Das Hotel Total deckt ein letztes Mal die lange Tafel

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Das dreimonatige Pioniermodell Hotel Total hat am Sonntag unter dem Motto #totallove seinen Abschied gefeiert. Der lange Tisch im Mittelschiff der hellen, offenen Kulturkirche wurde gedeckt mit Brot, Wasser und Wein; alles, was sonst noch gewünscht wurde – Dips, Käse oder Gürkchen – konnte mitgebracht und mit anderen geteilt werden. So wurde bei verschiedenen Performances ein großes gemeinsames Abschiedspicknick veranstaltet. Mit dem letzten Event im Hotel Total wurde alles verbunden, was das Projekt der drei Visionärinnen Anke Didier, Patricia Yasmine Graf und Julia Claire Graf ausmacht: Offenheit für alle Besucher, soziale Vernetzung, Integration, Kreativität, Kunst und Kultur sowie eine große Portion Herzlichkeit.

Idee und Umsetzung

Das Pop-Up Hotel und zugleich neue Heimat für Kunst und Kultur in der ehemaligen St. Elisabeth Kirche auf der Jülicher Straße demonstrierte diese Eigenschaften drei Monate lang erfolgreich. Übernachten in der außergewöhnlichen Kulisse einer Kirche inklusive Rezeption und Bar: das konnten Gäste an den Wochenende umsonst. Der Andrang war so groß, dass die Übernachtungen ausgelost werden mussten. Designt wurden die Boxen von FH Studenten des Fachbereichs Gestaltung, die jeweils unter einem anderen thematischen Motto stehen. Bei den Hotelzimmerboxen gab es keine Vorgaben außer den Maßen und so wurden am Ende von den zehn zu Auswahl stehenden Modellen fünf in der Kirche aufgebaut. Das Spiel mit Licht und Schatten greift die Box „Film Noir“ auf. Im Outdoor-Inn wurden Camping Wünsche unter dem Sternenhimmel wahr. In einer anderen, von der Natur inspirierten Box konnte man beschützt unter einem bis unter die Decke wachsenden Baum einschlafen. In der Box „Alles Gute kommt von oben“ hingen nicht nur Spiegel und Kleiderbügel von der Decke herunter, sondern sogar das Bett selbst. Mutige konnten im Himmelbett quasi unter freien Kirchenhimmel nächtigen.
Nicht nur ein Hotel-, sondern auch ein Bistrobetrieb spielte sich in der Kirche ab. An der Gloriabar wurden zum Kaffee oder Mittagessen diverse Leckereien angeboten. Die Leuchtbuchstaben des alten Gloria-Kinos am Kaiserplatz ragten empor an der Spitze des Kirchenschiffes. Auch ein Austragungsort der verschiedensten kulturellen Events war das Hotel Total die letzten Monate. Lesungen, Auftritte von Singersongwritern, Yoga-Kurse und Tanzworkshops sind nur einige Beispiele. Bei einer Modenschau wurde sogar der Beichtstuhl mal eben zur Umkleidekabine umfunktioniert. Total vielseitig eben.

Beteiligung

Zu einem reifen Konzept wurde die Idee eines für jeden offenen Ortes für Kunst und Kultur bei einem gemeinsamen Brunch der drei Entwicklerinnen ausgearbeitet, erzählt Julia Claire Graf bei der Führung durch ihr vollendetes Projekt. Mehr aus Aachen machen, einen Ort zu schaffen, den es so noch nicht gibt in Aachen – unter diesen Leitvorstellungen stand die Projektidee. Ein individuelles Hotel, das es sonst in ähnlicher Art oft nur in größeren Städten gibt, war die Vision. Danach ging alles ganz schnell, sogar schneller als gedacht. Auf der Suche nach Förderprojekten stießen sie auf den „CreateMedia.NRW“ Wettbewerb. Nur wenige Tage hatten sie noch Zeit das Projekt einzureichen, aber es hat geklappt. Das war vor ungefähr einem Jahr.
Mit vielen Beteiligten und Unterstützern wurde das Projekt innerhalb weniger Monate realisiert. Es stand unter der Schirmherrschaft Marcel Philipps. Abgesehen von dem Fachbereich Gestaltung brachten sich auch Studenten des Fachbereichs Wirtschaft mit ein. Eine Marktzielgruppenanalyse und die Businesspläne wurden von ihnen durchgeführt. Alles durchdacht eben. Gemeinsam mit Langzeitarbeitslosen und Menschen mit Fluchthintergrund wurden die Modelle handwerklich umgesetzt. Ein Integrationsprojekt, ohne dass das fette Label Integration draufsteht, die Integration entstand bei der Arbeit im Team. Die Motivation der Mitarbeitenden war hoch. Ein junger Mann mit Fluchthintergrund wollte am liebsten keinen Tag frei haben, suchte sich regelrecht seine Aufgaben. Eines Nachmittags hat er angefangen aus Lederstoffresten Taschen herzustellen, aus denen eine ganze Kollektion hervorgegangen ist.

Aber auch der digitale Aspekt wurde bei der Planung nicht vernachlässig und diesem kann man sogar noch nach Abbau des Pop-Up Hotels nutzen. Gemeinsam mit dem ifU-Institut für Unternehmenskybernetik wurde eine City-App entwickelt. Die App gibt es sowohl für Android als auch für iOs. Sie führt den Nutzer durch das Kirchengemäuer. Durch Einscannen der QR-Codes, die im Gebäude auf Post-Its verteilt waren, konnte man außerdem interessante Details über die Kirche und rund um die Kirche erfahren. Beim Scannen des Codes neben dem Beichtstuhl, landet man auf einer Website, auf der man online die Beichte ablegen kann. Doch damit noch nicht genug. Auch die Kaiserstadt kann mit der App auf neue Weise erkundet werden. Wer die Stadt abseits von Dom und Aachener Printen kennenlernen möchte, kann durch die individuellen Tipps der App unter anderem „total leckere“ Restaurants, „total anziehende“ Läden oder „total spritzige“ Bars finden.

Die Wirkung des Raumes „Kirche“

Doch trotz der vielen Beteiligten und dem buntgemischten Angebot im Bereich Gastronomie und Events wurde das Gebäude nicht wie eine Mehrzweckhalle behandelt, das kann es auch gar nicht, aufgrund der persönlichen Bindung vieler zu dem Gebäude. Für viele Kirchenbesucher war die Kirche lange Zeit ein Ort der Besinnung und der Geborgenheit. So könnte man erwarten, dass sie skeptisch gegenüber der Raumumnutzung der Kirche waren, doch für viele ehemalige Besucher der St. Elisabeth Kirche war es schön, die Kirche überhaupt wieder geöffnet zu sehen und sie nicht mehr hinter dunklen verschlossenen Türen zu wissen. Sie besuchten das Hotel Total mit unzähligen Anekdoten im Gepäck über Hochzeiten, Messdienergeschichten oder Taufen, die dort vor Jahren stattgefunden haben. Sie waren auch dem neuen Projekt gegenüber offen und angetan von dem heimeligen Gefühl, welches die Räumlichkeiten vermittelten. Julia Claire Graf freut sich über solche Anekdoten, denn das seien Geschichten, die den Ort lebendig halten. Die Fotos der Kommunion eines Mannes, die er bei seinem Besuch mitbrachte, wurden sogar eingerahmt und erhielten einen Ehrenplatz.
Der sakrale Charakter des Gebäudes wurde durch die Hochhaltung des Gemeinschaftsgefühls gewahrt und wurde gepaart mit moderner Urbanität, so dass die Bedeutung von Gemeinde in die heutige Zeit übertragen wurde. Kleine Aufmerksamkeiten, wie solche, dass es an der Theke der Gloria Bar Wasser umsonst gab, sodass auch diejenigen, die sich kein Getränk leisten können an dem langen Gemeinschaftstisch Platz nehmen konnten, sollten auf den gemeinschaftlichen Charakter des Projekts hinweisen.

„Erstmal Urlaub!“ und dann Zukunft

Während der Umsetzung des Projektes und des laufenden Betriebs wurde das Projekt ein Vollzeitjob für die drei Initiatorinnen. Auf die Frage, was sie danach machen würden, lacht Julia Claire Graf und sagt: „erstmal Urlaub!“. Doch welche Musik spielt die Zukunft für das Projekt? Nicht erst nachdem am Sonntag das letzte Mal die Türen des Hotel Totals geöffnet wurden, fragt man sich, ob nach der dreimonatigen Testphase vielleicht etwas Längerfristiges entstehen könnte. Wichtig ist es den drei Projektleiterinnen auch für die Mitarbeiter Wege in die Zukunft zu bereiten und Programme der Förderung zu finden. Gerade bei den Flüchtlingen konnte man sehen, wie sehr es geholfen hat, dass sie eine Aufgabe hatten.
Druck mit dem Abbau hat das Team seitens des Eigentümers Norbert Hermanns nicht. Erst Ende November müssen die Schlüssel abgeben werden. Die Motivation weiterzumachen, besteht bei den Projektleiterinnen auf jeden Fall. Um genauere Pläne zu fassen, muss jedoch erstmal etwas Abstand gewonnen werden, um dann neue Ideen beim Kragen zu packen. Investor Norbert Hermanns – so verrät Julia Claire Graf – könnte sich für das Gebäude ebenfalls eine Mischung aus Co-Working und Kulturraum vorstellen. Was genau wird, ist natürlich noch unklar, doch es bleibt zu hoffen, dass die Türen der Kirche für neue Ideen, Inspirationen und sozialrelevante Projekte offen bleiben.

Text: Katrin Lückhoff
Fotos: Birgit Franchy

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