Girls only? Getrennter Unterricht von Mädchen und Jungen in Aachen

in Familienpolitik

Weniger als ein Prozent der Schulen in NRW unterrichten monoedukativ, das heißt als reine Jungen- oder reine Mädchenschulen. Während es in Aachen mit dem St.-Ursula-Gymnasium noch eine reine Mädchenschule gibt, nehmen die Domsingschule und das Pius-Gymnasium inzwischen auch Mädchen auf. Julia Turchenko hat bei den Schulleitungen nach den Gründen gefragt.

+Der gemeinsame Unterricht von Mädchen und Jungen hat sich in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg flächendeckend durchgesetzt und ist spätestens seit den 1970er Jahren die Regel. Die meisten Eltern kennen aus eigener Erfahrung kein anderes System und kämen nie auf den Gedanken, ihre Kinder an einer Schule anzumelden, in der nach Geschlechtern getrennt unterrichtet wird. In Aachen gibt es aber bis heute zwei Schulen, die nach wie vor nach diesem System arbeiten und auch gar nicht vorhaben, das zu ändern: An der Domsingschule werden Mädchen und Jungen in getrennten Klassen unterrichtet, und das St.-Ursula-Gymnasium nimmt seit seiner Gründung vor über 150 Jahren nur Mädchen auf.
Koedukation hat im Elementarbereich eine lange Tradition: Bereits im 19. Jahrhundert war der geschlechtergemischte Unterricht an Grundschulen weit verbreitet, jedoch weniger aus pädagogischen als aus praktischen Gründen: Oftmals gab es – vor allem auf dem Land – nur einen Lehrer, der notgedrungen Jungen und Mädchen aller Altersstufen in einem Raum unterrichtete. An weiterführenden Schulen herrschte jedoch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine strikte Geschlechtertrennung. Diese wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg schrittweise aufgelöst.

Für viele Eltern ist das störungsfreie Lernen ein wichtiges Argument, ihre Töchter an St. Ursula anzumelden.

Die Öffnung der weiterführenden Schulen für Mädchen führte erstmals auch zu gleichen Lehrplänen für beide Geschlechter – ein wichtiger Schritt in Richtung gleichberechtigter Bildungschancen. Trotzdem entstanden immer wieder gesellschaftliche Debatten darüber, ob der gemeinsame Unterricht denn auch tatsächlich zu ähnlich guten Lernbedingungen für beide Geschlechter führt.
In den 1980er Jahren ergaben Studien, dass Mädchen im koedukativen System deutlich schlechter abschnitten als Jungen. Die Emma titelte damals plakativ: „Macht Koedukation Mädchen dumm?“ In jüngerer Zeit liegt der Fokus eher auf den Jungen, die inzwischen von den Mädchen im Bezug auf gute Noten und Abschlüsse überholt wurden.

Trotz aller Diskussion hat sich jedoch nichts daran geändert, dass an staatlichen Schulen Mädchen und Jungen grundsätzlich gemeinsam unterrichtet werden. Vielmehr geht man heute mehrheitlich davon aus, dass Geschlecht nur ein Merkmal unter vielen ist, das sich auf die Bildungschancen und Lebensläufe von Kindern auswirkt. Andere Faktoren wie Bildungsnähe, soziale Herkunft oder Migrationshintergrund haben mindestens ebenso großen Einfluss auf den Lernerfolg. In Zahlen ausgedrückt unterrichten weniger als ein Prozent der fast 6.000 nordrhein-westfälischen Schulen monoedukativ, die meisten davon in katholischer Trägerschaft.

Ist also nur die traditionelle Einstellung der kirchlichen Träger der Grund, dass es solche Schulen überhaupt noch gibt? Patrick Biemans, Rektor des St.-Ursula-Gymnasiums, hält das für wenig wahrscheinlich. Eine gewisse Sturheit der Ordensschwestern habe wohl durchaus dazu beigetragen, dass die Ursulinerinnen an ihrem Konzept festhielten, als in den 70er Jahren die flächendeckende Koedukation eingeführt wurde. Damals gab es keine wissenschaftliche Grundlage für oder gegen die jeweilige Unterrichtsform. Heute ist nicht mehr der Orden Träger der Schule, sondern eine Stiftung. Es wäre also möglich, sie für Jungen zu öffnen. Das steht am St.-Ursula-Gymnasium aber nicht zur Debatte, denn Biemans ist überzeugt: „Wir haben gute Gründe!“

Ein wichtiger Punkt ist für ihn die lernpsychologische Herangehensweise, die bei Mädchen und Jungs verschieden sei. Mädchen eigneten sich etwa naturwissenschaftliche Themen stärker über Sprache an, als Jungs das tun. Als Lehrer in einer Mädchenklasse passe man sich automatisch daran an, was zu guten Erfolgen und einer ruhigen Lernatmosphäre führe.
Auch Erprobungsstufenkoordinatorin Kallhof betont die Bedeutung der besonderen Atmosphäre an der Mädchenschule. Viele Eltern kämen mit Vorurteilen zu den Infotagen, die für neue Schülerinnen angeboten werden. Ob die Mädchen denn überhaupt einen normalen Umgang mit Jungen lernen würden, fragen sich einige. Oder ob da nicht ständig rumgezickt werde. Die meisten ließen sich aber schnell überzeugen, dass es sich hier um eine ganz normale, weltoffene Schule handle. Mit dem einzigen Unterschied, dass es hier nur Schülerinnen gibt.
„Von der guten Stimmung im Unterricht und vom Selbstbewusstsein der Mädchen sind die meisten  sofort begeistert“, so Kallhof.
Für viele Eltern ist das störungsfreie Lernen ein wichtiges Argument, ihre Töchter an St. Ursula anzumelden. Im koedukativen Unterricht würden Mädchen doch oft als Sozialpuffer zwischen den wilden Jungen eingesetzt, meint Biemans. „Bei uns können sie einfach lernen.“ Und sie müssen auch in Aktion treten, ohne sich hinter den Jungs verstecken zu können. Von den Eltern wird das vor allem bei schüchternen Mädchen als Vorteil gesehen, es gelte aber im Grunde für alle. Biemans ist überzeugt, dass daher viele Schülerinnen an dem Mädchengymnasium ein gutes Abitur machen, die an anderen Schulen nicht zurecht- kämen: „Der größte Gefallen, den wir den Mädchen hier tun ist es, sie nicht in ihren Chancen zu beschneiden.“

Wenn Mädchen also so sehr von den Vorzügen des getrennten Unterrichts profitieren, stellt sich die Frage, was mit den Jungen passiert, wenn die „braven“ Mädchen wegfallen? Profitieren sie genauso vom monoedukativen Unterricht?

Hier fällt die Antwort offenbar weniger eindeutig aus. Auch Irma Wüller, Rektorin der Domsingschule, sieht sowohl Vor- als auch Nachteile. Seit der Zeit Karls des Großen wurden an dieser Schule bis 2008 nur Jungen unterrichtet. Seither werden auch Mädchen an der Grundschule aufgenommen, der Unterricht findet jedoch nach Geschlechtern getrennt statt. Nur den Sport- und Schwimmunterricht besuchen die Grundschulkinder in gemischten Gruppen. Während die Eltern der Mädchen den getrennten Unterricht aus den genannten Gründen meist begrüßen, sind sie bei den Jungsklassen skeptischer, so die Rektorin. Es gebe durchaus Eltern, die ihre Söhne wegen des musikalischen Schwerpunktes und trotz  (nicht wegen) des biedukativen Systems an der Domsingschule anmeldeten.

Werden durch den getrennten Unterricht klassische Rollenstereotype noch verstärkt?

„Reine Jungenklassen haben eine eigene Dynamik“, meint Wüller. „Es gibt mehr Körpereinsatz, es wird lauter die Bestätigung durch die Gruppe gefordert und es ist wichtiger, sich etwas zu trauen.“ Von den Lehrern fordere das eine hohe Präsenz. Man könne nicht so viele Ausnahmen machen, und müsse etwas strenger sein, um die Energie der Kinder zu kanalisieren.
Andererseits sei der starke Wettbewerb unter den Jungen fachlich oft sehr bereichernd und motivierend für die Gruppe.

Auf solche geschlechtsspezifischen Unterschiede im Unterricht eingehen zu können, sieht Rektorin Wüller als großen Vorteil. Man müsse sich aber auch immer wieder kritisch fragen, ob man durch den getrennten Unterricht klassische Rollenstereotype noch verstärke. Zum Beispiel müsse man auf der Hut sein, nicht nur in den Jungsklassen über Fußball zu reden und genügend Raum für ruhige Jungen zu schaffen, die vielleicht lieber neben einem Mädchen sitzen würden.

Im Vordergrund stehe an der Domsingschule aber nicht die mädchen- und jungenspezifische Ausrichtung, sondern die individuelle Förderung der Kinder. Dabei könne man die Vorteile der homogenen Gruppe nutzen, um intensiver auf das einzelne Kind einzugehen.
Ähnliches gilt für das Ursula-Gymnasium: Die Schule wurde mit dem Gütesiegel für individuelle Förderung des Landes NRW ausgezeichnet und ist stolz auf ihr funktionierendes Förderkonzept, das dazu führt, dass kaum eine Schülerin eine Klasse wiederholen muss. Außerdem betont Rektor Biemans die Bedeutung des „Nebenbei-Lebens“ an der Schule. Der musische Schwerpunkt mit vielen Musik- und Theaterangeboten während und nach der Unterrichtszeit ist auch hier für viele Eltern und Schülerinnen ein mindestens so gewichtiges Argument für die Schule wie die monoedukativen Klassen.
Und diese scheinen durchaus beliebt zu sein. Ein gutes Drittel der Eltern sprach sich bei einer Befragung der Domsingschule im vergangenen Jahr explizit für die Beibehaltung der getrennten Klassen aus. Und auch die Kinder scheinen zufrieden zu sein: Die Übertrittsquote von der Domsingschule nach St. Ursula ist bei den Mädchen zumindest recht hoch. Für die Jungen besteht diese Möglichkeit nicht. Viele von ihnen wechseln nach der Grundschule zum bischöflichen Pius-Gymnasium. Die ehemalige Jungenschule nimmt seit 1991 auch Mädchen auf, was Schulleiter Dr. Josef Els als durchweg positiv bewertet: „Ohne Mädchen war die Stimmung hier viel ruppiger und machohafter“, meint er. Durch die gemischten Klassen habe sich die Lernatmosphäre deutlich entspannt. Daher sieht Els weder pädagogische Gründe für reine Jungenschulen, noch bestehe seitens der Eltern oder Schüler eine Nachfrage danach.

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