frau bringt ihr Kind dann unter einem Pseudonym in der Obhut von Geburtshelfern zur Welt. Die Mutter wird umfassend über all ihre Möglichkeiten aufgeklärt, kann sich auch nach der Entbindung weiterhin anonym beraten lassen und sogar den Vornamen ihres Kindes selbst bestimmen. Er wird von der Beratungsstelle an das zuständige Standesamt weitergeleitet. Erst nach 16 Jahren kann das Kind, wenn es möchte, die Identität seiner Mutter erfragen, sofern nicht berechtigte Gründe der Mutter dagegen sprechen.

Das gebührenfreie 24-Stunden-Telefon des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ist unter 0800 4040020 zu erreichen. Die Beratung erfolgt anonym.

Auf der Seite www.geburt-vertraulich.de finden Schwangere Informationen, Kontaktadressen und eine Beratungsstellensuche.

In Aachen bieten Donum Vitae, der Caritasverband und Pro Familia anonyme Schwangerschaftsberatung an.

Babyklappen:

Das Marienhospital in Aachen bietet sowohl vertrauliche als auch anonyme Geburten an. Das Krankenhaus betreibt außerdem eine Babyklappe.
www.marienhospital.de

In Düren-Birkesdorf gibt es eine Babyklappe am St. Marien-Hospital:.

St. Marien-Hospital
Hospitalstraße 44
52353 Düren
Babyfenster an der Kinderklinik (Akazienstraße)
www.marien-hospital-dueren.de

Übersicht über die Babyklappen in Deutschland: www.sternipark.de/fileadmin/content/Babyklappen_in_Deutschland.pdf

Weitere Infos:

Broschüre zur vertraulichen Geburt vom Bundesministerium: www.bmfsfj.de
Informationen zu den Gesetzeskernpunkten: www.bmfsfj.de
Downloadbereich des Forschungsprojekts „Anonyme Geburt und Babyklappen in Deutschland – Fallzahlen, Angebote, Kontexte“: www.dji.de

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