Flohmarkthalle Liebigstraße schließt

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Des einen Freud, des anderen Leid: Während im ehemaligen Straßenbahndepot an der Talstraße im Zuge des Förderprogrammes „Soziale Stadt Aachen-Nord“ ein neues Stadtteilzentrum entsteht, verschwindet in der Aachener Liebigstraße klammheimlich und unbemerkt ein Stück Stadtgeschichte: Die Flohmarkthalle wird nach 20 Jahren dichtgemacht. Erfahren haben die Dauermieter einen Monat vorher davon.

In einer alten Industriehalle an der Liebigstraße findet jeden Samstag ein Flohmarkt statt. Dieser Markt ist ein faszinierendes Kuriosum, bei dem man noch echte Schnäppchen machen kann, denn weder werden hier Neuwaren angeboten noch überteuerte Antiquitäten. Alle Waren haben faire Preise und man geht fast nie mit leeren Händen. Das Publikum besteht großteils aus Menschen, die günstig kaufen wollen oder müssen, Kreativen und Heimatlosen, die hier ihr samstägliches Zuhause finden.
Seit ich in Aachen bin, besuche ich regelmäßig die Flohmarkthalle, seit 3 Jahren läuft mein Fotoprojekt. Ich starte rechts herum, vorbei an Dauermietern, die jede Woche in der Halle sind. Am Stand eines älteren Herrn mache ich immer den ersten Stopp und fotografiere seit 3 Jahren die gleiche Plastikblume, in der gleichen Schale. Zu Ostern ist der Stand österlich geschmückt – so wie die meisten Stände. Zu Weihnachten weihnachtlich. Heute – wir haben den 21. Juli – ist überall Weihnachtsdeko zwischen dem sonstigen Angebot aus Vasen, Porzellan und Figürchen. Komisch, fährt es mir durch den Kopf.
Die Standnachbarin kennt mich auch. Sie ist bereits beim Einpacken. Seit 5:30 Uhr ist sie hier. Extra früh kommt sie immer, damit sie auch einen Parkplatz vor der Tür bekommt. Für einen guten Platz würde sie auch um 2:30 Uhr aufstehn: „Ich bin doch alleine und niemandem Rechenschaft schuldig“, erzählt sie. Wenn sie zu Hause Zeit hat, gestaltet sie Glückwuschkarten. Richtig aufwendig, mit Klappbildern. Die holt sie nur heraus, wenn jemand am Stand verweilt und mit ihr spricht.

Die Stände müssen bis zum 25.8. abgebaut werden

Ein Stück weiter immer der gleiche Eisenwarenstand. Die Waren dürfe ich fotografieren, ihn nicht, gibt mir der charismatische marrokanische Verkäufer mit den Goldzähnen zu verstehen. „Aus religiösen Gründen“. Er und sein Landsmann, der immer zu Besuch ist, sprechen ein sehr gebrochenes Deutsch. Deshalb halte ich es für ein Missverständnis, was sie mir erzählen: „Die Halle macht in drei Wochen dicht.“
Es wird bereits abgebaut, seltsam viele Autos in der Halle.
Zwei Tische weiter zwei ältere Männer. Seit 18 Jahren habe er seinen Stand in der Halle. Sein Bekannter sitzt daneben, als gehöre er zum Inventar: „Ja, ich bin auch jeden Samstag hier.“
Sie halten mir einen Zettel unter die Nase: „Zum 31.8. schließt die Markthalle. Am 18.8. ist der letzte Verkaufssamstag. Im Anschluss findet der Abbau der Stände der Dauerbucher statt. Die Stände müssen bis zum 25.8. abgebaut werden.“
Resigniert starren sie in die sich leerende Halle. Merkwürdig ruhig ist es. Viele Tische sind jetzt um 15 Uhr schon leer. Ich frage mich, ob einige schon gar nicht mehr wiederkommen wollen.

Im anderen Teil der Halle gibt es im mittleren Raumbereich Tische, die nicht den Dauerbu-chern vorbehalten sind. Ein paar jüngere Verkäufer stehen hier noch an ihren Ständen.
Was sie wohl von der Hallenschließung halten?
Sie wissen gar nichts, erfahre ich. Zum vierten Mal sind die jungen Mädchen erst hier, wollten eigentlich öfter wiederkommen.
Die junge Katja nebenan ist zum erstem Mal mit Freund und Mops Luna angereist. Extra aus dem Bergischen sei man gekommen, zwei Stunden Fahrt für einen Weg. Sie würden ja gerne „in Flohmarkt machen“, hätten aber nicht so viel Glück. Der Regen dieses Jahr – und dann habe der Sturm ihnen den Pavillion zerfetzt. Da seien sie glücklich gewesen, jetzt die Aachener Halle gefunden zu haben – kein Wort von Vermieter Melan zur geplanten Schließung.

„Alle wollen doch den Ball flach halten“

Der Bereich links neben dem Eingang ist dem Trödelcafé von Monika und Gerd vorbehalten.
Monika ist die Seele der Halle. Vor 8 Jahren hat sie das Café von ihrem Vorgänger übernommen – er hat es abgeben, weil man hier nix verdienen kann. Monika hatte dann die Idee, das Café so aufzuziehen, dass es gleichzeitg Café und Trödelladen ist – was heißt, dass man jeden Tisch und jeden Stuhl und jedes Accessoire auch kaufen kann. Entsprechend bunt gemischt ist das Inventar, das aber genau dadurch seinen Charme versprüht.
Sie habe sich die Augen aus dem Kopf geheult, als sie von der Schließung erfahren habe, sagt
Monika. Und dann habe sie einfach die Aschen-becher wieder rausgeholt! In den letzten zwei Jahren hat Monika mit Argusaugen über ihre Flohmarkthalle gewacht. Jeden habe sie angesprochen, das Rauchen doch bitte zu lassen:
„Sie haben gesagt, sonst machen sie uns die Halle dicht.“

Von der Schließung habe man erst letzte Woche erfahren: „Alle wollen doch den Ball flachhalten, uns sagt doch keiner was“, äußert sie ihren Missmut.
Das Herausholen der Aschenbecher scheint jedoch der einzige Akt des Widerstandes zu sein. Erstaunlich passiv nehmen die Dauermieter die Situation hin. Sie und ihr Mann sind gesundheitlich angeschlagen, scherzhaft nennt sie das Café deshalb auch „Invalidencafé“. Was sie nach der Schließung machen sollen, ist Monika schleierhaft. Sie wissen noch nicht mal, wohin mit dem Caféhäuschen, einer einfachen Bretterhütte. „Vermutlich landen viele hier dann einfach beim Amt“, so ihre Sorge.

Frau Schmetterling war auch da

Im Café haben sich kurz vor Feierabend viele Freunde eingefunden. Olivia kommt seit vielen Jahren auch jeden Samstag. Kurt und Christa – das Paar von dem Stand mit der Plastikblume – sind auch da. Mindestens seit acht Jahren haben sie ihren Stand.
Der Verdienst sei doch eher Nebensache, so Christa. Gerade mal 45 Euro können sie heute mit nach Hause nehmen. „Wir wohnen doch hier!“, sagt sie leidenschaftlich. Jeden kenne man, und sie zählt auf: „Frau Schmetterling war auch da …“ Frau Schmetterling ist eigentlich die Roswita, aber sie sammelt halt Schmetterlinge, dann die alten Damen, die seit über 20 Jahren in die Flohmarkthalle kommen, die eine habe man zum Schluss immer mit dem Auto mitgenommen, weil sie nicht mehr laufen konnte.
Und von den kleinen Kindern vom anderen Ende der Halle werden Kurt und Christa immer stürmisch begrüßt. „Ach, die sind doch hier geboren!“

Was man dann in drei Wochen machen soll – keine Ahnung. Olivia macht sich auch Sorgen, wo sie denn die Freunde alle wiedertreffen soll. Hier helfe man sich. Viele haben ja kein Geld, da tausche man untereinander oder bringe den anderen auch mal was von zu Hause mit.
Melan habe gesagt, man sei auf der Suche nach einer neuen Halle …

Die Kehrseite der Medaille

Freuen können sich indes andere. Der AKV zum Beispiel. Was die Dauermieter nur aus Gerüchten heraushören konnten, scheint Wirklichkeit zu werden. Der Wagenpark des Aachener Karnevalsvereins kann bald in die Halle einziehen, nachdem sie ihr Domizil im alten Straßenbahndepot in der Talstraße verlassen müssen.
Die Talstraße wird im Zuge des Förderprogrammes „Soziale Stadt Aachen-Nord“ ein neues Stadtteilzentrum, in dem Einrichtungen aus dem sozialen Bereich mit Akteuren aus dem kreativen und kulturellen Milieu unter einem Dach zusammenkommen. Das Atelierhaus Aachen, der Deutsche Kinderschutzbund Aachen, die Designmetropole Aachen, ein Förderverein kulturschaffender Frauen, die Fachbereiche Gestaltung sowie Maschinenbau und Mechatronik der Fachhochschule Aachen, die katholische Kirchengemeinde Christus unser Bruder, die Jugendberufshilfe, die Kita Spielwiese, das Projekt Low Tec der Bleiberger Fabrik, die offene Tür Talstraße (OT), die Stadtteilbibliothek, das Stadtteilbüro sowie weitere kleinere Akteure werden hier Einzug halten.

Sicherlich ein Vorzeigeprojekt der Stadt. Schade nur, dass am anderen Ende klammheimlich und unbemerkt ein 20 Jahre altes Schätzchen über die Klinge springen muss. Hätte das dem Altstadtflohmarkt geblüht, wäre die Innenstadt sicher auf die Barrikaden gegangen. Der reizvolle Geheimtipp Flohmarkthalle hat leider keine so gute Lobby.

Wer noch ein paar letzte Schätze ergattern will, hat dazu noch an folgenden Terminen Gelegenheit: 4., 12 . und 18. August von ca. 6 bis ca. 14 Uhr | Flohmarkthalle Aachen, Liebigstraße.

Mehr Bilder aus den letzten 3 Jahren auf: www.birgitfranchy.de/index.php?/being/flohmarkthalle/

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