Gefühlte Bedrohung und Kriminalstatistik

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Ist Aachen zu einem gefährlichen Pflaster geworden, das von der Polizei quasi aufgegeben wurde und nur noch durch eine Bürgerstreife sicher werden kann, so wie es in den sozialen Netzwerken derzeit die Runde macht? Ein Blick in die Kriminalstatistik zeigt: Wenn es in Aachen nicht ganz anders aussieht als im Bundesdurchschnitt, muss da ein Zerrbild zwischen Realität und gefühlter Gefahrenlage entstanden sein. Ein Interview mit Werner Schneider, Leiter der Pressestelle der Polizei Aachen, gibt Aufschluss.
Der Artikel wird ergänzt mit einigen statistischen Daten im Überblick, außerdem stehen gerade die landesweiten Aktionswochen zum Einbruchschutz an „Riegel vor – Sicher ist sicherer“ (Termine unten).

Der Kriminalstatistik 2013 des Bundesministeriums des Inneren entnehme ich, dass die Zahl der Straßenkriminalitätsdelikte seit 1999 rückläufig ist (um 24 %). Auch die gefährliche und schwere Körperverletzung und die Jugendkriminalität sind zurückgegangen. Wie kommt es, dass sich die Menschen derzeit in vielen Teilen Deutschlands und auch in Aachen nicht mehr sicher auf der Straße fühlen? Weichen die Zahlen in Aachen so weit ab, dass es hier einen triftigen Grund gibt, sich nicht mehr sicher zu fühlen?

Werner Schneider: Im Gegenteil. Wir haben strategische Behördenziele, an denen wir kontinuierlich arbeiten. Eins davon ist die Bekämpfung des Straßenraubes. Wir setzen Zivilfahnder ein, um die Täter zu fassen, und erzielen gute Erfolge. Wir liegen bei der Zahl der Straßenraubdelikte noch immer 14,4 % unter den Zahlen von 2013. Im Januar/Februar hatten wir einen Hype an Fallzahlen, dann haben wir besondere Maßnahmen ergriffen und gute Erfolge erzielt. Bis zum August war es relativ ruhig. Als dann eine Häufung der Fällte auftrat, sind wir an die Presse herangetreten.
Das ist die objektive Realität.

Ganz anders sieht es mit der subjektiven Sichtweise aus. Da besteht derzeit eine große gefühlte Unsicherheit und Angst. Da herrscht ein regelrechter Medienhype, der die Gefahr gefühlt tausendmal höher erscheinen lässt.

Die Menschen sagen, da ist keine Polizei, die machen lieber einen Blitzmarathon, als uns zu schützen.

Werner Schneider: Unsinn. Wir sind gerade im Bereich Straßenraub zivil unterwegs, aber die Bürger möchten lieber Menschen in Uniform sehen, sonst heißt es: „Da ist keiner.“
Aber die zivile Fahndung macht bei diesen Delikten mehr Sinn. Wir wollen die Täter fassen und nicht vertreiben. Bei einer Vertreibung, wie durch eine Bürgerstreife geschehen kann und in anderen Orten schon geschehen ist, treiben die Täter dann einen Ort weiter ihr Unwesen.

Gerade Frauen schreiben in den sozialen Netzwerken, dass sie sich nicht mehr auf die Straße trauen, und freuen sich über die Präsenz der Bürgerinitiative „Wir helfen Aachen“, die seit zwei Wochen an den Wochenenden über die Straßen patrouilliert.

Werner Schneider: Frauen sind bei den Fällen von denen hier die Rede ist am wenigsten gefährdet. Die meisten Opfer sind junge betrunkene Männer. Wir hatten ein weibliches Opfer, das um 1:30 Uhr alleine im Stadtpark unterwegs war und deren Handy gestohlen wurde. Da müssen auch wir sagen: besser nicht mitten in der Nacht alleine in den Stadtpark.

Worauf wird die Häufung der Überfälle der letzten Wochen zurückgeführt? Gibt es eine spezielle neue „Tätergruppe“ in Aachen, die besonders Probleme bereitet, so wie es gemutmaßt wird?

Werner Schneider: Eine Häufung kann es immer geben und wir haben kein einheitliches Täterprofil. Wir haben Tatverdächtige aus dem deutschen Drogenmilieu, aber auch junge Afrikaner. Da ist alles dabei.

Muss man in Pressemitteilungen immer auf die Hautfarbe/Herkunft der Täter eingehen?

Werner Schneider: Wenn wir eine Fahndung ausschreiben, macht das natürlich Sinn.

Einige Taten wurden mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen in Zusammenhang gebracht. Gibt es dort mehr Probleme als mit anderen Personengruppen?

Werner Schneider: Wir haben die Zahlen seit 2013 beobachtet und können gerade neue Zahlen nennen. Mit den minderjährigen Flüchtlingen gibt es weniger Probleme als mit der deutschen Vergleichsgruppe.

Bei den Wohnungseinbrüchen lag Aachen 2013 bei den Städten über 100.000 Einwohner nach Bonn an Platz 2 in Deutschland. Konnte dieses Problem eingedämmt werden?

Werner Schneider: Als wir die Zahlen lasen, hat uns fast der Schlag getroffen. Dann wurde festgestellt, dass beim Bundesamt für Statistik bei Bonn und Aachen die Studenten nicht zur Stadt dazugezählt wurden. So kam es fälschlicherweise zu den zu hohen Pro-Kopf-Angaben bei den Einbrüchen. Die Angabe war also schlichtweg falsch. Nichtsdestotrotz ist die Bekämpfung der Wohnungseinbrüche in unserem Fünfjahresplan erfasst.

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke in der Entwicklung der letzten Wochen? Werden dort Ängste geschürt?

Werner Schneider: Die sozialen Netzwerke und die Art der Berichterstattung spielen eine sehr entscheidende Rolle. Der reißerischen Berichterstattung und der massenhaften Verbreitung auch von Falschmeldungen kann man nicht entgegenwirken. Das entwickelt eine Eigendynamik.

Ist die Polizei in den sozialen Netzwerken unterwegs?

Werner Schneider: Selbstverständlich sind Mitarbeiter online präsent und schauen sich die Entwicklung an.

Warum formieren sich an verschiedenen Orten in Deutschland seit 2013 wieder massiv Bürgerstreifen und Bürgerwehren und geben teils offen ihre rechte Gesinnung zu bzw. lassen rechte Hetzparolen auf ihren Seiten zu, während Kritiker dort nichts verloren haben?

Werner Schneider: Da liegen unterschiedliche lokale Begebenheiten zu Grunde, da kann ich kein allgemeines Statement abgeben.

Wie bewerten Sie die Bürgerstreife „Wir helfen Aachen“, die inzwischen über 5.000 Anhänger auf Facebook hat und die sich die Erfolge der letzten zwei Wochen in Aachen auf die Fahnen schreibt und deren Fans denken, die Polizei sei unfähig, die Bürger zu schützen?

Werner Schneider: Eine bewaffnete Bürgerwehr lehnen wir strikt ab. Gegen eine „Bürgerstreife“ kann erstmal nichts gesagt werden, solange sie sich an rechtliche Vorgaben hält. Wir haben die Gruppe im Blick. Aufmerksame Bürger, die Zivilcourage zeigen, sind immer begrüßenswert. So haben wir aber auch viele Bürger, die sich bei uns melden, weil sie „Wir helfen Aachen“ bedenklich finden.
Zur Bürgerstreife: Jeder Bürger, der Eigeninitiative ergreift, wird gewarnt, sich nicht selbst in Gefahr zu bringen, selbst straffällig zu werden oder gar die Gewaltspirale anzukurbeln.
Und zum Thema Erfolg der letzten Wochen: Unsere Erfolge mit zehn Festnahmen und einem Rückgang der Überfälle liegen vor dem Aufgalopp dieser Leute. Aber eins ist klar: Den Erfolg wollen sich dann viele Väter auf die Fahne schreiben.

Welchen Weg wollen Sie einschlagen? Wollen Sie die Gruppe verbieten wie die Polizei in Freiburg oder streben Sie die Zusammenarbeit an und wollen die Gruppe zu einem „Sicherheitspartner“ machen, wie es andere deutsche Gemeinden schon getan haben?

Werner Schneider: (lacht)
Das ist kein Sicherheitspartner.
Wir sind die Profis für Sicherheit.

Statistik Kriminalität in Deutschland:

(Quelle: Polizeiliche Kriminalstatistik 2013)

Im Vergleich der Jahre 1987 bis 2014 hatte das Jahr 1993 die höchste Kriminalitätsrate:
6.750.613 Delikte. Im Jahr 2013 waren es 5.961.662

Die Straßenkriminalität ist seit 1999 rückläufig (insgesamt 24 %).
2013 gab es 1.309.807 Delikte in Deutschland, die Zahl macht 22 % der Gesamtkriminalität aus.
Von 2012 bis 2013 gibt es nochmal einen Rückgang um 3,5 %.
Gefährliche und schwere Körperverletzung hat um 9,5 % abgenommen.
Schwerer Diebstahl (Mopeds, Krafträder) hat um 16,7 % abgenommen.
Handtaschenraub hat um 15,6 % zugenommen.
Straßenkriminalität in Aachen 2013 und 2014 im Vergleich:
2013 gab es in der Stadt Aachen 255 Straßenraubdelikte; die aktuelle Zahl der Raubüberfälle zum Vergleichszeitraum (Stand September 2013) ist um 14,5 Prozent gesunken (von 193 auf 165).

Der Wohnungsdiebstahl in Deutschland hat von 2012 bis 2013 einen Anstieg um 3,7 % erfahren.
Insgesamt 2013: 149.500 Fälle, davon 54.953 in NRW
Davon 2203 im Einzugsgebiet des hiesigen Polizeipräsidiums (ca. die Hälfte in Aachen)
Für 2014 liegt die Zahl derzeit bei 702 Einbrüchen

Rauschgiftdelikte sind um 6,9 % gestiegen. Insgesamt 2013: 253.525 Fälle

Das Tatmittel Internet/Betrug- und Warenbetrug hat einen Anstieg um 12,2 % erlebt. Insgesamt 2013: 229.408 Fälle

Die Zahl tatverdächtiger Jugendlicher bis 18 Jahre macht 9,1 % aus (190.205).
Die Gewaltkriminalität unter Jugendlichen ist um 11,9 % zurückgegangen.
Die Eindämmung der Jugendgewalt gehört zur Schwerpunktsetzung der gesamtgesellschaftlichen Anstrengung und der Präventionsarbeit.
25,7 % der Tatverdächtigen ist weiblich. Bei Kindern/Jugendlichen zwischen 12 und 16 beträgt der Anteil weiblicher Tatverdächtiger rund 33 %.

 

Deutschlandweite Schwerpunkte der Präventionsarbeit:

  • Einbruchschutz
  • Taschendiebstahl
  • Diebstahl von Kraftfahrzeugen
  • Sicherheit im Umgang mit neuen Medien

Da es jetzt in die dunkle Jahreszeit geht, steht gerade die Landeskampagne „Riegel vor – Sicher ist sicherer“ zum Thema Einbruchschutz an.
In unserer Region ist die Aktionswoche vom 20.-26.10.2014

z. B. Am Dienstag 21.10. ab 9 Uhr in Stolberg bei der Sparkasse, Rathausstraße 12, 52222 Stolberg
22.10., ab 9 Uhr, Sparkasse Alsdorf, St. Brieuc-Platz 1-3, 52477 Alsdorf
23.10., ab 9 Uhr, Sparkasse Würselen, Morlaixplatz 1, 52146 Würselen
24.10., ab 9 Uhr, Sparkasse Friedrich-Wilhelm-Platz 1, 52062 Aachen
25.10., ab 10 Uhr, Beratungsstelle des KK 44, Jesuitenstraße 5, 52062 Aachen

Infos zum Thema Einbruchschutz finden Sie auch im Internet:
www.polizei.nrw.de/artikel__158.html

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