Heidi erobert erneut die Kinoleinwand

in Filmarchiv, Im Kino

Eine Inhaltsangabe des Films zu liefern, erscheint beinahe überflüssig. Fast jeder kennt irgendeine Fassung von Heidi. Der heutigen Elterngeneration hierzulande dürfte die japanische Zeichentrickserie aus den 1970er Jahren wohl am besten bekannt sein, deren Kindern der gerade erfolgte Relaunch als 3D-Computer-Animation.
Nun hat sich ein schweizerisch-deutsches Filmemacherteam an eine neue Spielfilmfassung gewagt und ist dabei sehr dicht bei den Romanvorlagen von Johanna Spyri aus den Jahren 1880 und 1881 geblieben. Hochkarätig besetzt (unter anderem mit Schauspiellegende Bruno Ganz als Almöhi) kommt Heidi am 10. Dezember in die Kinos.
Der Film geht ans Herz, enthält aber auch eine Prise Komik, und mit enorm viel Aufwand wurde die perfekte Illusion einer längst vergangenen Zeit geschaffen – großes Kino ohne Altersbeschränkung (nein, auch nicht nach oben).
Wir haben Regisseur Alain Gsponer, der zehnjährigen Heidi-Hauptdarstellerin Anuk Steffen und Katharina Schüttler, die das gestrenge Fräulein Rottenmeier spielt, einige Fragen gestellt.

Für heutige Kinder, die täglich mit elektronischen Medien umgehen und beinahe schon nach Terminkalendern leben, erscheint das Leben der Menschen vor etwa 150 Jahren unglaublich weit weg. Was glauben Sie, werden heutige Kinder von ihrem Kinobesuch für sich mitnehmen?
Alain Gsponer: Das Leben ist sicher komplett anders als vor 150 Jahren. Aber die Konflikte sind durchaus ähnlich. Das Gefühl, verlassen zu werden und nicht zu wissen, wo man hingehört, ist heute noch genauso präsent wie seinerzeit. Ob es um ein Scheidungskind geht oder um ein Waisenkind, was heute durch die veränderte Sterblichkeit sicher seltener ist, sind doch ähnliche Konflikte und ähnliche Gefühle im Spiel. So ist die Geschichte durchaus aktuell.

Worin liegt für Sie die universelle Botschaft des Films an Kinder und Erwachsene? Oder anders gefragt: Warum sollte sich jeder den Film ansehen?
Katharina Schüttler: In der Vorbereitung für den Film sprach ich zufällig bei einer Familienfeier mit einem 16-jährigen Mädchen aus Costa Rica, die als Austauschschülerin bei Verwandten war. Als sie hörte, dass ich Fräulein Rottenmeier spielen würde, war sie völlig aus dem Häuschen: Sie hatte bei ihrer Oma als Kind jeden Tag eine alte Schwarz-Weiß- Verfilmung von „Heidi“ gesehen, da es der Lieblingsfilm ihrer Oma gewesen war. Dass nun leibhaftig „Signorina Rottenmaria“ vor ihr stand, konnte sie kaum glauben. In dem Moment wurde mir bewusst, wie universell die Geschichte von Heidi ist, dass sie in Costa Rica die Menschen ebenso ins Herz trifft wie bei uns und vermutlich überall in der Welt.
Als ich das Drehbuch las, hat es mich, obwohl ich die Geschichte sehr gut kannte, zu Tränen gerührt. Heidi hat eine Herzqualität, die einfach ansteckend ist. Sie hat eine Kraft und eine Liebe, die sich überträgt. Die Geschichte lässt einen fühlen, und ich glaube man geht ein Stückchen mutiger und zuversichtlicher und fröhlicher aus dem Kino.

Auch „Lernen“ ist ja ein zentrales Thema der Geschichte von Heidi. Anuk, was hast du während der Arbeiten an dem Film gelernt?
Anuk Steffen: Wie ich traurige Gefühle spielen kann und im nächsten Moment wieder fröhliche Gefühle. Dass das Drehen „Drehen“ heißt, weil man früher von Hand beim Filmen die Kurbel gedreht hat. Dass der Regisseur nicht bloß mit einem Megafon hoch oben auf einem Stuhl sitzt mit einem Drink mit Eiswürfeln drin, sondern dass er ganz nah bei der gerade gedrehten Szene und bei den Schauspielen ist und meist nur Wasser trinkt und vieles mehr.

Was glauben Sie: Werden es mehr die Eltern sein, die ja auch mit Heidi aufgewachsen sind, die ihre Kinder ins Kino schleppen, oder werden die Kinder ihre Eltern überzeugen (müssen), sich den Film anzusehen?
Alain Gsponer: Es wird sicher beides der Fall sein. Die Kinder heute kennen Heidi durch die Zeichentrickserie und deren Relaunch. Aber wir merken auch, dass es eine sehr starke Sehnsucht der Eltern gibt, den Film zu sehen. Und es ist so, dass Eltern und Großeltern sich freuen, einen Film zu haben, den sie sich gemeinsam mit Kindern anschauen können.

Das Fräulein Rottenmeier ist nicht unbedingt eine der sympathischen Figuren des Films, vielleicht diejenige, in die man sich am schwierigsten hineinversetzen kann. Wie haben Sie sich der Figur genähert?
Katharina Schüttler: Abgesehen von dem großen Respekt, den ich vor der Aufgabe hatte, Fräulein Rottenmeier zu porträtieren, habe ich mich ihr genähert wie allen anderen Figuren auch. Es war mir wichtig, keine Karikatur zu spielen, sondern einen Menschen, der Ängste hat wie alle anderen auch und der stets bemüht ist, das Richtige zu tun. Von außen betrachtet mag Fräulein Rottenmeier „böse“ und „kalt“ erscheinen, aber sie handelt immer nach ihrem besten Wissen, so wie sie glaubt, dass es gut und richtig ist und der einzige Weg, Kinder zu guten Erwachsenen zu erziehen. Es ist mir anfänglich nicht leicht gefallen, meinen gewohnten, wertenden Blick von außen auf sie, meine über viele Jahre gewachsene Meinung über das „böse“ Fräulein Rottenmeier abzulegen und einen Schlüssel zum Menschen in ihr zu finden. Bei alledem war mir natürlich bewusst, dass Fräulein Rottenmeier durchaus auch eine Figur in der Geschichte ist, über die Kinder gerne lachen wollen.
Anuk: Bei den Filmaufnahmen hast du deinen Text in deinem muttersprachlichen Schweizer Dialekt gesprochen. Damit auch die kleinen und großen Zuschauer in Deutschland alles verstehen, wurdest du zu deiner eigenen hochdeutschen Synchronstimme. War das schwierig? Und wenn du nun die Synchronfassung anschaust: Ist das ein bisschen komisch? Wie fühlt es sich an?
Anuk Steffen: Manche Szenen waren schwierig, zum Beispiel eine Szene, wo ich mit dem Geißenpeter auf den Berg gehe, manche aber auch nicht. Den ganzen Film am Stück habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, aber die Szenen verstückelt. Und mich da zu sehen bzw. zu hören war schon etwas komisch.

Etwas, das unsere kleinen Leser sicher wissen wollen: Wie funktionierte die Arbeit mit den Ziegen? Die haben ja sicher nicht immer auf Ihre Regieanweisungen „gehört“.
Alain Gsponer: Das war ein ganz schwieriges Unterfangen! Ziegen haben einen natürlichen Rhythmus. Sie wollen morgens den Berg hoch. Tagsüber wollen sie fressen, sich hinlegen und wiederkäuen. Und abends wollen sie runter. Aber ein Drehplan ist komplett anders. Den Almaufzug will man womöglich am Nachmittag drehen. Aber da wollen sie grad wiederkäuen und bestimmt nicht mitkommen. Man muss sie dann richtig antreiben, damit sie tun, was sie sollen. Und später, abends, da wollen sie halt einfach runter und man kriegt sie absolut nicht den Berg hoch. Wir hatten mehrere Hirten, die uns dann immer geholfen haben. Sonst wäre es gar nicht gegangen.

Heidi
Nach den Romanen von Johanna Spyri
FSK: 0
Prädikat „besonders wertvoll“: der Deutschen Film- und Medienbewertung (FBW)
Regie: Alain Gsponer
Drehbuch: Petra Volpe
Darsteller: Anuk Steffen (Heidi), Bruno Ganz (Almöhi), Isabelle Ottmann (Klara), Quirin Agrippi (Geißenpeter), Katharina Schüttler (Fräulein Rottenmeier), Hannelore Hoger (Großmama Sesemann), Maxim Mehmet (Herr Sesemann), Peter Lohmeyer (Sebastian), Jella Haase (Tinette), u. v. a.
Kinostart: 10. Dezember 2015

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