Geschenkemanagementmantra: Weniger ist mehr

in Aktuelles um die Ecke, Familienleben

Es ist Weihnachten, und Oma ist enttäuscht. Ihre dreijährige Enkelin hat sich zwar artig für das teure, pädagogisch wertvolle Holzlegespiel bedankt, lässt das Präsent aber nun links liegen und beschäftigt sich schon den ganzen Abend mit dem kitschigen Plüscheinhorn, das Patenonkel Udo billig in irgendeinem Ramschladen erstanden hat. Ebenso frustriert sind die Eltern des zehnjährigen Luca, der inmitten eines Haufens von Geschenkpapier und Präsenten im Wert von über 400 Euro sitzt – also fast 100 Euro mehr als letztes Jahr! – und trotzdem ein unzufriedenes Gesicht macht, weil von seiner Wunschliste zwei Posten fehlen. Weihnachten, das Fest der Liebe oder doch eher das Fest des Konsums? Die statistischen Daten über die Ausgaben für Weihnachtsgeschenke gehen stark auseinander, alle Befragungsinstitute kommen aber auf Mindestausgaben von etwa 200 Euro pro Person. Der Handelsverband HDE ermittelte für 2016 zu erwartende Ausgaben für Weihnachtsgeschenke von sogar durchschnittlich 477 Euro pro Person. Es steht zu vermuten, dass Geschenke für Kinder einen besonders hohen Anteil hieran ausmachen. In manchen Familien wird das Geschenkemanagement zum logistischen Großprojekt. So richtig begeistert scheint davon niemand, aber wie schafft man es als Familie, Kinderwünsche, Konsumdruck, die Ansprüche der Verwandten und, last but not least, den Weihnachtsgedanken unter einen Hut zu bringen?
Soziologin Barbara Leithe, die sich damit beschäftigt hat, wie ökonomische Muster sich in Familienstrukturen reflektieren, rät Eltern, lieber die Perspektive der Kinder beim Schenken in den Mittelpunkt zu stellen, statt sich an den eigenen Wertmaßstäben zu orientieren: „Wir Erwachsenen sind es gewohnt, Geschenke vorrangig nach dem Preisschild zu beurteilen. Für viele Eltern ist die Familie eine Art Investment, und das zeigt sich auch darin, dass sie, meistens unbewusst, monetären Wert und Zuneigung in Verbindung bringen. Ui, wenn der Opa dir so etwas Teures schenkt, muss er dich aber liebhaben! Aber ist das wirklich das, was wir unseren Kindern vermitteln wollen? Kinder bewerten Geschenke oft von sich aus ganz anders und lernen erst von uns, dass das Geld die größte Rolle spielt. Das haben übrigens meine Kinder mir beigebracht! Vor zwei Jahren gab es bei uns eine große Diskussion unter dem Weihnachtsbaum, weil mein Sohn, damals vier, enttäuscht war, dass seine Schwester, damals zweieinhalb, rein von der Anzahl her mehr Geschenke von der Oma bekam. Dass er die teureren Dinge im Paket hatte, spielte für ihn keine Rolle. Die Lösung der Oma: Im nächsten Jahr gab es für beide Kinder einen festen Geldbetrag, und sie durften sich im Spielzeugladen je ein Geschenk aussuchen. Ich war überrascht, was passierte: Meine Tochter suchte sich ein kleines Portemonnaie aus, das weit unter dem Betrag lag. Selbst, als ich sie darauf hinwies, wollte sie sich nichts anderes suchen. In das Portemonnaie hatte sie sich verguckt, das musste es sein. Bei meinem Sohn war es ähnlich, auch er blieb mit seinem Piratenkostüm unter dem Limit. Der Rest des Betrags wanderte stillschweigend in die Sparschweine der Kinder. Das machen wir dieses Jahr wieder so. Vielleicht entwickelt sich daraus ein kleines vorweihnachtliches Ritual.“

Rituale, da ist sich Barbara Leithe sicher, sind für Kinder wichtiger als teure Geschenke. „Denken Sie mal an Ihre eigene Kindheit zurück. Erinnern Sie sich eher daran, was Sie im Einzelnen geschenkt bekommen haben, oder steht im Vordergrund, dass Sie mit Ihrer Mutter zusammen die Krippe aufgebaut, mit Opa den Weihnachtsbaum geschmückt oder dem Vater beim Vorbereiten des Essens geholfen haben? Dabei ist es unerheblich, ob es sich um traditionelle christliche Rituale handelt oder um individuelle Familientraditionen. Man kann auch selbst Rituale erfinden, vielleicht sogar mit den Kindern gemeinsam. Das ist natürlich insbesondere für Familien wichtig, die nicht christlich ausgerichtet sind und trotzdem Weihnachten feiern möchten.“ Zentral ist dabei, dass die Rituale wichtig genommen, aber nicht zur unverrückbaren Regel erklärt werden. Lebendige Rituale sind immer auch Verhandlungssache und müssen den Bedürfnissen der Familie angepasst werden können, wenn zum Beispiel ein Geschwisterchen dazukommt, Eltern sich trennen, räumliche Veränderungen eintreten oder zwei Familien zusammenfinden. „In unseren Herkunftsfamilien gibt es sehr unterschiedliche Gepflogenheiten“, erklärt Barbara Leithe, „und wir tarieren auch nach mehreren Jahren Ehe immer noch aus, wie wir uns dazu verhalten wollen. Dazu gehört auch das Geschenkethema. Während die eine Oma die aus unserer Sicht sehr sinnvolle Ein-Kind-ein-Geschenk-Lösung verfolgt, ist die andere Oma nicht davon abzubringen, regelrechte Geschenkeberge unter dem Baum anzuhäufen. Unsere Kinder reagieren darauf irgendwann mit Überforderung. Die Stimmung wird angespannt, und sie freuen sich über das einzelne Teil gar nicht mehr richtig. Wir hoffen, dass wir hier irgendwann zu einem für uns alle guten Kompromiss finden. Denn den Kindern ist etwas ganz anderes wichtig: dass die Oma die Glocke läutet, wenn sie zur Bescherung ins Zimmer dürfen!“

Wer bringt die Geschenke?

Und wer bringt sie, die Geschenke? Fliegt denn die Christkind-Legende durch den gemeinsamen Besuch im Spielzeugladen nicht auf? „Doch, tut sie“, antwortet Barbara Leithe. „Wir machen uns darüber gerade viele Gedanken, zumal auch wir unseren beiden älteren bisher Kindern erzählt haben, dass das Christkind die Geschenke bringt. Das macht man halt so mit, weil man denkt, es würde den Weihnachtszauber für die Kinder verstärken. Aber im Nachhinein sind wir von dem Vorgehen nicht mehr überzeugt. Unsere Kinder haben schon früh gemerkt, dass wir unsere Finger bei den Geschenken im Spiel haben. Wir haben uns dann mit der Ausrede durchgemogelt, dass wir dem Christkind nur helfen. Aber ich glaube, dass die Kinder nur uns zuliebe mitspielen; sie wissen, dass wir sie anlügen, wollen uns aber nicht enttäuschen, indem sie das offenlegen. Wir sollten die Kinder nicht unterschätzen. Sie machen viel mit, wenn sie glauben, dass es uns Erwachsenen wichtig ist. Bei Kindern, die die Geschichte wirklich glauben wie ich damals, ist es noch problematischer. Ich war erschüttert, als meine älteren Geschwister mir erklärt haben, dass alles gelogen war. Ich hatte daraufhin nicht nur Misstrauen meinen Eltern gegenüber, ich habe auch angefangen, an den anderen Geschichten zu zweifeln, die mir über Jesus und Gott erzählt wurden. Wir stehen in unserer Familie da gerade vor einem kleinen Paradigmenwechsel: Unsere jüngste Tochter wird nicht mehr mit der Christkind-Legende aufwachsen. Wir werden stattdessen dazu übergehen zu erzählen, wie es wirklich ist: Wir freuen uns über Weihnachten und darüber, dass es den anderen gibt. Und als Symbol dafür schenken wir uns etwas. Das Schenken ganz abschaffen, wie es unter Erwachsenen gerade sehr verbreitet ist, wollen wir in unserer Familie nicht. Dafür macht es uns zu großen Spaß zu sehen, wie sich der andere freut. Aber da muss natürlich jede Familie eine eigene Position finden.“

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