Die Invasion der Weihnachtswichtel

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Bei uns fallen sie pünktlich zum ersten Advent ein: Plötzlich sitzt ein kleiner Kerl im Schuhregal. Er hat eine rote Zipfelmütze auf und schaut uns mit seinen Kulleraugen schelmisch an. Sonst tut er nichts, aber man weiß sofort: Jetzt fängt die Wichtelzeit an und die Faxen halten Einzug. Am nächsten Morgen sind es schon drei: Ein Wichtelmädchen mit roten Zöpfen hat in einem Lego-Auto Platz genommen, und ein kleiner Kerl hat sich auf den Kronleuchter gesetzt. Jeden Tag werden es mehr, bis die ganze Truppe beisammen ist. Tagsüber sind die Weihnachtswichtel unbeweglich. Sie haben zwar die Augen offen, doch eigentlich schlafen sie. Deshalb dürfen sie auf keinen Fall gestört werden. Sonst verschwinden sie aus dem Haus und kommen nie mehr zurück. Aber nachts, wenn die Kinder im Bett sind, werden sie munter und treiben Schabernack: Sie rutschen die Murmelbahn herunter und reiten Rennen auf Ochs und Esel in der Krippe, sie klauen Schokolade aus der Schublade oder Kekse aus der Dose. Und wenn die Menschen morgens aufstehen, sitzt kein Wichtel mehr an seinem Platz. Dann geht das große Suchen los, und sobald einer entdeckt wird, ein großes Hallo: Der schwarze Wichtel sitzt im Kühlschrank! Was hat er da nur gemacht? Und können wir heute überhaupt Zähne putzen, obwohl ein Zipfelmützenträger im Zahnbecher eingeschlafen ist?

Vom Hausgott zum frechen Kobold

Die kleinen Wesen gehören seit der Wikingerzeit in vielen skandinavischen Ländern zum Volksglauben, in Dänemark heißen sie zum Beispiel Nissen.
In früher Zeit hatten sie die Funktion von Hausgöttern, die auf den Höfen lebten und sich um das Wohlergehen von Vieh und Menschen kümmerten. Der Nisse war klein wie ein Kind, aber uralt. Oft älter als der Hof, über den er wachte. Trotzdem war der Wichtel mit dem langen Bart weder gebrechlich noch besonders gutmütig, sondern musste mit größtem Respekt behandelt werden. Wer dies nicht tat oder vergaß, den Nisse mit süßem Brei zu füttern, konnte seinen Zorn und grausame Rache auf sich ziehen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die heidnischen Figuren vom Bürgertum in die Weihnachtstradition integriert und verloren dadurch ihren bedrohlichen Charakter. Zwar legten sie weiterhin Wert auf eine warme Mahlzeit (bevorzugt Milchreis), aber ansonsten wurden sie harmloser, halfen dem Weihnachtsmann beim Verpacken der Geschenke und begannen, in den Häusern Schabernack zu treiben.
Seitdem sind die Wichtel aus der Weihnachtszeit nicht mehr wegzudenken. Auf Postkarten sind sie tausendfach zu sehen mit roter Mütze und langem Bart, meist sehr klein, aber manchmal auch kaum vom Weihnachtsmann zu unterscheiden. Und natürlich als Deko-Püppchen in allen denkbaren Variationen. Kitschig, selbst gebastelt oder als Designerstück, inzwischen auch als Männlein und Weiblein zu haben, die die Fensterbretter und Kinderzimmer in der Winterzeit bevölkern.

Quatsch statt Kommerz

Wie bei so vielen Weihnachtsbräuchen liegt natürlich auch hier die Grenze zwischen Tradition und Kommerz nah beieinander. Doch auch wenn die Wichtel in den Schaufenstern der Geschäfte keine andere Rolle haben als hierzulande der Weihnachtsmann und Glitzerengel, gibt es doch einen entscheidenden Unterschied: Der Nisse nimmt diesen ganzen Weihnachtsrummel nicht so richtig ernst. Wo immer er auftaucht, macht er Unfug und bringt die Kinder zum Lachen. In manchen dänischen Kindergärten gibt es einen Weihnachtswichtel, der in der Adventszeit reihum bei den Kindern übernachten darf und in jedem Haus etwas anstellt. Es soll schon vorgekommen sein, dass die Katze am Morgen eine rosa Schleife am Schwanz hatte oder die Milch über Nacht im Kühlschrank blau wurde, wenn der Nisse da war. Dann gibt es natürlich viel zu erzählen, wenn man ihn in die Kita zurückbringt.

Seit die Wichtel bei uns eingezogen sind, gibt es eine Weihnachtsvorfreude im Haus, die allen Spaß macht und ganz ohne Geld und Termine auskommt. Man muss für sie nichts einkaufen oder aussuchen, keine Entscheidung treffen, was für wen passt oder ob jeder gleich viel bekommt. Die Wichtel warten auf dem Dachboden, bis ihre Zeit gekommen ist, und fangen dann an, Quatsch zu machen. Und jeden Morgen gibt es eine kleine Überraschung. Oder mehrere.

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