Tarzan

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Vorgestellt von Marco Siedelmann
Wie „Das Dschungelbuch“ nur noch Rudimente von Kiplings Vorlage übrig gelassen hatte steht exemplarisch für den saloppen Umgang des Disney-Studios mit Literaturadaptionen. Auch die Groschenheft-Kultfigur Tarzan wird hier zum Protagonisten einer zart gesponnenen Familien- und Liebesgeschichte, sein tragisches Schicksal zur Hymne auf Individualität, Freiheitsdrang und den Ruf der eigenen Natur umgedichtet. Ähnlich wie zahlreiche andere Disneyfilme zuvor (angefangen mit „Bambi“ und „Dumbo“) beschäftigt sich auch „Tarzan“ mit der Heranführung von Kindern an schwere Themengebiete, hier der Verlust der Eltern und die Bewältigung von Schicksalsschlägen.

Gleichwohl diese Verfilmung ihre Meriten hat und im ersten Drittel gar ein richtig gutes Abenteuer verspricht, fällt den Regisseuren Kevin Lima und Chris Buck nicht viel ein, außer die Oldies zu plündern und sattsam bekannte Versatzstücke aneinander zu schrauben.

Die Geschichte hangelt sich ganz an den inneren Spannungen einer patriarchalisch strukturierten Familie ab: Nachdem Tarzans Eltern gewaltsam zu Tode gekommen sind, nimmt sich das Gorillaweibchen Kala des Babys an und zieht es wie die eigenen Kinder groß. Ihr Ehemann Kerchak dagegen, Anführer der Gorillafamilie, akzeptiert die Anwesenheit des Andersartigen nur zähneknirschend. Während Tarzan über die Jahre hinweg zum jungen Mann heranreift und sich mit seinen Gorilla-Freunden durch den Urwald schwingt, hat er trotz größter Bemühungen nicht die Anerkennung seines Ziehvaters errungen. Die Dinge verkomplizieren sich als eines Tages ein kleines Forscherteam in den Lebensraum der Affenfamilie eindringt: Der gutmütige Professor Porter ist ernsthaft an der Wissenschaft interessiert und will die Gorillas in freier Wildbahn studieren. Begleitet wird er von seiner schönen Tochter Jane und vom fiesen Expeditionsleiter Clayton, der den Gorillas lieber das Fell abziehen möchte. Tarzan wird bald vor eine gewichtige Entscheidung gestellt: Gehört er den Menschen an oder hat er seine wahre Familie im Dschungel?

Trotz vieler zärtlicher Momente und einer größtenteils einnehmenden Farbdramaturgie kann „Tarzan“ nicht zu den Höhepunkten im Disney-Universum gezählt werden: Vergleicht man ihn etwa mit den Zeichentrick-Großwerken der Vergangenheit, so fallen unangenehme Stilbrüche ins Auge. Der traditionelle Zeichenstil etwa wird arg verwässert durch einen übermäßigen Einsatz von Computereffekten, die den Bildern oftmals ihrer Texture berauben. Beispielsweise das Wasser ist zum ersten mal in einem Disneyfilm künstlerisch nicht überzeugend dargestellt, auch die vielen rasenden Kamerafahrten durch den Wald stechen unangenehm heraus – keine fünfzehn Jahre später wirken diese Sequenzen überholt und nicht gerade für die Ewigkeit gemacht. Ein noch größeres Problem ist das seltsame Ende, in dem unglaubwürdige Kompromisse geschlossen werden, die viel von den vorher aufgeworfenen Diskursen für nichtig erklären. Hier fehlt die Reife eines „Bambi“, der wesentlich mehr an die emotionale Stabilität seines Publikums geglaubt hat.

Weiterhin tauscht „Tarzan“ – und das ist wohl sein wichtigstes Alleinstellungsmerkmal – die klassischen Musical-Aspekte eines Disneyfilms (nur „Tarzan und der Zauberkessel“ verzichtete auf Gesangseinlagen) gegen die warmen Pop-Songs von Phil Collins, die später auch selbst zum Bühnenmusical umgeschrieben wurden. Tatsächlich sind Phil Collins Melodiebögen und Lyrics gelungen, die den Geist der (Disney-)Story einfangen – das der gute Mann seine Songs selbst in gebrochenem Deutsch interpretieren muss, ist aber nicht nur unangenehm narzistisch, sondern auch höchst kontroproduktiv für die Ohren von Kindern. Die dürften Verständnisprobleme haben und werden zudem noch mit einer kruden Aussprache konfrontiert – pädagogisch förderlich kann das kaum sein. Der deutsch untertitelte Audiokommentar von Kevin Lima und Chris Buck, sowie Produzentin Bonnie Arnold fällt zwar arg harmoniebedürftig aus, gibt aber auch wertvolle Einblicke in die Produktionsgeschichte und die technische Umsetzung dieses unterm Strich doch stromlinienförmigen Films. Weitere nennenswerte Extras präsentiert die BluRay nicht, die auch darüberhinaus nicht viel Kaufanreiz bietet. Die günstigere und ältere DVD verfügt über das gleiche Bonusmaterial und eine adäquate Bildschärfe: Das kristalline Bild der BD ist dagegen so scharf, dass die gestalterischen Unebenheiten noch mehr ins Auge stechen. Das neue Medium tut jedenfalls diesem Film keinen Gefallen.

USA 1999 | Regie: Kevin Lima, Chris Buck | Länge: 88 Min. | FSK: ohne Altersbeschränkung
BluRay erscheint am 02.08.2012

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