Eine Radtour mitten auf der Straße – mit Kindern zur „Critical Mass“

in Aktionen und Initiativen, Aktuelles um die Ecke, Sport

Wer regelmäßig mit Kindern in der Stadt Rad fährt, kennt die Tücken des Alltags: Da hört der Radweg plötzlich auf und mündet in die mehrspurige Fahrbahn, Verkehrsinseln an Fußgängerampeln sind zu schmal für ein Rad mit Anhänger, und Kleinkinder, die noch auf dem Gehweg fahren müssen, sind hinter den parkenden Autos am Fahrbahnrand kaum noch zu sehen. Oft ist das lästig und manchmal auch gefährlich. Deshalb trauen sich viele mit Kindern höchstens außerhalb der Stadt aufs Rad. Denn je enger es zugeht, desto wichtiger ist es, dass die Infrastruktur nicht nur für Autos, sondern für alle Verkehrsteilnehmer passt. Weil man als Radler keine Knautschzone hat und weil viele Autofahrer nicht mit Rädern rechnen. Schon gar nicht mit Kinderrädern. Und wer möchte schon, dass sein Kind von einer Autotür vom Rad gefegt wird, nur weil die Sicherheitsabstände zwischen Rad- und Parkstreifen zu knapp bemessen sind?

Eine Radtour, bei der man darf, was sonst für Fahrräder verboten ist: den ganzen Fahrstreifen einnehmen.
Da kann man schon mal ins Träumen geraten: Wie schön wäre es, die Straße einmal ganz für sich zu haben, als wäre sie für Radfahrer gemacht!
Diese Gelegenheit gibt es tatsächlich: Seit zwei Jahren rollt regelmäßig die Critical Mass durch Aachen. Eine Radtour, bei der man darf, was sonst für Fahrräder verboten ist: den ganzen Fahrstreifen einnehmen. Frei nach dem Motto: Wir stören nicht den Verkehr – wir sind der Verkehr.
Jeden letzten Freitag im Monat um 18 Uhr treffen sich am Elisenbrunnen durchschnittlich 40 Radfahrer, um eine Tour durch die Stadt zu machen. Auf der Straße. Nebeneinander. Im Pulk. Einfach so.
Grundlage dafür ist der Paragraph 27 der Straßenverkehrsordnung. Darin ist festgelegt, dass mehr als 15 Radfahrer einen Verband darstellen und zu zweit nebeneinander auf der Fahrbahn fahren dürfen. Die Kolonne soll sich dann verhalten, als wäre sie ein einziges Fahrzeug: Wenn der erste Fahrer die Ampel bei Grün überquert, gilt dieses Grün für die ganze Gruppe.
Ihren Ursprung nahm die Critical-Mass-Bewegung Anfang der 1990er Jahre in den USA. Inzwischen finden weltweit CM-Touren statt. In Deutschland bringen sie in etwa 50 Städten jeden Monat tausende Fahrradbegeisterte auf die Straße, die mit ihrer bloßen Anwesenheit im Stadtbild darauf hinweisen, dass in Deutschland noch viel zu tun ist für eine gute Rad-Infrastruktur.
Ende April haben wir die Aachener CM zum ersten Mal ausprobiert mit einer Hand voll Freunden, mit großen und kleinen Kindern teils auf dem eigenen Rad, teils von den Eltern gezogen oder im Anhänger.
Trotz strömenden Regens waren 25 Räder unterwegs, davon einige Lastenräder und auch ein paar Pedelecs. Die Tour ging in gemütlicher Geschwindigkeit vom Elisenbrunnen durch die Innenstadt, vorbei an der Jakobskirche, den Graben runter, durchs Frankenberger Viertel und über den Adalbertsteinweg zurück zum Elisenbrunnen. Dort gab es für diejenigen, die noch nicht vollständig durchgefroren waren, Kuchen und ein Glas Bier zum Ausklang.

Wie der Rosenmontagszug, nur ohne Konfetti

Während der anderthalb Stunden haben wir einige überraschende Erkenntnisse gesammelt: Die Leute reagieren sehr positiv auf den Rad fahrenden Pulk mitten auf der Straße. Bis auf zwei Taxifahrer, die mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit überholt haben, gab es nur positive Reaktionen: lachende Passanten, Touristen, die Handyfilme von der Truppe machten und viele rücksichtsvolle Autofahrer.
Die Gruppe gibt Sicherheit. Selbst auf mehrspurigen Straßen beim Links- abbiegen kann man mit so vielen Rädern nicht übersehen werden und fährt ganz entspannt.
Es ist ganz schön schwierig, sich nicht an die üblichen Verkehrsregeln zu halten: Man muss sich anfangs richtig überwinden, sich nicht sofort auf dem Fahrradstreifen einzuordnen und an der roten Ampel nicht zu halten. Mit der Zeit wird es aber besser und man fühlt sich ein bisschen wie der Rosenmontagszug, nur ohne Konfetti.
Es macht selbst bei nasskaltem Wetter unheimlich viel Spaß. Auch für die Kinder. Das Tempo ist moderat und die Gruppe so rücksichtsvoll, dass ein Grundschüler gut mitfahren kann. Und auf der Straße gibt es so viel zu sehen und zu erleben, dass sich ein Kindergartenkind nicht langweilt.

Fazit: Für alle, die gerne Rad fahren ist die Critical Mass ein prima (Familien-)Ausflug!

Termin: Jeden letzten Freitag im Monat um 18:00 Uhr
Weitere Infos:
www.criticalmass.de/aachen

Nächste Tour am 27. Mai 2016, Startpunkt Westpark (Eingang Lochnerstraße/Gartenstraße)
www.facebook.com/criticalmassaachen/
www.itstartedwithafight.de/critical-mass-deutschland/

Paragraph 27 (StVO): dejure.org/gesetze/StVO/27.html
Im Appstore gibt es die App Critical Maps, z. B. zum Finden der Gruppe (falls man verspätet dazustößt).

Bleibe immer auf dem Laufenden

Ich will nichts verpassen und möchte wöchentlich den kostenlosen KingKalli-Newsletter erhalten und über aktuelle Themen und Termine auf dem Laufenden gehalten werden.

Ich bin damit einverstanden, den Newsletter zu erhalten und weiß, dass ich mich jederzeit problemlos wieder abmelden kann.

Weitere Artikel

Hinterlasse einen Kommentar