Hasi verloren: Die ungewöhnliche Reise des Lars von Walheim

in Familienleben, Lost and Found

An einem frostigen – dennoch sonnigen – Februartag im Jahre 1998 spazierte ich mit meiner Tochter Cynthia, damals 3 Jahre alt, durch Walheim. Wir stiegen in die Linie 166, die uns in die Aachener City fuhr. Ganz unbemerkt stahl sich der Lieblingskuschelhase der kleinen Cynni aus dem Buggy, was uns erst abends beim Zubettgehen auffiel … Was für ein Drama der Verlust des liebsten Schnuffeltieres auszulösen vermag, weiß eine jede Mutter/ein jeder Vater, Töchter und Söhne, denen bereits gleiches widerfahren ist. Nur, mir stellte sich gleich die Frage: Wer leidet mehr? Die Mutter oder das Kind?
Die Frage klärte sich am nächsten Morgen: ICH litt mehr unter dem Verlust des durchgeliebten Mümmelmanns …! Schnell griff ich zu Papier und Stift und malte den Hasen Lars, so gut es ging, in seinen Umrissen aufs Blatt, textete dick und fett in großen Lettern W A N T E D obendrauf, Telefonnummer unten drunter, vervielfältigte es, tütete es in Prospekthüllen und hängte es in den damals noch einzigen Supermarkt des Ortes sowie an die ortsdurchgängige Straßenbeleuchtung, bis hin zur Bushaltestelle, wo sich die Spur des Meister Lampe auf schier seltsame Art und Weise verlor … doch nichts geschah. Eine Woche zog ins Land, die Hoffnung war groß, dass er gefunden würde, die zweite Woche zog ins Land, die Sehnsucht wuchs so, dass ich mich, um die Trauer (meine Trauer) zu überwinden, dazu durchrang, den auf dem Bild gut erhaltenen, da weniger geliebten Ersatz-Lars rauszuholen … Doch dieser wurde von Cynni mit Missachtung gestraft. Nichts und niemand hätte ihr das wohlige Gefühl der Nähe beim Zubettgehen ersetzen können – niemand –, und so verging Woche um Woche und so kam es, dass der damals noch sogenannte Kindergarten des Nachbarortes Kornelimünster einen Kuscheltiertag abhielt. Cynni nahm also mangels Original ihren Ersatz-Lars mit in die KiTa. Was dann geschah, man glaubt es kaum: Ein Mädchen aus Cynthias Gruppe erzählte ihr freudestrahlend, dass sie auch einen solchen Hasen, der allerdings längst nicht so schön sei wie der von Cynni, zu Hause habe, dass sie ihn eines Tages einsam und verlassen in der Kälte mit ihrer Mama an einem Bushäuschen gefunden habe und ihn – damit er nicht frieren musste – zu sich mit nach Hause genommen hatte.  Ich hatte in den 1,5 Jahren seiner Reise die Hoffnung nie aufgegeben, dass er sicher, wenn er mehr von der Welt gesehen hätte, wieder zu uns zurückkehren würde. Diese Geschichte, wie Lars wohl gerade lecker speist oder sich sonnt,s hatte ich meiner Tochter oft erzählt und dabei auf seine Heimkehr gehofft.
Und siehe da: Man sollte die Hoffnung eben nie aufgeben, scheint die Situation auch noch so aussichtslos!

von Sissy de Vollville aus KingKalli April/Mai 2012, Ausgabe 51

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